Wer ist denn besonders gefährdet?
Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche, die schon eine andere Belastung hätten. «Wenn ich schon ängstlich bin oder wenn ich eine depressive Störung habe, dann kann das Nutzen von Social Media diese Effekte verstärken.» Eine der gefährdeten Gruppen seien Mädchen, etwa weil soziale Vergleiche eine große Rolle spielten. «Das heißt, wenn ich unglücklich mit meinem Selbstbild bin, dann werde ich durch Social Media wahrscheinlich noch mal unglücklicher, weil ich mich eben vergleiche.»
Auch Brandhorst sorgt sich um Mädchen. Diese hätten einen etwas höheren Hang zur Sucht, tauchten aber kaum in Beratungsstellen und Therapieangeboten auf. «Dort haben wir eigentlich nur die männlichen Computerspieler, die quasi am Kragen von ihren Eltern in die Beratungsstellen gezerrt werden.»
Eine weitere Gruppe sind Lindberg zufolge Mobbing-Opfer. «Cybermobbing über Social Media und Co. wirkt nochmal viel stärker, denn ich werde nicht nur auf dem Schulhof geärgert, sondern 24/7.»
Ab wann wird es gefährlich?
Eltern möchten gern wissen: Wie viele Stunden sind zu viel? Doch das ist nicht so einfach zu beantworten. «Die Studien zeigen, dass die reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz, ganz viel darum, was gemacht wird», erklärt Experte Lindberg. «Als Daumenregel: Je passiver die Nutzung ist, also nur scrollen, scrollen, scrollen, desto negativer ist das.» Es könne sein, dass jemand acht Stunden am Tag Social Media nutze, aber nicht darunter leide, weil es vielleicht mit seinem Beruf verbunden ist. «Aber es kann auch sein, dass jemand drei Stunden Social Media nutzt, aber eigentlich die ganze Zeit denkt, eigentlich möchte ich in der Zeit lieber was anderes tun. Dann ist diese Drei-Stunden-Nutzung schon problematisch, weil es eben individuell als ungewollt empfunden wird.»
Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als abhängig. Das war ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, lag aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.
Man müsse definieren, wann die Schwelle zur Sucht überschritten sei, meint Lindberg. Hier gälten die gleichen Regeln wie bei anderen Süchten: «Wenn jemand süchtig ist, dann leidet er darunter, dass er es eben nicht anders kann, als er eigentlich möchte. Und dass es ihn einschränkt, zum Beispiel in seiner Arbeit, in seinen sozialen Kontakten.»
Was sagen die Jugendlichen selbst?
In der JIM-Studie zeigten sich die Befragten selbstkritisch: Die Mehrheit (68 Prozent) stimmte voll oder weitgehend der Aussage zu, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als ursprünglich geplant. Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen. Auch Brandhorst betont, es gebe Jugendliche, die ihre eigene Nutzung reflektierten und bewusst beschränkten. Aber: «Es erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit.»
Gibt es auch Chancen?
Brandhorst sieht jedoch auch positive Effekte: Jugendliche könnten Identitäten erproben, Gleichgesinnte finden und sich über möglicherweise schambesetzte Themen austauschen. Lindberg betont zudem: Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeige kein problematisches Verhalten. «In der Debatte kann der Eindruck entstehen, als beträfe das die Mehrheit – tatsächlich zeigt der Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist eher eine Minderheit, in einer Größenordnung wie bei anderen problematischen Verhaltensweisen.»