Mehr als 48 Stunden nach den schrecklichen Ereignissen von München haben wir das, was wir schon am Freitagabend dringend gebraucht hätten: Abstand. Fakten. Wahrheit. Es war kein Terrorakt. Ein Einzeltäter hat Menschenleben ausgelöscht. Das schmälert nicht auch nur um einen Bruchteil unser Unverständnis, unsere Trauer, unser tiefes Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen. Der Abstand, die Fakten, die Wahrheit ermöglichen es uns allerdings nun, die grausame Tat einzuordnen.

Abstand, Fakten, Wahrheit: Was den Blick schärft und den Informationsgehalt erhöht, war am Tatabend selbst nicht an jeder Stelle gewährleistet. Obwohl Journalisten sich im Pressekodex darauf verpflichtet haben, "die Öffentlichkeit wahrhaftig zu unterrichten", die "Menschenwürde zu wahren" und "Informationen sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen". Die Todesschüsse liefen in einer Dauerschleife über manche Sender und füllten die spärliche Nachrichtenlage. In Großaufnahmen waren abgedeckte Leichen und Opfer zu sehen. Fast jedes Gerücht wurde mit dem Feigenblatt "unbestätigt" eins zu eins weitergereicht, eine Nation in Panik versetzt.

Eine zunehmende Amerikanisierung der Berichterstattung und journalistischer Aktionismus verändern unsere Gesellschaft. Die von vielen Menschen erwartete Schnelligkeit der Information überlagert, mindert deren Zuverlässigkeit, deren Qualität. Menschen werden dadurch tiefgreifend verunsichert. Täter und potenzielle Nachahmer werden - unbeabsichtigt - inszeniert und heroisiert. Die Polizei kämpft nicht mehr nur gegen Attentäter, sondern auch gegen falsche Informationen in (sozialen) Medien.

Am Freitag hat die Münchner Polizei auch die zweite Herausforderung mit hoher Professionalität gelöst und mit großer Umsicht den Kampf um die Hoheit über die Informationen im Netz gewonnen. Ausschließlich auf der Basis von gesicherten Erkenntnissen, von Fakten. Mit dem notwendigen Abstand erkennen wir, welchen unbeschreiblichen Wert die Wahrheit für uns hat.

Die Münchner Polizei war damit der wichtigste Fels in einer starken Brandung. An diesem Fels formierte sich im Laufe des Abends durch Rettungskräfte, durch Seelsorger, durch Menschen, die ihre Türen für Gestrandete öffneten, ein Bollwerk, ein starker Staat, eine starke Gesellschaft. Wenn wir das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Einfühlsamkeit dieses Abends mit in unseren Alltag nehmen, dann werden uns weder Terroristen noch Attentäter einschüchtern können.