Fast 30 Jahre wog sich der Mörder in Unterfranken Sicherheit: Er hatte eine 22-Jährige vergewaltigt, auf sie eingestochen und die totgeglaubte junge Frau schließlich in einem Waldstück in Aschaffenburg verscharrt. Trotz Großfahndung und Belohnung führte zunächst keine Spur zum Täter.

Viele Jahre blieb der Fall ungelöst. Doch 2015 nahmen sich unterfränkische Mordermittler den sogenannten Cold Case noch einmal vor - und konnten dank winziger DNA-Spuren, die nun verwertbar waren, die Fährte wieder aufnehmen. Im Oktober 2017 fassten sie den mutmaßlichen Täter. Der gestand zwar die Vergewaltigung, leugnet aber den versuchten Mord. Derzeit steht der Verdächtige in Aschaffenburg vor Gericht.

Fast im Wochentakt gibt es derzeit ähnliche Erfolgsmeldungen über nach Jahren geklärte alte Mordfälle quer durch Deutschland: In Weimar klärte vor kurzem eine eigens eingerichtete Sonderkommission den Mord an der 1991 verschwundenen, damals zehnjährigen Stephanie. Nun hofft die Kripo, zwei weitere Morde an Kindern klären zu können.


Geklärte Fälle quer durch Deutschland

Besonders bemerkenswert ist der Fall des Göhrde-Mörders in Niedersachsen. Ihn fand der pensionierte LKA-Chef von Hamburg, Wolfgang Sielaff, fast im Alleingang bei der jahrelangen Suche nach seiner 1989 spurlos verschwundenen Schwester. Im vorigen Jahr entdeckte ein Grabungsteam ihre Leiche, einbetoniert in den Boden einer Garage im Haus des mutmaßlichen Täters. Heute geht die Polizei davon aus, dass er vor rund 30 Jahren auch zwei Liebespaare in der Göhrde - einem Naherholungsgebiet bei Lüneburg - ermordet hat, möglicherweise mit Hilfe eines bisher unbekannten Komplizen.

Inzwischen prüfen Mordermittler auch in der Region zwischen Main und Neckar, ob sie so auf die Spur eines Serienkillers gekommen sind, der vor 30 Jahren junge Anhalterinnen ermordet und so gut versteckt hat, dass sie bis heute nicht gefunden wurden. Sie nehmen 24 weitere Fälle unter die Lupe. Der Verdächtige, der sich in Untersuchungshaft erhängte, hatte zeitweise im Raum Heilbronn gelebt.


Aufklärung in Privatinitiative

In Bayern weist die Polizei jedes Jahr stolz darauf hin, dass über 90 Prozent aller Morddelikte geklärt werden. Aber auf Nachfrage bestätigt das Innenministerium zu den sogenannten Cold Cases: Derzeit gelten mindestens 185 Fälle im Freistaat als ungeklärt, die in den vergangenen 30 Jahren passiert sind - darunter 85 Mordversuche. Natürlich könnten weitere dazukommen, die bisher beispielsweise als Vermisstenfall oder natürliche Todesursache geführt werden.


Seltene Nebenbeschäftigung

Aber wann wird ein Fall nach Jahren wieder aufgegriffen, und wann verstaubt er ungeklärt im Archiv? Offizielles Credo von Polizei und Staatsanwaltschaft ist zwar: "Mord verjährt nie." Aber tatsächlich können sich Mordermittler oft nur dann um einen Altfall kümmern, wenn gerade kein aktueller Mord alle Kräfte bindet - also nur selten. "Und natürlich hängt es vielfach am Ehrgeiz und Sachverstand einzelner Ermittler, ob sie sich noch einmal und immer wieder in den Fall verbeißen oder die Akte irgendwann resigniert wieder weglegen", gibt ein langjähriger Kripomann zu.

Zwar liegt die Aufklärungsquote bei Mord in der Region bei rund 95 Prozent. Doch die Rechnung ist einfach: Von den bundesweit etwa 300 als Mord identifizierten Todesfällen pro Jahr, bleiben zehn bis 20 ungelöst. Über die Jahre hinweg sammeln sich so Hunderte von Fällen an - die bisher gar nicht erst erkannten Fälle noch nicht eingerechnet.


Winzige DNA-Spuren hilfreich

"Der Fortschritt der Wissenschaft gerade bei der Auswertung winziger, vielleicht unvollständiger DNA-Spuren ist in solchen Fällen unglaublich hilfreich für uns", sagt ein anderer Mordermittler. "Nach Jahren können wir plötzlich winzige Spuren zuordnen, mit denen wir ursprünglich nichts anfangen konnten." Bisweilen brechen auch Zeugen des Verbrechens oder Vertraute der Täter ihre Schweigen. Manchmal hilft es, wenn ein neuer Sachbearbeiter nach Jahren noch einmal mit unverstelltem Blick auf die Ermittlungen schaut - und möglicherweise einen Ansatz findet, der bisher übersehen wurde.

Doch längst plädieren die Führungsebene der Ermittler und die Gewerkschaften der Polizei und Kripo dafür, die Aufklärung der Cold Cases professioneller anzugehen. "Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig. Man muss sich nur einmal ansehen, wie beispielsweise die Eltern der 2005 in Australien getöteten Simone Strobel aus Unterfranken unter der Ungewissheit leiden. Da ist man verpflichtet, alles zu tun, um den Täter zu fassen", sagt ein Mordermittler.

Andere Bundesländer machen es vor: Das Landeskriminalamt von Nordrhein-Westfalen baut nach WDR-Informationen eine Datenbank zur Klärung ungelöster Mordfälle auf. In dieser sogenannten Cold-Case-Datenbank sollen Akten selbst aus den 1970er Jahren noch erfasst werden. Dabei geht es um eine systematische Analyse dieser archivierten Fälle und auch darum, mögliche Parallelen abzugleichen.

In Hamburg hat LKA-Chef Frank-Martin Heise im Herbst 2016 eine eigene Cold-Cases-Einheit gegründet, um zu zeigen, "dass Getötete, Vermisste und deren Angehörige in Hamburg eine Lobby haben". Kiel hat seit Ende 2015 eine ähnliche Einheit, ebenso Frankfurt. In Brandenburg und Berlin sind Cold-Case-Einheiten das Thema.


Bayern als Schlusslicht?

Doch Bayern tut sich schwer damit. Dabei hatten hier schon 2015 hohe Polizeiführer in einer Arbeitsgruppe die Schaffung einer Cold-Case-Einheit vorgeschlagen. Die Arbeitsgruppe sollte sich Gedanken darüber machen, welche Lehren aus den Ermittlungspannen und Versäumnissen bei der Aufklärung der rechtsextremen NSU-Morde zu ziehen sind. Doch der Verbesserungsvorschlag liegt seit drei Jahren im Innenministerium.

Auf Anfrage erfuhr unsere Zeitung, dass Bayerns Innenminister Joachim Herrmann dem Vorbild anderer Bundesländer nicht folgen will: "Die Bearbeitung von Altfällen hat bei der bayerischen Polizei seit vielen Jahren einen sehr hohen Stellenwert", versichert ein Sprecher des Ministeriums. Alle Präsidien nähmen bereits eine wiederkehrende Altfallüberprüfung im Sinne des "Cold-Case-Managements" vor - mit anderen Worten: Alles soll so bleiben, wie es ist.


Abstimmungen laufen noch

Auf konkrete Nachfrage nach dem Verbesserungsvorschlag bestätigt das Ministerium, dass sich die Arbeitsgruppe "allgemein mit Vorschlägen zur weiteren Optimierung bei der professionellen und qualitätsgesicherten Bearbeitung herausragender Kapitaldelikte befasste". Unter anderem gehe es um die Einrichtung einer zentralen Dienststelle bei der bayerischen Polizei zur Beratung der Sonderkommissionen vor Ort. "Die dazu erforderlichen organisatorischen Abstimmungen zwischen den Polizeiverbänden laufen derzeit noch."

von Manfred Schweidler


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