Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat jüngst auf der Grünen Woche in Berlin ein neues Tierwohl-Label vorgestellt. Der Verbraucher soll nach dem Willen des CSU-Politikers aus Franken im Supermarkt ein Wörtchen mitreden, wie Schweine, Rinder und Hühner gehalten werden. Ob das Label aber tatsächlich "Schweinereien" in Schlachthöfen und Ställen verhindert, bezweifeln nicht nur Tierschützer.

Die Landwirtschaft und der Tierschutz sollen sich nach dem Willen des Ministers nicht länger unversöhnlich gegenüberstehen. Schmidts Label verspricht für den Verbraucher mehr Transparenz und für die Bauern faire Preise. Tierschützer kritisieren die unverbindlichen Richtlinien und werfen dem Minister Etikettenschwindel vor: Das angebliche Gütesiegel sei ein "Persilschein für die Agrarindustrie, ihre Praktiken mit Rückenwind aus Berlin fortzuführen", sagt Andrzej Pazgan von der Tierrechtsorganisation Peta. Und mit Praktiken meint Peta: immer mehr Tiere in immer größeren Betrieben.
Das sehen die Vertreter der Landwirtschaft naturgemäß völlig anders. Joachim Rukwied, der Präsident des Bauernverbandes, lehnt den Begriff "Massentierhaltung" ab - so etwas gebe es in Deutschland gar nicht. "Intensivtierhaltung" treffe die Realität sehr viel besser.

Intensiv? Für eine Studie der Universität Göttingen wurden 280 Verbraucher befragt, wo für sie die Massentierhaltung beginnt: Bei 1000 Schweinen und 5000 Hühnern, gaben die Befragten an. Tatsächlich gackern im deutschen Durchschnittsstall mehr als 15.000 Masthühner!

Das sind Zahlen des Statistischen Bundesamtes und aus dem "Fleischatlas" der Heinrich-Böll-Stiftung. Ein Trend fällt auf: Der Fleischkonsum der Bundesbürger ist seit Jahren rückläufig auf zuletzt 58 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Trotzdem melden die Fleischproduzenten jedes Jahr neue Rekordzahlen. 2016 wurden in Deutschland 8,25 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Dafür starben laut Statistik: 59,3 Millionen Schweine, 3,6 Millionen Rinder und 630 Millionen Hühner, insgesamt 800 Millionen Tiere. Rechnerisch werden in jeder Sekunde in Deutschland zwei Schweine abgestochen. Auf dem größten Geflügelschlachthof Europas in Niedersachsen Wietze bringt eine Maschine 450 Tiere um - pro Minute.

Die Diskrepanz zwischen Fleischerzeugung und -verzehr lässt sich unter anderem damit erklären, dass bei der Tierzucht, bei der Produktion, im Handel und im Haushalt nicht unerhebliche Mengen Fleisch im Abfall landen - jedes dritte Schwein, so schätzt die Umweltorganisation WWF, ist umsonst gestorben.

Noch mehr Fleisch wandert in den Export; die EU meldet bei den Ausfuhren Wachstumsraten von bis zu 30 Prozent. Die größten Fleischexporteure der Welt sind die USA und Brasilien. Deutschland folgt auf Platz drei und ist der Europameister beim Schweinefleisch-Export.


Wählerischer Verbraucher

Der Boom bei den deutschen Fleischexporten ist auch ein Luxusphänomen, und das beißt sich nicht mit dem insgesamt sinkenden Fleischkonsum. Der anhaltend niedrige Preis für Fleischprodukte macht den Verbraucher wählerisch; von der Sau isst er am liebsten nur das Schnitzel und vom Hähnchen mit Vorliebe das Brustfilet.
Der Rest lässt sich auf neuen Märkten mit großen Gewinnen vermarkten. In Rotterdam warten stapelweise Kühlcontainer auf ihre Reise um die Welt: Geflügelteile gehen nach Afrika, China ist scharf auf Schweinefüße und -schnauzen made in Germany, die dort etwa so viel kosten wie hierzulande das Filet. Deutschland exportiert nach Angaben des Branchenverbandes VDF mehr als vier Millionen Tonnen Fleisch im Jahr. Zwischen 2000 und 2010 ist der deutsche Fleischexport um fast 250 Prozent gestiegen.

Mit Risiken und Nebenwirkungen: "Das Fleisch wird exportiert, die Gülle bleibt hier", beklagt der Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) dieSchattenseiten des anhaltenden Booms. Seit 2012 wurden in Deutschland 720 000 neue Stallplätze für Schweine beantragt; bei Geflügel sollen es knapp elf Millionen Plätze sein.

Diese gigantischen Zahlen offenbaren einen weiteren Widerspruch: Global Player können in der Landwirtschaft und speziell bei der "Fleischproduktion" nur noch die Großen der Branche sein; hier macht Masse Klasse. Die Konzentration der Tierhaltung auf immer weniger und immer größere Agrarfabriken geht Hand in Hand mit dem Preisverfall: 1950 gab der Bundesbürger für ein Kilogramm Fleisch 1,6 Prozent des Monatslohns (netto) aus, heute nur 0,2 Prozent.

In Niedersachsen zahlen die großen Schlachtbetriebe den Erzeugern 1,25 Euro für das Kilo Schwein; vor einem Jahr waren es noch 1,80 Euro, und selbst die waren kaum kostendeckend. Die Universität Göttingen hat für ihre Studie ausgerechnet, dass einem Bauern, der 135 Euro für ein Schwein bekommt, sechs Euro als Gewinn bleiben. Er muss jedes Jahr 6500 Schweine verkaufen, um das bundesdeutsche Durchschnittseinkommen zu erzielen. In der "guten alten Zeit" hat ein Schwein eine ganze Familie ernährt.


Kommentar von Günter Flegel: Genießen mit gutem Gewissen

Radikale Tierschützer würden Fleischverpackungen sicher gerne mit Schockbildchen versehen, wie sie für Zigaretten vorgeschrieben sind.

Beim Blick in Megaställe und Schlachtfabriken würde sicher so manchem der Griff zu Braten und Wurst verleidet, aber ein Ekelpaket kann nicht die Lösung sein. Die Fleischproduzenten stehen am Pranger, obwohl sie nichts anderes tun, als den Rahmen der Gesetze auszuschöpfen. Und der Markt regelt sich über den Preis. Masse statt Klasse, billig statt preis-wert. Also muss man genau da ansetzen. Und nicht neue Gesetze verfassen, sondern konsequent anwenden, was längst gilt: Tiere müssen artgerecht gehalten werden, ihnen darf kein Leid zugefügt werden. Ein Stall mit 200 000 Hühnern ist nicht artgerecht, und die Tiere leiden. Punkt.

Die Politik hat die Spirale in Gang gesetzt, die für unzählige Kleinbauern ruinös ist und in der Natur Verheerungen anrichtet. Die Politik muss endlich die Rahmenbedingungen schaffen, die Tieren zu ihrem Recht verhelfen. Und den Menschen zu hochwertigen und preiswerten Nahrungsmitteln, die man mit gutem Gewissen genießen kann. Das ist ja eigentlich auch ein Grundrecht.