WIESENBRONN

Erinnerung an besonderen Sohn des Dorfes

Wiesenbronn ist für seinen Wein bekannt. Doch die 1000-Seelen-Gemeinde im Steigerwaldvorland hat auch einen berühmten Sohn hervorgebracht: Seligmann Bär Bamberger.
Artikel drucken Artikel einbetten
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden (Mitte) und seine Frau Jutta ließen sich von Reinhard Hüßner die Mikwe in der Synagoge in Wiesenbronn zeigen. Foto: Fotos: Timo Lechner
+1 Bild

Wiesenbronn ist landläufig für seinen Wein bekannt. Doch die 1000-Seelen-Gemeinde im Steigerwaldvorland hat auch einen berühmten Sohn hervorgebracht: Seligmann Bär Bamberger, auch als „Würzburger Rav“ bekannt. Der jüdische Geistliche wurde 1807 geboren und wurde weit über die Grenzen seines Heimatdorfes, vor allem als Initiator jüdischer Bildungseinrichtungen in Würzburg, bekannt. Ihm galt am Mittwoch ein Erinnerungsabend, zu dem Michaela und Reinhard Hüßner geladen hatten und der spannende Einblicke in das fränkische Landjudentum brachte.

Leben im Baudenkmal? Davon gibt es mehrere Beispiele. Leben aber im Museum, das zugleich noch eine Synagoge ist, das gibt's wohl nur einmal. Für Michaela und Reinhard Hüßner aus Wiesenbronn ist das jedoch mittlerweile eine ganz normale Angelegenheit. Vor elf Jahren begannen sie, die ehemalige Synagoge des Ortes herzurichten. Wohnhaus und Ausstellungsort zugleich sollten entstehen.

Nachdem das Projekt nun abgeschlossen ist, wollten die Hüßners mit einer Besichtigung für geladene Gäste und einer anschließenden Vortragsreihe im Gasthof Schwarzer Adler Seligmann Bär Bamberger würdigen, der ein beispielhafter Vertreter seiner Zunft und ein Mittler zwischen orthodoxer und liberaler jüdischer Lehre war, wie Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden erläuterte.

Schuster beschrieb die Weltoffenheit Bambergers, mit der er fortschrittliche Töne in das jüdische Leben im Alltag brachte. Die heutige Würzburger Gemeinde sowie Shalom Europa, das jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg, sei ohne ihn nicht denkbar. Schuster stilisierte den Rabbiner auch als Person, an der man sich in der aktuellen Debatte im Umgang mit Immigranten ein Beispiel nehmen könne. So wäre Bamberger heute für Menschenrechte und Gleichheit eingestanden. Aktuell müsse man bedenken, dass Menschen nach Deutschland kommen, die von Kindesbeinen an eine ablehnende Haltung gegenüber dem Judentum eingetrichtert bekommen hätten.

Auch der Regierungspräsident von Unterfranken, Paul Beinhofer, sah Anlass für kritische Töne: Wer nach Deutschland komme, müsse die Werteordnung einer jüdisch-christlichen Tradition als „Hausordnung“ anerkennen. Das Landjudentum habe Franken entscheidend mitgeprägt, die Weltoffenheit Bambergers sei beispielhaft, so der Vorsitzende des Kuratoriums von Shalom Europa.

Sein Stellvertreter, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, lobte die Zielstrebigkeit der Hüßners, ebenso wie Bezirksheimatpfleger Professor Klaus Reder, der von seinen ersten Berührungspunkten mit der jüdischen Geschichte auf dem Land erzählte, die er bereits in seiner Studentenzeit hatte. Auch der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos berichtete von persönlichen Erfahrungen mit dem Umgang und den Wandel einer Erinnerungskultur zum Judentum.

Der Historiker Dr. Roland Flade, der mehrere Publikationen zu jüdischen Lebensgeschichten veröffentlicht hat, referierte über das Leben und Wirken von Seligmann Bär Bamberger als Distriktsrabbiner in Würzburg. Besonders hob er dessen Spannungsfeld als „Unstudierter“ unter den Gelehrten seiner Zeit hervor und beschrieb den gebürtigen Wiesenbronner als einen Mann des Ausgleichs, der durch die Gründung der Israelitischen Erziehungs- und Unterrichtsanstalt (1856) und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt (1864) auch die Bildung aktiv vorangetrieben hat.

Der Gastgeber Reinhard Hüßner dokumentierte die Familiengeschichte Bambergers, dessen Geburtshaus mit der Nummer 72 vor einigen Jahren abgerissen wurde. Ohne die Aufzeichnungen von Sohn Nathan Bamberger wäre das Wissen um den Rabbiner wohl weitgehend verloren gegangen. Die Spurensuche in Wiesenbronn geriet ebenso informativ wie unterhaltsam.

Musikalisch gestaltet wurde der Erinnerungsabend vom Veitshöchheimer Quartett Schmitts Katze, das jiddische Lieder und Klezmer spielte. Wann und wie oft die Ausstellung in der Wiesenbronner Synagoge zu sehen wird, soll in den kommenden Wochen entschieden werden.

Verwandte Artikel

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.