Bamberg
Demografie

Das Leben im Alter mitgestalten

In der Wunderburg startet ein Pilotprojekt für ein seniorengerechtes Viertel.
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Der Ulanenpark setzt zwar altersgerechtes Wohnen um - ist aber längst nicht für jeden Durchschnittsrentner bezahlbar. Foto: Ronald Rinklef
Der Ulanenpark setzt zwar altersgerechtes Wohnen um - ist aber längst nicht für jeden Durchschnittsrentner bezahlbar. Foto: Ronald Rinklef

"Wer könnte besser darüber Bescheid wissen, wie die Lage vor Ort tatsächlich ist, als Sie, die hier leben?", fragt Marianna Heusinger im vollen Pfarramtsraum der Maria Hilf in die Runde. Gut 70 vor allem ältere Menschen hören der Sozialplanerin der Stadt Bamberg gespannt zu. Schließlich geht es um ihr Quartier - die Wunderburg - und besonders darum wie das schnuckelige Viertel im Bamberger Südosten fit für die Zukunft gemacht wird. Da bei immer mehr der gut 7500 Bewohner der Lebensabend anklopft, will die Stadt Bamberg ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept in Angriff nehmen. Und an diesem Abend entsteht unweit des Ulanenplatzes der Schlachtplan dafür. Im Allgemeinen gilt: Wenn die Politik eine Stadt sinnvoll gestalten möchte, muss sie vieles beachten. Was brauchen die Menschen? Was gefällt den Menschen an der Stadt und was läuft nicht so rund? Und werden auch alle Beteiligten gehört? Kurzum: Wie können sich alle wohlfühlen in der direkten Nachbarschaft? Diese Idee wird nun auf jedes einzelne Viertel heruntergebrochen. "Und die Wunderburg hat die Ehre, den Anfang zu machen", betont Planerin Häussinger. Um die Aufgabe zu stemmen werden aber nicht nur die klassischen Partner wie der ansässige Bürgerverein der Kerwa und Co. auf die Beine stellt, einbezogen: Zusammen mit der Uni Bamberg und dem Basis-Institut soll das Projekt auch wissenschaftlich begleitet werden. Prof. Dr. Marc Redepenning vom Lehrstuhl für Kulturgeographie ist ganz überrascht über die große Resonanz und präsentiert den interessierten Wunderburgern auf einer Powerpoint-Folie eine Stimmungskurve. Im Rahmen eines Seminars sind die Studierenden Redepennings durch das Viertel rund um die Maria Hilf Kirche gezogen, um die älteren Bewohner auf der Straße oder Haustür zu befragen. Ist das Quartier eher dörflich oder städtisch? Wirkt es eher sicher oder unsicher? Und wie seniorengerecht ist die Wunderburg im Allgemeinen? 21 gegensätzliche Begriffspaare sollen das Leben im Stadtteil greifbar machen. Erste Ergebnisse zeigen: Die Menschen in der Wunderburg sehen sich als tolerant und freundlich. Es ist ein sicherer und vertrauter Ort der kurzen Wege mit dörflichem Charakter. Nah an den Leuten aber gleichzeitig nah an der Innenstadt. Auch der kurze Weg zum Luitpoldhain steht hoch im Kurs. Soweit der erste Stand. Um noch mehr Eindrücke zu sammeln, wurde jedem Besucher an diesem Abend der gleiche Fragebogen vorgelegt, um mit neuen Befragten noch ein breiteres Bild zu zeichnen.

Dann geht"s in die Gruppengespräche, auf welche die Menschen im Saal geduldig gewartet haben. "Wie groß ist eigentlich die Wunderburg? Also was gehört da noch dazu? ", fragt Melanie Beck in die Runde der Damen, die am Tisch sitzt. Beck ist Quartiersmanagerin des Trägervereins Iso e.V., das zusammen mit dem Projekt "Soziale Stadt Bamberg" sich die Viertel Starkenfeld und Gereuth-Hochgericht anschaut und Konzepte entwirft. Keine ganz einfache Frage nach den Enden des Viertels: "Also der Münchner Ring ist definitiv eine Grenze." "Das Hochgericht gehört aber noch dazu?", hakt Beck nach. Alle am Tisch bejahen. Unklarheit ist bei der Schildstraße. Schon auf der anderen Seite der Bahngleise gelegen kommt dennoch der Pfarrbrief der Maria Hilf-Gemeinde ins Haus geflattert. Und wenn die Kerwa-Zeit ansteht, dann natürlich im Herzen der Wunderburg. Zur Theuerstadt grenzt selbstverständlich der Marienplatz ab. Dann wäre das schonmal geklärt. "Wenn ich Nachbarschaftshilfe brauche, dann wäre kurzfristig schon jemand parat", erzählt eine ältere Dame, die seit den 70ern in der Wunderburg lebt. Aber auf Dauer gehe das nicht. "Der Weg zum Nahkauf von der Hans-Böckler-Straße ist nicht rollatorgerecht", wirft eine andere Dame ein. "Ja, und der Zugang zum Wahllokal in der Wunderburgschule ist auch nicht barrierefrei", meint Elke Burmeister, die seit 2011 im Viertel ihre Heimat gefunden hat. Und auch an der Stadtbibliothek seien noch zwei Stufen, ergänzen die anderen Teilnehmer am Tisch. "Es fehlt auch einfach eine Paketannahmestelle in den Märkten", betont Juliane Fuchs, die seit 2001 in der Wunderburg lebt. Der Weg zur nächsten Post ist dann schon wieder eine ganz schöne Ecke. Übereinstimmung gibt"s bei allen Gesprächspartnern auch in puncto Busverbindung für Kultur und Konzerte. Tagsüber geht"s zwar, aber abends und nachts lasse der Fahrplan sehr zu wünschen übrig. Und wie kann man sich vernetzen? Die junge Generation habe Facebook, aber was machen die Senioren? "Vielleicht könnte man anregen, dass die Vermieter den Kontakt im Haus stärken?", meint Fuchs. Fragen über Fragen. Alles wird auf Zettel notiert und am Ende der Gruppenphase hängen mehrere Dutzend Ideen, Kritiken und Anregungen an den Stellwänden. Unter den Stichpunkten "Quartiersnahe Infrastruktur", "Kultur & Freizeit" oder auch "Nachbarschaftshilfe" zeigt sich ein breites Spektrum an Vorschlägen.

Nur einen Katzensprung von der Abendveranstaltung entfernt steht einer der Hoffnungsträger des Viertels in nigelnagelneuem Gewand: Der Ulanenpark. Aber nicht für alle bringt der Neubau der Stadtbau die gewünschte Verbesserung im Viertel. Unter dem Punkt "Bezahlbarer Wohnraum" wird das Projekt der Stadtbau als nicht sozial bezeichnet. Altersgerechtes Wohnen würde zwar umgesetzt aber es wird angezweifelt, ob das sich ein "Durchschnitts-Rentner" das leisten kann. Und auch generationenübergreifendes Wohnen für Jung und Alt käme zu kurz. Darein spielt noch der Wunsch nach einem gemeinsamen Treffpunkt: Während eine Gruppe "Die Bäckerei ist unsere Sozialstation im Kleinen" festhielt, fordern andere ein Seniorencafé im Ulanenpark. Und eine Apotheke plus Postannahme im neuen Supermarkt stehen auch noch auf der Wunschliste. Auch kulturell sind da so manche Ideen im Raum: Vielleicht könnte man ja - ähnlich wie im Gärtnerviertel - ein Theater aufziehen? Oder das Kino im Pfarrsaal wiederaufleben lassen? Mehr Veranstaltungen des Bamberger Literaturfestivals würde auf große Gegenliebe stoßen. Und wer weiß: Vielleicht kommt auch noch eines Tages ein kleiner Weihnachtsmarkt, so rings um die Kirche? Und ein Quartiersblatt, das alle Wunderburger erreicht? Die Ideen sind zahlreich und der Gesprächsbedarf groß. Mehr als genug Material für das Sozialreferat und das Team um Marianna Heusinger.

"Für den ganzen Prozess ist es wichtig, dass die Sozialverbände mit im Boot sein müssen", findet Wolfgang Budde, der sich schon beruflich mit der sozialen Raumwahrnehmung eines Viertels auseinandergesetzt hat und seit den 80ern in Bamberg lebt. "Ich finde dieses Format unglaublich lebendig und vielseitig. So soll Demokratie sein!", meint die Anwohnerin Burmeister voll überzeugt. So sieht sie gute Chancen, dass daraus was wird. "Man müsste eigentlich Arbeitsgruppen einrichten, die sich speziell mit einem der Schwerpunkte auseinandersetzen", kritisiert Hans Schneider, der seit 20 Jahren Wunderburger ist. Wenn diese Gruppen sich regelmäßig treffen würden und eine unterstützende Person von der Stadtverwaltung bekämen, würde man schneller zu einem Ergebnis kommen.

Damit für die nächste Runde ein sinnvoller Zeitplan entstehen kann, durfte jeder Teilnehmer fünf Punkte verteilen für die Themenbereichen, die am wichtigsten erscheinen. Die Mobilität hat zusammen mit der quartiersnahen Versorgung klar das Rennen gemacht. Am 13. Februar ist dann das nächste Forum um 18.30 Uhr am gleichen Ort. Dann werden die Schwerpunkte bearbeitet und Lösungsvorschläge präsentiert. Und im April geht"s in Runde Drei um das Planen der konkreten Maßnahmen. Eine Herangehensweise die Schule machen soll: Dann könnte in Zukunft jedes Quartier Bambergs entsprechend neu gedacht werden.



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