Bad Kissingen
Saline

Streifzug durch die Geschichte der Gradieranlagen

Eines ist das Bad Kissinger Gradierwerk nicht: ein historisches Denkmal. Es handelt sich bei dem rund 40 Meter langen Torso um einen Neubau aus den 1990er Jahren. Nachdem der Orkan Wiebke vom 28. Februar auf den 1. März 1990 das morsche Gradierwerk endgültig kaputt geblasen hatte, war nach Ansicht der Fachleute der Abriss mit Neubau die einzige Lösung.
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So präsentierte sich der alte Gradierbau mit dem 139 Meter langen Südflügel, als dieser noch intakt war. Foto: Hilla Schütze/ Archiv
So präsentierte sich der alte Gradierbau mit dem 139 Meter langen Südflügel, als dieser noch intakt war. Foto: Hilla Schütze/ Archiv
Dabei ist Kissingen der erste Standort in Westeuropa, in dem Kochsalz über eine gradierwerk-artige Anlage gewonnen wurde. 1562 bis 1567 war hier das erste "Leckwerk" errichtet worden, in dem Sole über Stroh gradiert wurde. Durch das Gradieren wurde die Sole verdickt, so dass der Aufwand beim Sieden geringer wurde.


Salzgewinnung ab dem Jahr 800

Allerdings ist die Geschichte der Salzgewinnung in Kissingen um vieles älter. Schon um 800 besaß das Kloster Fulda Anteile an einem Salzwerk zwischen Kissin gen und dem Dorf Hausen.

Dann allerdings scheint die Salzgewinnung lange Zeit brach gelegen zu haben. Es war der Würzburger Fürstbischof Friedrich von Wirsberg, der 1559 eine bessere Einrichtung der Salzsiederei befahl und damit den Bau des Leckwerks initiierte. Nach Rückschlägen machte Fürstbischof Julius Echter den nächsten Versuch, das Kissinger Salinenwesen zu beleben. Ein neuer Pächter bekam 1575 den Kissinger Salzbrunnen nebst Siedehütte und Siedekasten.

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurden die Kissinger Salinen wohl komplett zerstört. Erst 1655 wurde der Siedebetrieb wieder aufgenommen. 1738 wurde die Saline erneut verpachtet. Mit Wasserkraft betriebene Pumpen förderten die Sole zu den Gradierwerken, durch mehrfaches Gradieren wurde der Salzgehalt von rund drei auf 20 Prozent erhöht, anschließend wurde die Sole in einer mit Holz beheizten Sudpfanne versotten.

Zwischen 1757 und 1763 lag die jährliche Salzausbeute bei 1400 Zentnern, zu wenig, um die Nachfrage zu decken. Am 1. März 1764 wurde mit dem Bau eines neuen Salzwerkes an der Oberen Saline begonnen, deren Gebäude nicht nur der Salzgewinnung, sondern auch dem Kurbetrieb dienten.

1778 wurden nach dem Bau weiterer Gradieranlagen schon 11 000 Zentner Salz gewonnen. Nach der Säkularisation betrieb das Königreich Bayern ab 1809 die Kissinger Salzwerke, die jährlich etwa 30 000 Zentner Siedesalz lieferten, auf eigene Rechnung.


Balneologische Bedeutung

Aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse gewannen seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Gradieranlagen auch balneologische Bedeutung und wurden zunehmend als Kurmittel genutzt. Parallel dazu verlor die Salzgewinnung an Bedeutung. Die Gradierwerke, die sich von der Unteren Saline bis fast nach Hausen zogen, wurden immer weiter rückgebaut. Der letzte Sud wurde 1968 gewonnen.

Bei den Kurgästen erfreute sich der übrig gebliebene Gradierbau an der Unteren Saline großer Beliebtheit. In Lauben und auf bewirtschafteten Liegeflächen ließ sich die zerstäubte Sole bestens einatmen. Doch dem Pächter, der Bäderverwaltung OHG, ging das Geld aus, der Freistaat als Eigentümer sah zu, wie das Gradierwerk verfiel.


Kollateralschaden

1990 wütete der Orkan Wiebke auch über Bad Kissingen. Er zog den inzwischen ziemlich heruntergekommenen Gradierbau erheblich in Mitleidenschaft. 1992 wurde der baufällige Nordflügel abgerissen, während der mit 139 Metern erheblich längere Südflügel weiterhin verfiel. 1993 begann der Wiederaufbau des Nordteils nach modernen Baugrundsätzen, 1994 musste der Südflügel fallen, nachdem schon Teile des Daches in sich zusammengebrochen waren. Ein Jahr später war auch der Turm so marode, dass er durch einen Neubau ersetzt werden musste.

Geblieben ist ein kläglicher Rest der einstigen Gradieranlagen. Und obwohl der Neubau des Südflügels immer mal im Doppelhaushalt des Freistaates auftaucht, sieht es nicht danach aus, als ob er in absehbarer Zeit wieder entstehen würde.


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