"Dann tut mir das leid": Klopp überrascht mit Analyse nach Pleite gegen Griechenland

4 Min

Die Euphorie um die deutsche Nationalelf ist dahin. Und Jürgen Klopp ist bemüht, nach der Pleite gegen Griechenland keine Depression aufkommen zu lassen. Seine Analyse mag dennoch überraschend klingen.

Den nächsten bitteren Realitäts-Check des deutschen Fußballs arbeitete Jürgen Klopp zunächst in der Kabine mit seinem ersten Kader auf, der direkt danach die Heimreise antrat. Danach stemmte sich der Bundestrainer bis kurz vor Mitternacht im Presseraum des Augsburger Stadions nach dem 0:1 (0:0) gegen Griechenland knapp 19 Minuten lang gegen eine neu aufkommende Negativstimmung im Land nur drei Monate nach dem WM-Flop. 

"Wenn die Euphorie jetzt weg ist, tut mir das leid", sagte der 59-Jährige. Bei ihm sei das nach zwei sieglosen Spielen keineswegs der Fall. "Es gibt für mich keinen Grund, jetzt in Depression zu verfallen und zu sagen, wir sind ja doch so schlecht. Sind wir nicht", sagte Klopp energisch. "Aber wir sind auch nicht jetzt schon wieder so gut, wie wir gerne wären."

Klopp übernimmt Verantwortung für Niederlage gegen Griechen: "Lasst die Jungs in Ruhe"

Klopp übernahm die Verantwortung für den Fehlstart in die Nations League, für seine große Sichtung mit dem Doppelkader inklusive zahlreicher Neulinge, für Aufstellung und Ergebnis. Und er wandte sich direkt an die Medien: "Wenn ihr euch auf dem Weg an jemandem auslassen und jemanden kritisieren wollt, macht das mit mir. Lasst euch an mir aus – und lasst die Jungs in Ruhe." 

Nicht nur die Nationalmannschafts-Neulinge, sondern auch die etablierten Spieler bräuchten Unterstützung: "Das sind Topspieler in Topvereinen. In Sack und Asche müssen sie nicht gehen." Wer die Art Fußball, die er dem DFB-Team mit harter Arbeit einimpfen möchte, "mitgehen will, für den wird immer eine Tür offen sein", sagte Klopp an die Adresse der Spieler. Das sollte auch heißen: Zweifel an seinem Weg lässt er nicht zu.

Aber auch der erfolgreiche Ex-Vereinscoach kann als Nationaltrainer nicht zaubern. "Dass der deutsche Fußball aktuell nicht in der besten Situation aller Zeiten ist und Jürgen Klopp nicht vorbeikommt und einfach kurz mit Handauflegen alle Probleme löst, das wusste ich vorher", sagte der Nachfolger von Julian Nagelsmann. "Wenn es irgendwer nicht wusste, dann weiß er es jetzt", sagte er am Ende des Augsburger Abends.

Kader zwei startet – Chance auf Wiedergutmachung schon am Donnerstag

"Schritte sind nie groß genug. Es geht nie schnell genug. Aber am Ende wird es einen Moment geben in der näheren Zukunft, an dem wir bereit sind, gegen jeden Gegner ein unangenehmer zu sein", versicherte Klopp. 

Noch in der Nacht ging es für ihn und die Spieler seines zweiten Kaders, die in Augsburg Augenzeugen der Niederlage waren, die rund 180 Kilometer zurück nach Franken. Im Quartier in Herzogenaurach steht viel Arbeit in der kurzen Vorbereitung auf das nächste Spiel am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) in München gegen den punktlosen Tabellenletzten Serbien an. "Die zweite Gruppe ist ausgeruht, wir werden zweimal trainieren", kündigte Klopp für heute an.

Etwas anders als Klopps milde Analyse fällt die von Weltmeister Bastian Schweinsteiger aus. Der TV-Experte findet klare Worte für das deutsche Nationalteam. "Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht diese Spieler mehr, die den Unterschied ausmachen", sagte der 42-jährige ARD-Experte nach dem enttäuschenden Heimdebüt des neuen Bundestrainers.

"Reine Testerei": DFB-Team laut Schweinsteiger im Mittelmaß angekommen

Klopps Strategie hält der frühere Profi des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft dennoch für richtig. "Es ist richtig, sich alle mal anzuschauen, die infrage kommen können, um eine Mannschaft zu entwickeln, die den Jürgen-Klopp-Fußball spielen wird", sagte Schweinsteiger. "Den werden wir hoffentlich im November sehen. Jetzt ist es reine Testerei."

Als größtes Problem nimmt Schweinsteiger aktuell den Spielaufbau wahr. "Wenn wir von hinten herausspielen müssen, ist der Einzige, der kreative Pässe spielen kann, Kimmich. Das ist der Einzige", sagte er. "Wenn der nicht da ist, dann wird es schwierig."

Apropos Kimmich: Der Kapitän gehört nicht zu Klopps zweitem Kader und muss nun mit einem blöden Gefühl nach Hause reisen. Und das auch noch früher, als es ihm lieb war. "Schwierig. Ich wäre gerne geblieben, aber ich verstehe auch, dass der Trainer noch andere Jungs kennenlernen möchte. Das war von vorneherein so der Plan, dass wir durchwechseln. Dementsprechend werde ich von zu Hause aus die Daumen drücken", sagte der Kapitän nach dem bitteren 0:1 im zweiten Nations-League-Spiel gegen Griechenland.

Kimmich: "Ich hatte bis zum Ende so ein bissel gehofft, zu bleiben"

Noch am Spielort Augsburg hatte Kimmich auf eine andere Entscheidung von Klopp gehofft. Doch der Bundestrainer blieb bei seinem Plan, dass auch der 31 Jahre alte Kapitän in der zweiten Länderspiel-Woche mit den Partien gegen Serbien am Donnerstag und drei Tage später in Thessaloniki wieder gegen Griechenland pausiert. "Ich hatte bis zum Ende so ein bissel gehofft, zu bleiben", sagte Kimmich. Dass er das Gegentor von Dimitris Kourbelis entscheidend abfälschte, war der Tiefpunkt in seinem 115. Länderspiel.

Ausgerechnet in seinem Heimstadion in München gegen Serbien nicht zum Aufgebot zu gehören, ist besonders bitter für den immer einsatzbereiten Kimmich. Zumal er noch kein Ersatzprogramm für die nächsten Tage hat. 

"Ich fahre erstmal nach Hause, und dann werden wir schauen. Es wird jetzt nicht weit weg gehen, weil die Kinder in die Schule gehen. Dementsprechend werde ich zu Hause sein und am Donnerstag vielleicht zum Spiel kommen", sagte Kimmich. 

"Wir werden besser werden"

Der Auftritt gegen Griechenland war einfach nicht gut genug, befand er. "Es war jetzt nicht so, dass wir es verlieren müssen. Aber es war nicht so, dass wir einen Sieg verdient gehabt hätten. Dafür ist uns zu wenig eingefallen. Wir haben uns zu wenig Chancen erarbeitet", räumte Kimmich ein. 

Dennoch will er den Start unter Klopp nicht zu negativ bewerten. "Es ist offensichtlich, dass wir Dinge ausprobieren, dass wir zueinanderfinden müssen, dass es ein neuer Ansatz ist und wir uns darauf einlassen müssen, das werden wir auch. Wir werden auch besser werden", versprach der Bayern-Profi. Die Stimmung in Klopps erster Trainingswoche als neuem Chefcoach "war sehr positiv", sagte Kimmich.

Vorschaubild: © Sven Hoppe/dpa