Erstens denken viele Mütter, dass sie in den Anfangstagen zu wenig Milch produzieren. Das führt laut der Studie dazu, dass vorzeitig Säuglingsnahrung zugefüttert wird. «Unsere Untersuchung legt nahe, dass Kolostrum - die erste, hochkonzentrierte Milch nach der Geburt - in der Regel ausreicht, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken», erklärte Erstautorin Maria Di Chiara, Spezialistin für Neonatologie. Auch die Nationale Stillkommission in Deutschland ist dieser Auffassung.
Hebammen sind anderer Meinung
Der zweite Irrtum ist laut der Studie, von Schnullern in den ersten Lebenswochen abzuraten. «Die Verwendung eines Schnullers verkürzt weder die Stilldauer noch das ausschließliche Stillen», meint Di Chiara anhand der aktuellen Studienlage. Der Deutsche Hebammenverband rät weiter dazu, erst nach vier bis sechs Wochen einen Schnuller in Erwägung zu ziehen. Es könne sonst zu einer «Saugirritation» kommen.
Der dritte Irrtum sei, elektrische Milchpumpen im Wochenbett einzusetzen, um die Milchbildung anzuregen. Die Pumpen sollten in den ersten Tagen nach der Geburt nicht routinemäßig eingesetzt werden, sagt Di Chiara. Falls Milch abgepumpt werden müsse, sei das Abpumpen von Hand die bessere Methode. Für die Analyse haben die Autoren 78 Studien ausgewertet, aus Ländern wie den USA, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko.
«Was mir am meisten aufgefallen ist, war, wie oft gut gemeinte, routinemäßige Ratschläge noch gar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Kleine Veränderungen in diesen ersten drei Tagen könnten für Familien einen echten Unterschied machen», fasst Di Chiara zusammen.
Beim Stillen in Deutschland gibt es seit einem historischen Tiefpunkt zu Anfang der 1970er Jahre einen andauernden Aufwärtstrend.
Nach Ergebnissen der bundesweiten «Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland» (KiGGS Welle 2; 2014-2017) wurden nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge ausschließlich gestillt, 40 Prozent bekamen bis zum Ende des vierten Lebensmonats ausschließlich Muttermilch.