Vor dem großen Abflug sammeln sich Kraniche in Deutschland – manche bleiben inzwischen sogar den Winter über. Wie der Klimawandel ihr Verhalten verändert - und den Nachwuchs gefährdet.
Mauersegler, Schwarzmilane, Nachtigallen - viele Vogelarten sind schon gen Süden gezogen oder gerade unterwegs: Doch der große Vogelzug steht noch bevor: Derzeit sammeln sich erste Kraniche an ihren großen Rastplätzen im Nordosten von Deutschland, wie der Kranichexperte Günter Nowald der Deutschen Presse-Agentur sagte.
In Deutschland gebe es mehr als 13.000 Brutpaare, bis Oktober würden hierzulande für den Herbstzug mindestens 200.000 bis 300.000 Kraniche gleichzeitig rasten - die meisten davon aus Skandinavien, Polen und dem Baltikum. Insgesamt werde Deutschland von über 400.000 Kranichen überflogen.
«Wir sind einer der wichtigsten Kranich-Sammel- und Rastplätze in Europa», sagte der Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Kranichschutz Deutschland in Bezug auf die Boddenlandschaften am Darß, bei Stralsund und auf Rügen. Auch an anderen Rastplätzen wie etwa im Rhin-Havelluch nördlich von Berlin werden im Herbst abends schon mal 60.000 bis 70.000 Tiere gezählt.
«Viele Kraniche sind keine Langstreckenzieher mehr»
Das Rastmaximum wird meist in der ersten Oktoberhälfte erreicht. Der Hauptzug gen Süden beginnt demnach Ende der zweiten Oktoberhälfte. Die genaue Zeit hängt stark von den Windbedingungen ab - also von Rückenwind für den Flug Richtung Südwesten.
Die meisten Kraniche ziehen demnach auf die iberische Halbinsel, viele jedoch nur bis nach Frankreich - und immer mehr Tiere überwintern inzwischen sogar in Deutschland. Vor 25 Jahren sei bei beringten Kranichen noch eine mittlere Zugdistanz von 1.700 Kilometern ermittelt worden, sagte Nowald - inzwischen seien es nur noch 500 Kilometer. «Viele Kraniche sind keine Langstreckenzieher mehr», betonte er.
Kranichbestände als «Erfolgsgeschichte für den Naturschutz»
Grund dafür sind die milderen Winter - und vor allem die fehlende Schneedecke. Damit können viele Tiere sich auf Feldern noch an Ernterückständen laben - und müssen die mühsame Reise nur noch bei plötzlichen Wettereinbrüchen antreten. Aufgrund der hierzulande stark gestiegenen Kranichbestände sprach Nowald von einer Erfolgsgeschichte für den Naturschutz.
Allerdings bedroht der Klimawandel nun den Nachwuchs der Tiere: Denn von März bis Mai sind die Tiere auf Nässe angewiesen, sie bauen ihre Nester auf Erhöhungen im Wasser wie etwa Wurzelwerk. Aber just im Frühjahr blieben in den letzten Jahren die Niederschläge aus - die noch flugunfähigen Jungvögel sind dann etwaigen Fressfeinden wie etwa Füchsen hilflos ausgeliefert.