Kommunikation beeinflusst, ob jemand die Therapie fortsetzt
Durch auf mangelhafter Kommunikation basierende Noceboeffekte könne es zu reduzierter Therapietreue bis hin zu Therapieabbrüchen kommen, zur Nutzung unwirksamer Alternativbehandlungen und auch zu häufigeren Arztbesuchen. Neben den Arztgesprächen spielten dabei auch Informationen auf Beipackzetteln oder Berichte etwa in sozialen Medien eine Rolle.
Der Arzt und Kommunikationstrainer Wolfgang Kölfen sagt, dass vom Patienten vorgetragene Internet-Recherchen oder KI-Antworten nicht einfach abgetan werden sollten. «Ich finde es gut, dass Sie sich so viele Gedanken gemacht haben» funktioniere als anerkennender Einstieg. Danach könne man die eigene Erfahrung und fachliche Position immer noch deutlich machen.
Die «Bodenplatte» aus Vertrauen werde bereits bei der ersten Begegnung gesetzt, meint Kölfen. «Es ist gut investierte Zeit, am Anfang diese Vertrauensbasis herzustellen.» Gute Kommunikation beginne schon vor Untersuchung und Diagnose: Schon die erste Begrüßung spiele eine Rolle.
Tipp: Patienten vom Warten abholen
Auch Benson betont, wie wichtig es sei, als womöglich aufgeregter Patient im Gespräch erst mal ankommen zu können. Eine gute Idee für Hausärzte sei, den Patienten aus dem Wartezimmer abzuholen. «Das bietet Raum für ersten Small Talk und man kann den Gang sehen, aus dem sich viel ableiten lässt.»
Die US-Ärztin Wendy Harpham beschreibt in ihrem Buch «Clinical Communication», dass schon die scheinbar simple Alltagsfloskel «Wie geht es Ihnen?» zum inneren Dilemma bei Patienten führen könne: Ist die Frage schon Teil des Arztgespräches oder gehört sie noch zum höflichen Small Talk? Wie viel soll nun preisgegeben werden über den körperlichen Zustand, das emotionale Befinden oder gar das persönliche Leben?
Medizinern könne es helfen, sich selbst zu fragen, wie verunsichert sie von einer bestimmten Frage wären - und welche Formulierung sie selbst besser fänden. «Kommunikation ist eine klinische Kernkompetenz», betont Harpham, die in ihrem Buch Erfahrungen und Erkenntnisse teilt - sowohl aus ihrer Sicht als Ärztin als auch als Krebspatientin.
Die Wahrheit sagen - und trotzdem Hoffnung machen
Die Kommunikation bei schweren Diagnosen erfordere besonderes Feingefühl. «Als ob dies nicht schon Herausforderung genug wäre, muss man dabei zwei Verpflichtungen erfüllen, die sich scheinbar gegenseitig ausschließen: die Wahrheit zu sagen und die Hoffnung der Patienten zu stärken.»
In Kliniken haben dafür Pflegekräfte viel Potenzial, erklärt Benson. Sie verbrächten meist viel mehr Zeit als das Ärzteteam beim Patienten, über mehrere Tage hinweg - entsprechend groß sei ihr möglicher positiver Einfluss. Oft bekämen sie auch wesentlich mehr anvertraut, was wiederum entscheidend für den Behandlungserfolg sein könne.
Im Alltag sei die Umsetzung allerdings nicht immer einfach: Der Fachkräftemangel sorge für knapper werdende personelle Ressourcen, zudem träfen oft unterschiedliche Generationen und Menschen mit verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründen aufeinander, sagt Kölfen.
Prinzipiell sieht Benson das Gesundheitssystem aber auf gutem Weg. Kommunikation werde an den medizinischen Fakultäten in Deutschland überall und flächendeckend unterrichtet, zahlreiche Fakultäten thematisierten Placebos und Nocebos. «Das Bewusstsein dafür, dass Kommunikation eine zentrale Rolle spielt und große Effekte hat, wird immer größer.»