Viele schwänzen die Schule
Dass es in der Regel die Eltern sind, die ihre Kinder zu einer Mediensuchttherapie bringen, bestätigt auch Chefarzt Erik Kolfenbach von der Klinik Schönsicht in Berchtesgaden, einer Rehaklinik für Kinder und Jugendliche. Diese bietet als Modellprojekt ein sechswöchiges stationäres Programm für 12- bis 17-Jährige an, das die Klinik zusammen mit der Berliner Charité entwickelt hat und welches die Charité nach Ablauf evaluieren wird.
«Es kommen bislang eher Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, wo die Eltern scheinbar eher für die Problematik sensibilisiert sind und auch die Bildung ihrer Kinder stärker im Blick haben», sagt Kolfenbach. Etwa 50 Jugendliche haben das Programm bereits durchlaufen - zwei Drittel davon fielen vor allem dadurch auf, dass sie die Schule schwänzten, um digitale Spiele zu zocken, durch Social-Media-Kanäle zu scrollen oder Video-Streaming zu verfolgen.
«Die Jugendlichen haben oft heftige Auseinandersetzungen im Elternhaus», sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Trotz der vielen Nachteile, die der unkontrollierte Medienkonsum mit sich bringe, schafften sie es nicht allein, damit aufzuhören. Das große Problem bei Mediensucht sei, dass im Gegensatz etwa zu einer Alkoholsucht nach einer Therapie eine totale Abstinenz nicht möglich sei. «Unsere Gesellschaft ist durchdigitalisiert. Das beinhaltet noch mehr die Gefahr eines Rückfalls.»
Während der Reha sollen die jungen Leute unter anderem lernen, ihre Emotionen zu regulieren, ihre Konfliktfähigkeit und die Selbstkontrolle zu verbessern, aber vor allem auch, wie sie die neu gewonnene Freizeit mit anderen Aktivitäten füllen können. Deshalb stehen viel Sport, Kunsttherapie und Töpfern auf dem Programm.
Fitnessstudio statt Zocken
Die Therapie von Jonas ging über drei Monate, sie bestand aus Einzelgesprächen und später einer wöchentlichen Gruppentherapie. «Gemeinsam haben wir uns ein Ziel gesucht, das jeder am Ende der Therapie erreichen möchte», erläutert er. Bei ihm sei es gewesen: regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen.
«Ich habe es persönlich geschafft, weniger Zeit vor dem Monitor zu verbringen, langsam und schleppend. Aber dann doch am Ende, indem mein Tag sich einfach Stück für Stück mit Verantwortung gefüllt hat», sagt Jonas.
Dabei geholfen habe ihm auch, dass er jetzt einfach weniger Zeit fürs Computerspielen habe. Er müsse mehr für die Schule tun, habe einen Mini-Job und eine Freundin. Er zocke zwar immer noch. «Mal ein, zwei Spiele, aber keine acht Stunden am Stück mehr.»
Von einer Altersbeschränkung für Social Media, wie sie gerade in der deutschen Politik diskutiert wird und wie sie Australien bereits eingeführt hat, hält Jonas trotz seiner eigenen Erfahrungen nichts. «Wer das umgehen möchte, wird einen technischen Weg finden», meint er. «Aber politisch sieht das natürlich gut aus. Man setzt einen Haken unter das Thema.»
Die Experten Martzog und Kolfenbach sehen dagegen eindeutig eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. «Ich bin für einen besseren Jugendschutz», sagt Martzog. «Kinder und Jugendliche sind hinsichtlich ihrer Gehirnentwicklung noch nicht in der Lage, ihren Medienkonsum gänzlich selbst zu regulieren.»
Aber auch die Eltern seien gefragt, ergänzt Kolfenbach. Diese müssten mit ihren Kindern über die Mediennutzung im Gespräch bleiben, dieser Grenzen setzen und selbst Vorbild sein. «Die Kinder orientieren sich auch an Müttern und Vätern, die beim Frühstückstisch ins Handy gucken.»
Jonas meint dagegen: «Ich denke, dass sich das Problem bei vielen auch mit dem Alter löst.» So wie bei ihm.