Nicole nahm sich wegen Cybermobbings das Leben - ihre Mutter Jackie erkämpfte deshalb ein neues Gesetz. Nun will die Irin «Coco's Law» nach Europa bringen. Eine Studie zeigt, warum das Thema drängt.
«Sie haben ihr jeden Tag gesagt, sie solle sterben, geh dich aufhängen.» Die Frau mit dem langen weißen Haar, der dunklen Brille, im schwarzen Blazer und heller Bluse, schaut in das Rund des Europäischen Parlament in Straßburg, ihre Stimme ist fest. «Ich musste Nicole verlieren, damit andere Menschen leben können», sagt sie.
Jackie Fox kommt aus Dublin und hat im März vor den EU-Abgeordneten über ein irisches Gesetz gesprochen - und damit über ihre Tochter. Nicole, genannt Coco, starb 2018 durch Suizid. In den dreieinhalb Jahren davor war die junge Frau körperlich misshandelt und im Internet gemobbt worden. In einem langen Kampf und unter hohem emotionalem Druck setzte ihre Mutter ein Gesetz durch, das verhindern soll, das andere ähnlich leiden: «Coco's Law» ist seit 2021 Teil des irischen Strafrechts.
Wie aktuell das Problem ist, zeigen Nachrichten, Statistiken und Meldungen über digitale Gewalt. Viele Tausende Fälle pro Tag allein im deutschsprachigen Raum, weltweit sind es Millionen. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Deutschen Frauenrats unter 1.380 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren zu digitaler und KI-gestützter sexualisierter Gewalt verdeutlicht den Eindruck: Zwei Drittel verändern aus Sorge vor digitaler Gewalt ihr Verhalten im Internet. Sie teilen weniger Bilder, verzichten auf Online-Aktivitäten oder ziehen sich ganz aus digitalen Räumen zurück. Der Deutsche Frauenrat bezeichnet das ausdrücklich als Demokratieproblem, in dem Menschen aus öffentlichen Debatten verdrängt werden.
Wie kann ein Gesetz helfen?
Jackie Fox kennt die schlimmstmöglichen Folgen aus der persönlichsten aller Perspektiven, tiefster Trauer. Nach Nicoles Tod habe sie kaum gewusst, wie sie weiterleben sollte, erzählte sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Ich brauchte einen Fokus. Ich brauchte einen Plan. Ich brauchte etwas, das mich aus dem Bett holt», sagte sie. Eines Nachts sei sie aufgewacht und habe beschlossen, etwas zu ändern und für ein Gesetz zu kämpfen, das Online-Mobbing strafbar macht. In der nächsten Sekunde habe sie sich gefragt: «Aber wie soll ich das überhaupt schaffen?»
Fox ist keine Juristin, keine Politikerin und sprach früher nicht einmal gern vor anderen Menschen. Trotzdem ging sie ins irische Parlament, suchte Gespräche mit Abgeordneten, protestierte vor Regierungsgebäuden und organisierte Demonstrationen.
Ganz bei null musste sie dabei nicht anfangen. Der Labour-Politiker Brendan Howlin hatte bereits 2017 einen Gesetzentwurf zu schädlicher Online-Kommunikation ins Parlament eingebracht, kam damit aber kaum voran. Erst der Fall Coco Fox gab dem abstrakten Problem ein Gesicht, die trauernde Mutter erhöhte den politischen Druck. Den Abgeordneten sagte sie: «Ich werde die größte Nervensäge sein, die ihr je getroffen habt. Ich werde nicht aufgeben.»
Ein Gesetz, das für Nicole zu spät kam
2020 wurde der «Harassment, Harmful Communications and Related Offences Act» verabschiedet. Bekannt ist er in Irland als «Coco's Law». Das Gesetz stellt unter anderem das nicht einvernehmliche Verbreiten intimer Bilder sowie die Drohung damit unter Strafe und erfasst bestimmte Formen schädigender Kommunikation. Bis jetzt gab es über 240 Strafverfahren nach «Coco's Law».