Ralf Berger-Köther ist Psychologischer Psychotherapeut. Er leitet das Präventionsprojekt "Kein Täter werden" in Bamberg. Dort lernen pädophil veranlagte Männer, ihre Impulse besser zu kontrollieren und ihr sexuelles Begehren nicht an Kindern auszuleben. "Kein Täter werden" versteht sich deshalb als präventiver Opferschutz.

Wer sucht Hilfe bei "Kein Täter werden" in Bamberg?

Ralf Bergner-Köther: Zu uns kommen Menschen jedes Alters und jedes beruflichen und sozialen Hintergrund: vom 18-jährigen Studierenden bis zum 70-jährigen Rentner.

Was verbindet diese Menschen?

Sie alle haben bemerkt, dass sie sich sexuell zu Kindern oder Jugendlichen in der frühen Pubertät hingezogen fühlen. Und darunter leiden sie. Die einen haben Angst, sich sexuell an Kindern zu vergehen. Andere fürchten eher die Folgen, sollte ihre Neigung ans Licht kommen. Sie haben soziale Ängste, sind depressiv und trauen sich nicht mehr unter Menschen. Alle diese Männer wollen kein Täter werden.

Haben Ihre Klienten bislang keine sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt?

Einige haben Abbildungen von Kindesmissbrauch im Internet konsumiert. Andere haben versucht, sich Kindern anzunähern oder haben sogar schon eine Haftstrafe verbüßt. Viele haben aber tatsächlich noch nie etwas getan. Aus diesem Grund sind unsere Patienten juristisch nicht mehr auffällig. Oft sicherlich auch deshalb nicht, weil ihre Taten nicht entdeckt worden sind.

Teilen die Männer ein Unrechtsbewusstsein?

Die Teilnahme bei "Kein Täter werden" setzt eine Eigenmotivation voraus. Personen, gegen die ein Verfahren läuft oder die von einem Richter geschickt worden sind, finden bei uns keine Behandlung. Sie müsse sich stattdessen an die Straftäterambulanzen in Bayern wenden. Wir nehmen nur Personen auf, die aus eigenem Antrieb Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen.

Lassen sich pädophile Neigungen wegtherapieren?

Wer sexuell ausschließlich auf Kinder anspricht, kann diese Präferenz nach jetzigem Wissensstand nicht verlieren. Ein einfaches Wegtherapieren ist aus heutiger Sicht nicht möglich. Was aber möglich ist: Personen, die sich neben Kindern auch von Erwachsenen sexuell angesprochen fühlen, können mithilfe therapeutischer Arbeit ihre Präferenzen in den Erwachsen-Bereich verschieben.

Sind Männer, die sich an Kindern sexuell vergehen, nicht zwingend pädophil?

Etwa 60 Prozent der Täter sind nach wissenschaftlichen Kriterien nicht pädophil. Sie fühlen sich sexuell gar nicht zu dem kindlichen Körper hingezogen. Sie vergehen sich aus anderen Motiven an Kindern. Zum Beispiel weil sie sich von anderen Erwachsenen eingeschüchtert fühlen, weil für sie Kinder leichter verfügbar sind, oder weil sie die Macht über das Kind genießen.

Wenn sich pädophile Neigungen nicht wegtherapieren können: Welchen Ansatz verfolgt "Kein Täter werden dann"?

Wir können den Patienten dabei helfen, Verantwortung für ihre Neigungen zu übernehmen und diese perfekt zu kontrollieren. Gemeinsam erarbeiten wir beispielsweise Verhaltensmechanismen für individuellen Risikosituationen. In unserer Gruppentherapie tauschen sich die Personen zu diesem Fragen auch gegenseitig aus.

Um welche Verhaltensveränderungen geht es konkret?

Es handelt sich teilweise um ganz niederschwellige Veränderungen. Dass die Personen nicht mehr mit dem Schulbus zur Arbeit fahren oder alleine auf Kinder aufpassen. Also Risikosituationen vermeiden und kontrollieren lernen. Auf einer tieferen Ebene arbeiten wir z.B. daran, dass die Personen ihre Impulsivität besser kontrollieren, sich weniger einsam fühlen oder sich auch stärker ins Gegenüber hineinversetzen können. Sie sollen ein Verständnis davon entwickeln was bei ihnen passiert. Warum Sie Gefahr laufen einen Übergriff begehen zu können und was ihnen helfen kann. Das alles soll verhindern, dass sie sich sexuell an einem Kind vergehen.

Können Pädophile ihre sexuellen Neigungen ausleben, ohne Kindern und Jugendlichen zu schaden?

Die einzige uns bekannte Möglichkeit ist die sexuelle Fantasie.

Unterstützen Sie die Patienten bei dieser Verlagerung?

Nur unter bestimmten Bedingungen. Wenn eine Verlagerung auf den Erwachsenenbereich nicht möglich ist, sollte es sich zum Beispiel nicht um ein reales Kind im Umfeld der Person handeln. Bei Patienten mit einem sehr stark ausgeprägten sexuellen Trieb kommt darüber hinaus die Möglichkeit einer medikamentösen Triebdämpfung ins Spiel. Das erleben viele Patienten auch als entlastend. Sie können dann wieder an einem Spielplatz vorbeilaufen, ohne sofort an Sex zu denken.

Wie wirksam ist "Kein Täter werden"?

Das Projekt wird derzeit vom Spitzenverband der Krankenkassen evaluiert. Natürlich gibt es auch in Bamberg Patienten, die ihre Therapie abgebrochen haben. Aber die große Mehrheit hat die Therapie im Einvernehmen mit den Therapeuten abgeschlossen.

Können Sie nachvollziehbaren, ob sich Ihre Patienten nach Abschluss der Therapie an die Absprachen halten?

Wie bieten ihnen an, in der Nachsorge alle zwei Monate an einer Gruppentherapie teilzunehmen. Manche kommen regelmäßig viele Jahre lang, andere beenden den Kontakt zum Projekt irgendwann. Bei letzterer Gruppe können wir deshalb keine Aussagen über ihr anschließendes Verhalten treffen.

Wie viele Ihrer ehemaligen Patienten sind zu Tätern geworden?

Wir hatten bislang rund 100 Patienten die bei uns vorstellig wurden. Von zweien weiß ich, dass sie nach Abschluss der Therapie eine Anzeige wegen eines sexuell motivierten Vergehens bekommen haben. Von den anderen die sich weiterhin melden ist mir in diesem Zusammenhang nichts bekannt.