Vorab-Wirbel um Friedmans Rede
Friedmans Rede war vor allem darum mit Spannung erwartet worden, weil es um die geplante Veranstaltung im Vorfeld einiges an Wirbel gegeben hatte. Friedman selbst machte die Tatsache, dass er dazu ein- und wieder ausgeladen worden war, öffentlich und seinem Ärger darüber Luft.
Es folgte harsche Kritik an den Festspielen, auch aus der Politik - und eine Entschuldigung von Festspiel-Chefin Katharina Wagner, die sie bei der Eröffnung des Jubiläums noch einmal wiederholte. Vor seiner Rede dankte sie ihm für seine Teilnahme an der Veranstaltung, die sich explizit mit dem «Ungeist, der vom Grünen Hügel ausging» befassen sollte. Das sei heute wichtiger denn je.
Friedman nahmt die Gelegenheit zum Anlass, zu Engagement für Demokratie und gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft aufgerufen. «Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen», fragte er im Festspielhaus bei einer Gedenkveranstaltung für während des NS-Regimes verfolgte und ermordete jüdische Musiker.
Inzwischen sei klar, «dass wir den Anfängen nicht genug gewehrt haben, sondern mittendrin sind», sagte er auch mit Blick auf Sachsen-Anhalt, wo die AfD rund sechs Wochen vor der Landtagswahl laut Umfragen mit mehr als 40 Prozent deutlich vorn liegt.
Gerade den Menschen, die heute gern nörgelten, müsse man klarmachen: «Sie müssen demokratisch wählen, damit sich morgen noch entspannt nörgeln können.»
Friedman, aus dessen Familie seinen Angaben zufolge 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, betonte: Hass auf Juden, Hass auf Muslime, Hass auf Frauen oder Homosexuelle sei vor allem eins: Hass auf Menschen. «Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal», sagte Friedman. Darum müssten alle überzeugte Demokraten ihre Stimme erheben und Werbung machen für «das bessere Produkt».
Kulturstaatsminister nennt Rede «historisch»
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nannte Friedmans Rede und die Neuausrichtung der Bayreuther Erinnerungskultur «historisch». «Michel Friedman hat eine große, eine historische Rede gehalten. Er hat den Finger in die Wunde der Erinnerungspolitik gelegt und hat damit eine große Versöhnungsgeste gelebt, die allen Beteiligten guttut. Katharina Wagner hat sich entschieden, die Erinnerungspolitik Bayreuths und der Familie Wagner neu zu definieren», sagte er.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Vortag in seinem Grußwort an die dunkle Seite der Festspielgeschichte und auch Wagners selbst erinnert, dessen Antisemitismus immer wieder Anlass zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Komponisten gibt. Er zitierte Thomas Mann und empfahl bei Wagners Musik: «genießen, aber nicht ohne Misstrauen». «Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung», sagte Merz. Besser sei eine kritische Auseinandersetzung, wie sie bei den Bayreuther Festspielen geschehe: «Spät, aber es ist geschehen.»
Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) sagte: «Dieses neue Gesicht, das Bayreuth mit diesen Festspielen zeigt, kann weit über den Grünen Hügel hinaus Vorbild sein für vieles andere bei uns im Land.»