Kugelbomben, Raketen, Polen-Böller: In Berlin und anderen Großstädten geht es an Silvester bisweilen wild zu. In einer neuen Reportage nimmt das Y-Kollektiv die ungebrochene Begeisterung für Feuerwerkskörper in Augenschein - zwischen Feuerwehreinsatz und Rakete im Po.
Ein Zwölfjähriger mit schweren Verletzungen nach der Explosion einer Kugelbombe in Berlin, zwei tote Jugendliche in Bielefeld: Auch beim jüngsten Jahreswechsel schrieben einmal mehr tragische Unglücke im Zusammenhang mit Feuerwerkskörpern Schlagzeilen. Das ARD-Rechercheteam vom Y-Kollektiv hat nicht nur Monate vor dem Jahreswechsel in der Pyro-Community recherchiert, sondern war auch gemeinsam mit der Neuköllner Feuerwehr in der Silvesternacht auf den Straßen unterwegs. "Böllern extrem!" heißt der Film, der in der ARD-Mediathek abrufbar ist.
"Ich habe Respekt vor der Nacht, weil du nicht weiß, was passiert", erklärt Feuerwehrmann Antoni gegenüber Reporter Johannes Musial. "Worst Case wäre, dass wir angegriffen werden." Dazu kommt es zwar nicht, dennoch landen Raketenquerschläger bei einer Einsatzfahrt am Feuerwehrauto. "Ich habe noch nie so was erlebt, das war die pure Katastrophe. Es wurden Raketen auf Menschen geschossen", berichtet ein sichtbar geschockter Berlin-Besucher den Reportern auf der Straße.
Verkäufer handelt mit 500-Gramm-Böller: "Was die Käufer damit machen, ist mir egal"
Um Jugendliche speziell in Problemvierteln von Berlin für die Gefahr von Sprengkörpern zu sensibilisieren, gibt der Kiezbeauftragte Antoni Workshops. Nach einer "etwas schwierigen Kindheit" wolle er Jugendlichen vermitteln, "dass man auf Mitmenschen achtet", erklärt er seine Intention. Es sei "alltäglich" an Silvester, dass Leute mit Schreckschusspistolen unterwegs seien, schildert einer der Jugendlichen, Mohammed. Sein Freund Killian fügt an: "Man geht nicht vor die Tür, weil es so dolle ist."
Aufnahmen aus der Silvesternacht zeigen in der ARD-Doku Menschen, die aus der Hand Raketen zünden, Raketenwerfer benutzen oder Sprengkörper quer über die Straße schießen. Wie einfach es ist, auch an illegale Böller zu kommen, offenbaren Recherchen des Y-Kollektivs: Eine einfache Google-Suche oder der Zugang zu den richtigen Telegram- oder Discord-Gruppen reicht oft schon. Einzig: Sprechen will mit den Filmemachern lange niemand, in der Online-Pyro-Community grassiert gar bald der Aufruf, Kontaktanfragen der Journalisten abzublocken.
Wer nicht im Internet kauft, bekommt Böller im Ausland - und zwar erschreckend leicht. "Hier kann man Sachen kaufen, die wären in Deutschland illegal", erklärt Reporter Musial in Polen. In einem Geschäft stößt er mit versteckter Kamera sogar auf einen 500-Gramm-Bölller. Zum Vergleich: Ein in Deutschland handelsüblicher Böller bringt es auf 2,5 Gramm. "Was die Käufer damit machen, ist mir egal", erklärt der Verkäufer.
Brüder geben 2.000 Euro für Silvester-Feuerwerk aus, Freundin findet es "bescheuert"
Während in Politik und Gesellschaft immer wieder über Böllerverbote debattiert wird, scheint die Begeisterung für Feuerwerkskörper ungebrochen zu sein. Auch die Essener Brüder Dwayne und Jeremy sind Hardcore-Fans. In der ARD-Doku begleitet sie das Team zum jährlichen Einkauf vor Silvester. Die knapp 2.000 Euro, die sie dieses Mal ausgegeben haben, seien noch wenig im Vergleich zu den Vorjahren, sagen sie. "Bescheuert", meint eine der Freundinnen der Brüder dazu nur.
"Es gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Laune", erklärt Dwayne während seiner Einkaufstour durch 25 verschiedene Geschäfte. Silvester sei "einfach eine magische Zeit". Etwa 20.000 Euro hätten die beiden in den vergangenen Jahren für Feuerwerk ausgegeben, rechnet Jeremy vor. Und sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht: Mit wahnwitzigen YouTube-Videos, Werbeeinnahmen und Sponsoring verdienen sie ihren Lebensunterhalt.