• Wie sinnvoll ist ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen?
  • So sicher sind unsere Schnellstraßen im internationalen Vergleich
  • So soll die Debatte versachlicht werden

Deutsche Autobahnen sind im internationalen Vergleich alles andere als besonders sicher. Das zeigen Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau, und Prof. Dr. Christian Traxler, Professor für Ökonomie an der Berliner Hertie School, in einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ auf Basis bestehender wissenschaftlicher Literatur. Keine andere Unfallursache führe zu so vielen tödlichen Unfällen wie überhöhte Geschwindigkeit. Zusätzlich sind rund 70 Prozent aller Menschen, die auf den Autobahnen getötet werden, jünger als 50 Jahre.

Tempolimit gut für die Sicherheit und das Klima, sagen die Experten

Deshalb erklären die Experten: Ein Tempolimit würde nicht nur die Anzahl der auf Autobahnen Getöteten und Verletzten reduzieren, sondern hätte darüber hinaus noch weitere Gesundheitseffekte, von denen Millionen Menschen profitieren könnten. „Das belegen Studien aus den USA die beschreiben, dass die Gesundheitseffekte eines Tempolimits durch einen Emissionsrückgang ähnlich stark sein könnten wie jene durch die erhöhte Verkehrssicherheit“, erklärt Prof. Dr. Stefan Bauernschuster.

Dennoch spiele dieser Fakt in der aktuellen Debatte so gut wie keine Rolle. Die Wissenschaftler zeigen in ihrem Fachartikel anhand kleinräumiger geografischer Raster-Daten des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen, dass in Deutschland 14,9 Millionen Menschen im Umkreis von zwei Kilometern zum nächsten Autobahnabschnitt ohne Tempolimit wohnen. „Diese Werte weisen darauf hin, dass ein beachtlicher Teil der Bevölkerung unmittelbar von einem Emissionsrückgang profitieren könnte“, meinen die Autoren. Bei hohen Geschwindigkeiten steigen die Schadstoffemissionen, beispielsweise Feinstaub, Stickstoffoxide oder Kohlenstoffmonoxid, überproportional. Außerdem gebe es einen statistischen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung durch Auto-Emissionen und Krankenhauseinweisungen, insbesondere bei älteren Menschen und Kindern, führen die Forscher weiter aus. 

Und nicht nur gesundheitlich wäre ein Tempolimit sinnvoll: Auch der Effekt auf die CO2-Emissionen des Verkehrs sei immens. Diese seien in den vergangenen 25 Jahren konstant gestiegen. Die Wissenschaftler der Universität Passau berufen sich hierfür unter anderem auf Berechnungen des Umweltbundesamts. Laut diesen könne mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Kilometern pro Stunde der CO2-Ausstoß in einem Ausmaß zurückgehen, der einer Reduzierung des Verkehres in Städten um 13 Prozent entspricht. Ein weiterer Vorteil des Tempolimits, den die Ökonomen ausmachen, ist der Faktor Zeit. Durch das Tempolimit komme man in der Regel sogar schneller am Ziel an. Lediglich Autofahrer, die aktuell die Richtgeschwindigkeit deutlich überschreiten, wären etwas langsamer dran. 

Die Tempolimit-Debatte mit wissenschaftlichen Daten versachlichen

Für alle anderen gelte: Die Fahrt ans Ziel wird kürzer. Denn durch die angepasste Geschwindigkeit würde die Zahl der Unfälle, verursacht durch überhöhte Geschwindigkeit, deutlich zurückgehen. Als Folge daraus, sinkt auch der Zeitverlust durch Sperrungen, Staus, und Umfahrungen, schlussfolgern die beiden Experten. Auch die Elektroautos fänden mit einem Tempolimit wohl schneller ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft. Der Energieverbrauch der Elektroautos ist bei sehr hohen Geschwindigkeiten deutlich erhöht. Mit einem Tempolimit löse sich dieser Nachteil in Wohlgefallen auf. Auch das Autonome fahren könnte durch eine entsprechende Regelung weiter unterstützt werden. Durch die gesunkene Geschwindigkeit-Varianz steigen die Anreize für die Weiterentwicklung des autonomen Fahrens, erklären Stefan Bauernschuster und Christian Traxler. 

Trotz aller positiver Effekte, räumen die Forscher auch ein, dass die derzeitige Datenlage in Deutschland dürftig ist. Es gäbe beispielsweise keine repräsentativen, aktuellen Daten zur Geschwindigkeit auf Autobahnen. Die letzte systematische Evaluationsstudie zum Tempolimit sei vom Bundesverkehrsministerium vor mehr als 45 Jahren in Auftrag gegeben worden. Die Forscher aus Passau und Berlin unterstreichen deshalb die Forderung des wissenschaftlichen Beirats des Bundesverkehrsministeriums nach einer „stärker evidenzbasierten Verkehrspolitik“. Die oftmals emotional geführte Debatte um ein Tempolimit könne mit wissenschaftlichen Daten versachlicht werden. Sie schlagen etwa ein von Beginn an wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt zum Tempolimit vor.