Angaben dazu, in wie vielen Vergewaltigungsfällen beispielsweise K.-o.-Tropfen eingesetzt werden, liefert die Statistik nicht. Es gibt jedoch Untersuchungen, bei denen Erfahrungen mit solchen Tropfen abgefragt werden, etwa die BKA-Studie Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA).
Foren und Pornoplattformen untersucht
Kriminologin Klimke begann im vergangenen Jahr sich mit Communitys zu befassen, in denen sich Menschen über entsprechende sexuelle Interessen, Fantasien und Praktiken austauschen. Dafür untersuchte sie nach eigenen Angaben unter anderem Beiträge auf Plattformen und analysierte Darstellungen und Suchergebnisse.
Bildmaterial zur Somnophilie sei auch auf gängigen Pornoplattformen zu finden. Es gebe durchaus Formen solcher Sexualpraktiken, die vorher vereinbart und in ihren Grenzen festgelegt würden, so Klimke. «Zur sexualisierten Gewalt wird es, wenn eine solche Zustimmung nicht vorliegt oder die vereinbarten Grenzen überschritten werden.»
Im Fall von Pelicot, war es ihr damaliger Ehemann, der sie über knapp zehn Jahre mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten hatte. Neben ihrem Ex-Mann wurden 50 Mittäter im Jahr 2024 zu langen Haftstrafen verurteilt. Pelicot setzte sich seinerzeit für ein öffentliches Verfahren ein, «damit die Scham die Seite wechselt». Den Tätern wirft die 73-Jährige vor, bewusst eine regungslose, nicht einwilligungsfähige Frau sexuell missbraucht beziehungsweise vergewaltigt zu haben.
«Pelicot ist kein Einzelfall», betonte Richter Markus Koppenleitner im April, als das Landgericht München I einen Studenten aus China zu elf Jahren und drei Monaten Haft verurteilte. Er hatte seine Freundin mit Narkosemitteln betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt. «Das ist kein chinesisches und auch kein französisches Phänomen, sondern auch ein Phänomen in Deutschland und letztlich auch weltweit.»
Internationale Ermittlungen zu Online-Netzwerk
Wie recht er hat, zeigen internationale Ermittlungen: Anfang Juli gingen Fahnder gezielt gegen Online-Netzwerke von Männern vor, die ihre Partnerinnen betäuben, sexuell missbrauchen und Aufnahmen des Missbrauchs ins Netz stellen. 156 mutmaßliche Opfer und Täter seien identifiziert worden, teilte Europol in Den Haag mit. An dem «Projekt Medusa» waren maßgeblich das Bundeskriminalamt (BKA) und das Hamburger Landeskriminalamt beteiligt.
In Berlin beschäftigt mit dem Prozess gegen den 68-Jährigen binnen weniger Wochen erneut eine Vergewaltigungs-Serie das Landgericht. Erst im Juli ist ein 32-Jähriger aus China zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, der nach Überzeugung der Richter einem Missbrauchs-Netzwerk angehörte. Der inzwischen promovierter Mediziner gab laut Urteil in einer Chatgruppe medizinische Ratschläge zur Sedierung von Opfern.
Bereits zum dritten Mal seit 2025 soll sich ab dem 9. November in Berlin ein Mann vor Gericht verantworten, der die hilflose Lage bewusstloser Frauen ausgenutzt und sexuelle Übergriffe gefilmt haben soll. Der heute 39-Jährige wurde zunächst wegen der Vergewaltigung einer bewusstlosen Abiturientin verurteilt. In dem Verfahren sorgte das Gericht damals dafür, dass ein Handy des Angeklagten durch die Polizei vollständig ausgewertet wurde - in der Folge wurden weitere Taten aufgedeckt.
Vernetzung hinterlässt digitale Spuren
Laut Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner, Leiter einer Abteilung für Sexualdelikte, hat der Fall Pelicot in Berlin nicht zu einer Zuname von Anzeigen geführt. Allerdings sei eine höhere Sensibilisierung zu beobachten. Zudem gelte: Wenn den Ermittlern der Einstieg in eine Chat-Gruppe gelungen ist, können sie schnell auf weitere Verdächtige und mutmaßliche Opfer stoßen.
Bislang sei nicht bekannt, ob es eine Zunahme solcher Taten gebe, sagt Kriminiologin Klimke. Sie würden aber sichtbarer, weil Plattformen und einschlägige Chats ganze Netzwerke offengelegt hätten. Zugleich hinterlasse diese Vernetzung digitale Spuren. «Wir müssen deshalb damit rechnen, dass noch weitere Fälle bekannt werden - nicht zwingend, weil die Taten neu sind, sondern weil diese Netzwerke jetzt systematisch ausgeleuchtet werden.»