Gangs locken mit Ruhm und Reichtum
Die Gangs lösten bei jungen Menschen aus Armenvierteln Faszination und Sehnsucht aus, sagt Cakli. Auf Tiktok präsentierten sie ein Leben, das Träume weckt: Geld, teure Autos, Waffen. Jugendliche, die sich den Banden anschließen, stammten oft aus kurdischen oder alevitischen Familien, die durch jahrzehntelange Diskriminierung an den Rand der Gesellschaft in der Türkei gedrängt wurden.
Die hohe Inflation der vergangenen Jahre habe die Situation weiter verschärft. «Drogendealer verdienen 250.000 bis 300.000 Lira im Monat», so Cakli. Das sind knapp 5.000 bis knapp 6.000 Euro. «Ein Textilarbeiter arbeitet jeden Tag 13 bis 14 Stunden in der Fabrik, ist oft nicht versichert und bekommt keinen Mindestlohn. Wenn die Kinder dieser Familien nicht gefasst werden, verdienen sie in wenigen Monaten das Einkommen von vielleicht zwei oder drei Jahren.»
Auftragsmörder per Tiktok
Zudem erhielten Minderjährige oft nur kurze Gefängnisstrafen. In diesen Kreisen sei das ohnehin eher eine Auszeichnung als ein Nachteil. Der Zugang zu den Banden ist denkbar leicht, eine Nachricht genügt: «Jemand, der unter einem Video auf Tiktok einen Kommentar hinterlässt, kann zwei Monate später als Auftragsmörder tätig werden.»
Waffen seien problemlos verfügbar. Per Tiktok könne man sich von einem Kurier für umgerechnet knapp 60 Euro eine Waffe liefern lassen, berichtet Cakli. Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr gebe es bereits für 300 Euro.
Internationaler Drogenschmuggel nutzt Türkei
Eine zentrale Einnahmequelle der Banden ist der Drogenhandel. Die Bedeutung der Türkei im internationalen Drogengeschäft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Dem Land verschafft das bei manchen Experten den Beinamen «das Mexiko Europas». Internationale Kartelle nutzen türkische Häfen für den Schmuggel von Kokain aus Südamerika nach Europa, um etwa schärferen Kontrollen in den Häfen von Rotterdam oder Antwerpen zu umgehen. Die Bandenviertel Istanbuls sind laut Cakli auch die Hauptumschlagplätze für die eingeschmuggelten Drogen. Die Behörden stehen den Banden weitgehend machtlos gegenüber.
Banden-Präsenz bei Beerdigung
Dass die Daltons sich auch in Berlin ausbreiten, hat laut Beobachtern zum einen mit zunehmendem Druck in der Türkei zu tun. Zum anderen gehe es um die Erschließung neuer Märkte. Berlin sei eine Metropole mit einem florierenden Drogenmarkt, zugleich seien Polizei und Justiz unterbesetzt, sagt der Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro.
«Wir sehen seit ein paar Monaten, dass die Ezgins als Ableger der sogenannten Daltons aktiver werden und die Hauptstadt als Betätigungsfeld und Absatzmarkt für sich entdeckt haben», sagt Jendro. Die Banden seien brutaler als früher. «Alle haben Schusswaffen, auch längst nicht mehr nur kleine Kaliber. Es wird reaktiv skrupellos vorgegangen, nicht lange gedroht, sondern auch sofort gehandelt.»
Tatsächlich zeigt die Bande auch öffentlich Präsenz. Bei einer prominenten Beerdigung in Berlin mit Vertretern des kriminellen Milieus im Januar trugen ein großer Kranz und eine Schleife die Aufschrift «Daltonlar».
Razzien, Kontrollen, Waffenfunde
Angesichts der ständigen Gewalt gründete das Berliner Landeskriminalamt (LKA) im November eine große Sondereinheit für die Ermittlungen. Der Name der sogenannten BAO (Besondere Aufbauorganisation) bezieht sich auf die Schusswaffen: «Ferrum» (lateinisch für «Eisen»).
Seitdem stürmen und durchsuchen Polizisten fast Nacht für Nacht Shisha-Bars und Imbisse in Kreuzberg, Schöneberg, Wedding, Charlottenburg oder Neukölln. An bekannten Treffpunkten der Szene gibt es Verkehrskontrollen. Die Polizei überprüfte Identitäten von rund 5.000 Menschen, dazu 3.000 Autos und mehr als 800 Lokale.
Die Ergebnisse: 18 beschlagnahmte Schusswaffen und 192 Patronen, 10 Schreckschusspistolen, 50 sonstige Waffen wie Messer, Baseballschläger und Elektroschocker. Die Polizei leitete 260 Ermittlungsverfahren ein, stellte 50 Verdächtige fest und ließ 12 Haftbefehle ausstellen. Die Einsätze zeigten Wirkung, betonte die Polizei, die ständige Präsenz sei ein Signal an die organisierte Kriminalität, die ihre Pistolen inzwischen lieber zu Hause lasse. Nun müsse der Druck weiter aufrechterhalten werden.