Familiär belastet?
Just Brunos Familie sorgte für Aufsehen: Gaia (JJ4), die den Jogger tötete, ist eine Schwester. Ein Bruder (JJ3) wurde in der Schweiz getötet; er galt als gefährlich. Mutter Jurka lebt seit Jahren im Alternativen Wolf- und Bärenpark im Schwarzwald, wo 2025 auch Gaia unterkam. Gaias Abschuss hatten Gerichte abgelehnt, obwohl sie schon vor der Attacke auf den Jogger Menschen gefährlich nahekam.
Christopher Schmidt, Sprecher des Bärenparks, sieht Anfütterungsversuche als eine Ursache der Probleme. «Es gibt zwei Dinge, die wir aus dem Fall der Jurka-Familie lernen: Erstens: Fehlverhalten der Tiere ist zu 99 Prozent auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Zweitens: Gefangenschaft muss verhindert werden.»
Ein Leben hinter Zäunen sei für Wildtiere die «Hölle». Sie versuchten teils, sich in Freiheit zu graben, was ein metertiefer Schutz verhindere. Irgendwann zerbrächen sie. Gaia - die im Park nun Luna heißt - zeige «starke Stereotype». «Sie läuft im Kreis, auf und ab.»
Tod als Tierschutz
Früher habe man Gefangenschaft favorisiert, sagt Schmidt. Aber nach 20 Jahren Erfahrung «müssen wir heute sagen, dass auch ein Abschuss durchaus ein Tool im Tierschutz sein kann, wenn damit Leid verhindert wird». Für Bruno sei der Tod aus heutiger Sicht besser gewesen.
«Für Bären, die in Freiheit gelebt haben, sind Gehege oftmals eine Qual», sagt Uwe Friedel vom Bund Naturschutz in Bayern. Experten, die Bären in der Wildbahn erforschten, plädierten für Abschuss statt Gefangenschaft. Wichtiger wäre es, Problemfälle präventiv zu vermeiden.
Im Trentino wurden zuletzt einige als gefährlich eingestufte Bären getötet - stets begleitet von Protesten.
Dass Bruno ähnlich gefährlich hätte werden können wie Gaia, die Junge hatte, hält Bärenpark-Sprecher Schmidt für unwahrscheinlich. Aber «aufgrund der grenzenlosen, menschlichen Dummheit, die Ursprung jeden Fehlverhaltens ist», könne es nicht ganz ausgeschlossen werden.
Falle - Freiheitsheld
Tatsächlich stellten Neugierige Bruno nach, um ihn aus nächster Nähe zu sehen, ein Foto zu erhaschen. Die Behörden wurden immer nervöser.
Die Staatsregierung holte finnische Bärenjäger mit Elchhunden. Während diese fieberhaft suchten, tauchte Bruno Kilometer entfernt auf, ruhte am Kochelsee vor einer Polizeiwache.
Bruno mit einer Bärin zu locken, wurde verworfen. Er sei mit zwei Jahren zu jung und nur scharf auf Schafe, erklärte ein Ministeriumssprecher. Der Umweltverband WWF ließ aus den USA eine Bärenfalle einfliegen, eine Alu-Röhre. Sie blieb leer.
Im Internet wurde der Bär wie ein Freiheitsheld gefeiert. Es gab Solidaritäts-T-Shirts mit «JJ Guevara» oder «Mich kriegt ihr nie». Weltweit verfolgten nun Menschen sein Schicksal. «Herr Bruno Is Having a Picnic», beschrieb die «New York Times» Brunos Brotzeit mit Hühnern.
Nach dem Abschuss wurde Bruno präpariert und ausgestopft. Seither steht er bei wohltemperierten 18 bis 20 Grad in der Museumsvitrine, gemäß seinem Leben als Honigdieb an einem Bienenstock. Er habe sich gut gehalten und die Jahre ohne Parasitenbefall überstanden, sagt Museumsdirektor Michael Apel. Nur sein Fell sei ein wenig heller geworden.
Auch seine Berühmtheit ist verblasst. «Viele Leute erinnern sich überhaupt nur an die Geschichte, wenn sie ihn dann da stehen sehen. Wir versuchen auch nicht, ihn als die Attraktion des Hauses zu spielen», sagt Apel. Das Museum hat unter anderem auch einen Grizzly und einen Panda.
«Wie viel Wildnis wollen wir zulassen?»
Wichtig ist dem Museumschef das Verhältnis von Mensch und Wildtier. Die Wiederansiedlung der Bären in Italien sei ein Erfolg des Naturschutzes. Aber: «Wie werden wir in Zukunft gesellschaftlich damit umgehen?»
In Rumänien, in den USA oder in Kanada seien die Menschen besser auf ein Zusammenleben eingestellt. «Mit Bären umgehen kann man lernen als Gesellschaft. Aber das Management muss konsequent sein», sagt Apel. «Ich finde, Bären sind faszinierende Tiere. Aber ich weiß auch, mit wie viel Respekt man da rangehen soll.»