Bereits in den 1980er und 1990er Jahren siedelten sich mehrere Organisationen in Paharganj an, um Kinder möglichst direkt nach ihrer Ankunft zu erreichen. Die NGOs schließen nach eigener Darstellung Versorgungslücken, die Behörden arbeiten mit ihnen zusammen und kontrollieren zugleich ihre Arbeit.
Der Salaam Baalak Trust betreibt in mehreren indischen Großstädten getrennte Schutzunterkünfte für Jungen und Mädchen, bietet medizinische Versorgung und Unterricht für Kinder in Straßensituationen an. «Für uns ist es wichtig, ihnen einen sicheren Ort zu bieten - genau das ist unsere Mission», sagt Mayurami Kakati, die das «City Walk»-Programm leitet.
Ungewöhnliche Stadtführung
Die Stadtführungen finanzieren die Projekte mit und sollen Besuchern die Lebenswirklichkeit von Straßenkindern näherbringen. Sie werden von jungen Erwachsenen geleitet, die selbst auf der Straße gelebt oder in Armut aufgewachsen sind. Auch Jafar und Shivani profitierten früher von den Angeboten des Trust.
Leben im Slum
Shivani lebt noch heute in einer Art Slum im Stadtteil Raghuvir Nagar, wie sie erzählt. Als sie 13 Jahre alt war, überredeten Sozialarbeiter ihre Eltern, ihr und ihrer Schwester eine Schulausbildung zu ermöglichen. Heute studiert sie an der Delhi-Universität. «Mein Vater meinte zuerst, Bildung für Mädchen ist nicht nötig», sagt sie in fließendem Englisch. Ihre Mutter habe sie unterstützt und ihr Vater sei schließlich ebenfalls überzeugt worden.
Jafar wohnt in einer informellen Siedlung in Seelampur. Dort bekam er als Kind Kontakt mit Lehrern in einem mobilen Schulbus. Später halfen Sozialarbeiter ihm beim Wechsel auf eine reguläre Schule. Heute hat er einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und arbeitet seit zwei Jahren als Tourführer. «Ich will meine Kommunikationsfähigkeiten verbessern und etwas zurückgeben.»
«Manchmal wollen die Eltern ihre Kinder nicht zurück»
In einer Kurzzeit-Unterkunft für Jungen in Paharganj leben aktuell mehr als 20 Kinder. Der Trust versucht, in Zusammenarbeit mit den Behörden ihre Familien ausfindig zu machen, um sie mit ihren Kindern wieder zu vereinen. Das könne häufig Wochen oder Monate dauern, sagt Sozialarbeiter Sonu. «Manchmal helfen schon eine Postleitzahl, Bilder oder Erinnerungen an den Wohnort.» Manche Eltern weigerten sich jedoch, ihre Kinder zurückzunehmen.
Nächte auf dem Bahnsteig
Auch der 14-jährige Abhishek lebt vorübergehend in der Unterkunft. Er kam vor einigen Wochen mit Freunden aus Assam nach Delhi, verbrachte mehrere Nächte auf Bahnsteigen und wurde schließlich von Sozialarbeitern angesprochen. Heute erhält er Unterkunft, Verpflegung und Unterricht. «Er kann jetzt schon ein wenig auf Hindi schreiben», sagt seine Lehrerin Kavita Bhatt. Etwa 40 Prozent der Kinder, die kämen, könnten weder lesen noch schreiben.
Inzwischen hat der Trust Kontakt zu Abhisheks Großeltern in Assam aufgenommen, mit denen er zusammen lebt. Die Organisation will seine Rückkehr organisieren. Aus seiner Tasche holt der Junge einen winzigen Zettel mit einer Telefonnummer. Er habe bereits mit seinem Bruder telefoniert und freue sich darauf, wieder nach Hause fahren zu können.