Die Volksbühne wird jährlich mit mehr als 20 Millionen Euro bezuschusst. Die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff aus dem Berliner Abgeordnetenhaus sieht die Aktion mit dem Pool in Zeiten des Spardrucks kritisch: «Ich hätte mir das Geld für die kleinen Spielstätten, speziell Jugendtheater gewünscht.» Statt sich den Traum des Schwimmmeisters zu erfüllen, «sollten besser die Plätze bei Vorstellungen gefüllt werden».
«Über das Volksbad redet schon jetzt die ganze Stadt»
Die Volksbühne will mit dem Projekt auch Menschen anziehen, die sonst vielleicht nicht ins Theater gehen. Für ihn sei es auch das Anprangern eines sozialen Missstandes, meinte Lilienthal in einem rbb-Interview. Nämlich: dass Infrastruktur wie Bäder, S-Bahnen und Schulen unzureichend funktioniere. «Und das Volksbad ist ein politischer Protest dagegen.»
Eine Sprecherin des Theaters erklärt, auch sie fänden die Lage der freien Theaterszene schwierig und wollten sie in ihren Interessen unterstützen. «Das Projekt hilft hoffentlich auch die Wichtigkeit der Kultur in der Stadt Berlin zu zeigen und diese damit zu stärken.» Zur Eröffnung ziehen die ersten Badegäste ihre Bahnen, Menschen essen Pommes, machen Fotos.
Lilienthal verstehe etwas von Werbung für sein Haus, sagte Journalist Arno Frank, der etwa für den «Spiegel» schreibt. Dass die Spielzeit im Oktober mit «House of Hopes» von Rimini Protokoll eröffnet werde, wisse nur, wer sich wirklich für Theater interessiere. «Über das Volksbad aber redet schon jetzt die ganze Stadt. Und bald - jede Wette - das ganze Land.»
Lilienthal verlagere die Bühne ins Freie, öffne sie für das ganze Volk und übe mit dem Projekt auch Kritik an einer Kommerzialisierung öffentlicher Räume. Wann sei zuletzt ein neues öffentliches Freibad eröffnet worden? Die Volksbühne nehme das Geld in die Hand und setze darauf, dass in den Köpfen der Menschen wieder eine Ahnung keime, was diese Stadt sein könnte.
Was alles geplant ist
Geplant ist auch Programm wie ein Kraulkurs oder Synchronschwimmen. Und weil es ordentlich zugeht in Deutschland, gibt es auch Vorgaben, wie viele Menschen gemäß einer DIN-Norm gleichzeitig ins Wasser dürfen - maximal 46. Bis Oktober soll das Bad bleiben, mit knapp 20.000 Badegästen wird bis dahin gerechnet. Das Becken wurde gemietet. Andere Materialien sollen später für Inszenierungen verwendet werden.
Inspiriert ist das Projekt von Performancekünstlerin Florentina Holzinger, die gerade den österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig bespielt. Sie lässt Frauen dort nackt Jetski fahren. Oder in einem Tank abtauchen, der angeblich mit geklärtem Urin gefüllt ist.
An der Volksbühne zeigte sie neben «Sancta» (über die Kirche) und «A Year Without Summer» (mit lesbischer Orgie und Fäkalienschlacht) auch «Ophelia's Got Talent». Eine Art Talentshow nackter Performerinnen mit großem Wasserbecken. Das hat Lilienthal auch auf die Idee des «Volksbads» gebracht, so nennt die Volksbühne das temporäre Freibad.
Holzinger soll 2028 an der Volksbühne wieder ein neues Stück inszenieren, bereits zum Ende des Freibads plant sie dort eine Aktion. Was genau? Wird man sehen. Bis dahin gibt es erstmal Planschen und Pommes. Mit der Arschbombe allerdings wird es schwierig - Reinspringen ins Becken ist nicht erlaubt. Das Becken ist nämlich nur 1,30 Meter tief.