Die abgelegene Pazifikregion ist ohnehin schwer zugänglich. Hinter der Küste liegen dichter Regenwald und hohe Berge. Straßen zu bauen ist dort vielerorts kaum möglich. Auch für die ehrenamtlichen Piloten sind die Flüge anspruchsvoll. «Es ist nicht ungefährlich», sagt Thyben. Die Maschine sei einmotorig, in den Bergen sei man mit dem kolbengetriebenen Motor «immer am Limit».
Zwei Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen
Thyben weiß aus eigener Erfahrung, was die Menschen bei und nach dem Beben durchmachen. In der Großstadt Cali erlebte er die Erschütterungen selbst. «Das Beben als solches war irrsinnig lang, fing aber ganz zahm an», erzählt er. Dann sei es stärker geworden. Menschen im Haus hätten geschrien und begonnen zu beten. Er sei in den Garten gegangen. Nebenan hätten Hochhäuser geschwankt, Putz sei von den Fassaden gefallen.
«Da hört man das richtig knacken und das sah wirklich bedrohlich aus», erzählt er. Besonders eindrücklich sei die Länge des Bebens gewesen: «Zwei Minuten, wenn die Erde bebt, da dreht man durch, das ist wie eine Ewigkeit.»
Zunächst bekam Thyben in seinem eigenen Viertel wenig von den Schäden mit. Erst als er später durch Cali fuhr, erkannte er das Ausmaß. «Ich habe es im ersten Moment überhaupt nicht glauben können. Ich habe gedacht, meine Güte, was ist denn hier passiert?» Je weiter er nach Süden fuhr, desto schlimmer wurde das Bild. Viele Gebäude waren stark beschädigt, einige komplett eingestürzt.
Der in Cali geborene 70-Jährige hat schon mehrere Erdbeben erlebt. Doch diesmal sei ihm zum ersten Mal bewusst geworden, «wie fragil das ganze Leben ist». Das, was man besitze, sei «so vergänglich». Auch dort, wo Thyben seit Jahren engagiert ist, hinterließ das Beben Spuren: Die Deutsche Schule in Cali sei betroffen und brauche dringend Unterstützung, sagt er.
Ein Netzwerk für die abgelegenen Orte
Die Hilfsflüge organisiert Thyben gemeinsam mit der Patrulla Aérea Civil del Pacífico - die Zivile Luftpatrouille des Pazifikraums. Die Organisation besteht seit Jahrzehnten. Angefangen hat sie mit der Suche nach abgestürzten Flugzeugen. Heute stellen private Flugzeugbesitzer ihre Maschinen zur Verfügung, um Menschen in schwer erreichbaren Regionen zu helfen.
Nach dem Erdbeben, das bis jetzt fast 300 Todesopfer gefordert hat, werden Spender, Hilfsorganisationen, Ärzte und Piloten zusammengebracht. Es geht darum, herauszufinden, was wo gebraucht wird - und es anschließend dorthin zu bringen. Thyben beschreibt das als ein großes Netzwerk, in dem viele Beteiligte ihre Kontakte und Möglichkeiten einbringen.
Für Thyben ist die Arbeit persönlich befriedigend. «Man hat am Ende des Tages das Gefühl: Du hast was gemacht.» Doch damit ist der Einsatz für ihn nicht abgeschlossen. «Auf der anderen Seite: Mal sehen, was du morgen zusätzlich machen könntest.»
Und der nächste Flug wartet bereits. Denn Pizarro ist nur einer von vielen abgelegenen Orten an der Pazifikküste, die nach dem Beben auf Hilfe angewiesen sind. Denn wo Straßen fehlen, bleibt für die Helfer oft nur der Weg durch die Luft.