Tettau
Porzellan

Das Ende einer großen Tradition in Tettau

In Tettau gehen nun die letzten von einstmals 600 Arbeitsplätzen in der Königlich-privilegierten Porzellanfabrik verloren.
Artikel drucken Artikel einbetten
Große Beachtung fand die Porzellan-Sonderausstellung im Kleintettauer Glasmuseum mit 200 Jahre alten Raritäten.   Gerd Fleischmann
Große Beachtung fand die Porzellan-Sonderausstellung im Kleintettauer Glasmuseum mit 200 Jahre alten Raritäten. Gerd Fleischmann
+9 Bilder

Glas und Porzellan dominieren seit Jahrhunderten am Rennsteig. Beide Werkstoffe zeichnen sich durch Können, Kunst, Tradition, Kultur, Geschichte und schließlich durch Moderne aus. Glas und Porzellan haben im Landkreis Kronach ein sehr hohes Niveau erreicht, das auf den Weltmärkten Anerkennung findet. Doch das war einmal! Während die Glasindustrie im Landkreis-Norden erfolgreich ihre Position bis heute verteidigt hat, befinden sich seit 50 Jahren die heimischen Porzellanunternehmungen im Sinkflug. Billigimporte aus Fernost sowie gewandeltes Anspruchsdenken sorgten für einen steten Niedergang. Namen wie Edelstein Küps, Rosenthal Kronach, Alboth & Kaiser Kronach oder Stockhardt & Schmidt-Eckert Kronach sind schon längst Geschichte geworden.

Nun geht es der Porzellanbastion Tettau endgültig an den Kragen. Einstmals schafften an die 600 Frauen und Männer in der Königlich-privilegierten Porzellanfabrik. Für die letzten 15 Werksangehörigen ist 2019 das endgültige Aus vorprogrammiert. Zurück bleibt ein stolzer, dominant wirkender Bau, der das Ortsbild von Tettau bis heute entscheidend prägt.

Die zweite heimische Porzellanfabrik, und zwar Gerold & Co., 1904 von ehemaligen Facharbeitern der "Königlich-privilegierten" nach einem erbitterten Lohnstreik gegründet, schloss bereits 1998 für immer die Werkstore. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte die "Neue Porzellanfabrik" - so der Volksmund - immerhin 161 Arbeiter und 31 Angestellte.

Das "Weiße Gold" konnte 2010 im Europäischen Flakonglasmuseum in Kleintettau im Rahmen der Sonderausstellung "Glas und Porzellan - eine Seelenverwandtschaft" bewundert werden. Nicht von ungefähr hatte der Glasbewahrerverein dieses Thema ausgewählt. Denn vor über 300 Jahren gründete der sächsische König August der Starke die Meißener Porzellanmanufaktur. 1957 übernahm die Firmengruppe Christian Seltmann aus Weiden nahezu 100 Prozent des Aktienkapitals der Tettauer. 2010 beschäftigte man am Rennsteig noch über 100 Mitarbeiter. An die 20 Tonnen Porzellan verließen jeden Monat den Betrieb - der handwerkliche Anteil der Produktion lag bei etwa 70 Prozent.

Ausdruck vollendeter Tischkultur

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts galt feinstes Tettau-Porzellan bei Hofe als Ausdruck vollendeter Tischkultur. Die älteste Porzellanfabrik Bayerns wurde 1794 unter Mitwirkung des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt gegründet. Die Firmengründer waren Georg Christian Friedmann Greiner aus Kloster Veilsdorf bei Coburg und der Coburger Kaufmann Johann Friedrich Paul Schmidt. Greiner entwickelte den reinweißen transparenten "Tettauer Scherben".

Die Erfindung des europäischen Porzellans gleicht einem Kriminalfall. China gilt als das Mutterland des Porzellans. Seit Ende des 13. Jahrhunderts kam chinesisches Porzellan nach Europa. Ab 1700 konnte man von einem Porzellanhandel großen Stils sprechen. Es wurde hauptsächlich an die europäischen Fürstenhöfe verkauft und war dort ein "notwendiges Attribut des Glanzes und der Würde" eines Fürsten. Für die Finanzen der Höfe erwies sich diese Zurschaustellung als eine enorme finanzielle Belastung. Deshalb versuchte man mit allen Mitteln, Porzellan selbst herzustellen. Schließlich war es dem Alchemisten Johann Friedrich Böttger (1682 - 1719) mit tatkräftiger Unterstützung des Universalgelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651 - 1708) im Jahr 1708 gelungen, das "Weiße Gold" herzustellen. Mit der Gründung der Meißener Manufaktur am 25. Januar 1710 setzte der Siegeszug des Porzellans in Europa ein.

Das 19. Jahrhundert bedeutet für Europa eine Zeit der großen Umwälzungen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. Porzellan wurde nun breiten Schichten der Bevölkerung angeboten. Davon profitierte schließlich auch die "Königliche" in Tettau. So prägte in früheren Zeiten eine beachtliche Industriekonzentration mit unterschiedlichsten Produktionsstätten den Landkreis Kronach.

Die goldenen Zeiten sind längst vorbei. Nicht weniger als 3000 Arbeitsplätze gingen mittlerweile verloren. Doch die Königlich-privilegierte Porzellanfabrik in Tettau behauptete sich mit hochwertiger Manufakturarbeit auf dem Nischenmarkt.

Königshäuser als Kunden

Zwei Jahrhunderte standen auf der Kundenliste nahezu alle Königshäuser Europas, Arabiens, Asiens - und das russische Zarenhaus. Ebenso verführen immer noch Spitzenköche wie Alfons Schuhbeck oder Harald Wohlfahrt ihre Gourmetgäste auf Tettauer Porzellan. Künstlersortimente von Friedensreich Hundertwasser, Pablo Picasso, Claude Monet, Bruno Bruni oder Victor Vasarely ergänzten die hochwertigen Haushaltsgeschirre. Dieses hohe Niveau kam nicht von ungefähr: Beste Tradition, fundierte handwerkliche Kenntnisse und Erfahrungen - in Generationen von Malern und Modelleuren überliefert - garantierten die hohe Qualität Tettauer Porzellans.

Was andere nicht mehr herstellen konnten, das machte Tettau, und zwar hochprofessionell. Dünnwandig und unübertroffen transparent, verspielt, sehr aufwendig dekoriert - das zeichnete die Qualität des Tettauer Porzellans aus. Doch das war einmal, leider!

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren