Münnerstadt
Historie

Das Buch über Münnerstadt und dessen mysteriöser Weg zur Harvard-Universität

1852 erschien Nikolaus Reiningers 400 Seiten umfassendes Werk "Münnerstadt und seine nächste Umgebung" . Selbst in der Harvard-Universität in Cambridge steht ein Exemplar.
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Der Nachdruck des Buches von Nikolaus Reininger erschien im Jahr 2012.  Repro: Dieter Britz
Der Nachdruck des Buches von Nikolaus Reininger erschien im Jahr 2012. Repro: Dieter Britz
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Nikolaus Reininger war Mitte des 19. Jahrhunderts Domvikar und Registrator des bischöflichen Ordinariats in Würzburg. Ihm blieb darüber hinaus noch Zeit, Bücher zu schreiben. Im Jahr 1852 erschien sein 400 Seiten umfassendes Werk "Münnerstadt und seine nächste Umgebung nach den ältesten archivalischen Nachrichten dargestellt, besonders in seinen kirchlichen, Religions- und Schulverhältnissen."

Sogar die Bibliothek der Harvard-Universität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts, mit über 18 Millionen Bänden die größte Uni-Bibliothek der Welt, hat ein Exemplar davon. Natürlich steht das Werk in den Regalen des Stadtarchivs Münnerstadt, wie Dorothea Hanshans telefonisch bestätigte. Die Universität Universitätsbibliothek Würzburg besitzt mehrere Exemplare, wie eine Internet-Abfrage des Bibliothekskatalogs beweist. Auch die Bayerische Staatsbibliothek in München hat wie zu erwarten Reiningers Buch. Original-Exemplare des Buches sind kaum zu bekommen. Im Internet-Portal www.zvab.com, der größten deutschsprachigen Verkaufsplattform für antiquarische Bücher, gibt es das Buch ein einziges Mal gemeinsam mit Büchern über Bad Neustadt an der Saale und Bischofsheim. Sie kosten zusammen 180 Euro.

In kleiner Auflage nachgedruckt

Reiningers Stadtgeschichte wurde mindestens zweimal (1980 und 2012) in kleiner Auflage als Reprint nachgedruckt. Neu oder gebraucht ist der Nachdruck unter anderem über www.bücher.de zu bekommen. Es geht auch gänzlich umsonst. Als pdf-Datei können die 400 Seiten in wenigen Sekunden per Internet von einem Server der Bayerischen Staatsbibliothek in München oder noch einfacher von Google Books (https://books.google.de ) geladen werden. Dann können die Seiten am Computermonitor gelesen oder auch ausgedruckt werden. Das Google-Exemplar hat es in sich. Wie hat es den Weg nach Harvard gefunden? Hundertprozentig zu klären ist das nicht mehr, denn es steht dort schon seit den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts im Regal. Hinweise geben ein Ex Libris (ein eingeklebter Zettel mit Angaben über den Eigentümer oder Spender) sowie Stempel im Buch. Ein früher Besitzer des Buches war der Kaufmann Johann Christian Wilhelm Sattler (1784 bis 1859), der 1822 Schloss Mainberg in Mainberg (heute Gemeinde Schonungen Kreis Schweinfurt) kaufte und daraus eine Tapetenfabrik machte, oder aber sein Sohn Wilhelm Sattler (1813-1892). Ein Stempel "Wilhelm Sattler Mainberg" weist darauf hin.

Später wurde das Buch dann Teil der "Hohenzollern Collection" der Bibliothek der Harvard Universität. Auf dem Ex Libris, dem eingeklebten Zettel in englischer Sprache, heißt es dazu, ins Deutsche übersetzt, "in Erinnerung an den Besuch seiner königlichen Hoheit Prinz Heinrich von Preußen am 6. März 1902 im Auftrag Ihrer Majestät des Deutschen Kaisers". Prinz Heinrich war der jüngere Bruder von Kaiser Wilhelm II, Großadmiral und Chef der deutschen Kriegsmarine. Im Februar und März 1902 besuchte er die USA und dabei auch Harvard. Dort wurde ihm am 2. März die Ehrendoktorwürde verliehen. "Vermutlich hat Prinz Heinrich von Preußen als Gegengabe der Bibliothek eine Reihe von Büchern zukommen lassen, die den Grundstock der Hohenzollern Collection gebildet haben, und die später durch weitere Zugänge noch vermehrt wurde. Um die Bücher auch später noch identifizieren zu können, wurden sie mit einem Exlibris versehen.

Geschenk von A. C. Coolidge

Warum der Titel "Münnerstadt und seine nächste Umgebung" in diese Sammlung gekommen ist, lässt sich nach über 100 Jahren wohl nicht mehr klären", teilte dazu Hartmut Fenn, Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Würzburg, Abteilung Fränkische Landeskunde, dieser Redaktion auf Anfrage mit. Zwei Zeilen auf dem Ex Libris und ein Stempel in dem Buch helfen immerhin ein wenig weiter. Wiederum übersetzt, heißt es auf dem Ex Libris ganz unten "überreicht von Archibald Cary Coolidge, Assistenzprofesor für Geschichte" und auf dem Stempel ein paar Seiten weiter "... 20. Februar 1906. Hohenzollern Collection - Geschenk von A. C. Coolidge". Er hat dieses Buch also der Universitäts-Bibliothek, deren Direktor er 1910 bis 1928 war, geschenkt.

Im Internet finden sich Hinweise auf ihn. Er lebte von 1866 bis 1928 und studierte nicht nur in Harvard, sondern auch in Paris, Berlin und in Freiburg, wo er 1892 den Doktortitel erwarb. Er ging danach nach Harvard zurück, machte dort eine akademische Karriere, war aber dazwischen mehrfach im diplomatischen Dienst der USA tätig. Schade, dass wir nicht wissen, wo und wann er das Buch von Nikolaus Reininger über die Geschichte von Münnerstadt, das nun seit 113 Jahren in der größten Universitäts-Bibliothek der Welt steht, erworben hat.

Geschichte vom "Goldrausch"

Vor wenigen Wochen war Rainer Kirch im Erzählcafé von Sankt Elisabeth zu Gast. Er erzählte eine Episode, an die sich ältere Münnerstädter noch erinnern: 1950/1951 sorgte ein "Goldrausch" für Aufregung. Die gotische Marienkapelle in der Veit-Stoß-Straße (dort wo heute ein Wohnhaus mit Elektro-Schlegelmilch im Erdgeschoss steht) war im Weltkrieg zerbombt worden. In den Bombentrichtern ließ ein Handwerker mit sehr viel Aufwand nach einem Schatz suchen. In Reiningers Buch heißt es nämlich auf Seite 53 "ein begüterter Bürger, Namens Kaspar Gattenhof, wurde im Schwedenkriege ermordet. Er hatte in seinem Hause neben der Frauenkapelle vor dem Einfalle der Schweden ein silbernes Kännchen und viel Geld, um es gegen Plünderung zu sichern, vergraben. Nach seinem Tode hatte man vergebens nach dem vergrabenen Schatze gesucht." Dass die Schatzsucher außer einer Kiste mit frischem Pferdemist, die Scherzbolde verbuddelt hatten, nichts fanden, sei nur am Rande erwähnt.

Für alle, die sich für die Geschichte von Münnerstadt interessieren, ist Reiningers Buch eine Fundgrube. Er greift viele Teilaspekte auf, allerdings könnte aus heutiger Sicht die Darstellung etwas zusammenhängender sein. Die zahlreichen Urkunden, die abgedruckt sind, sind teilweise lateinisch. Reininger widmet auch einen längeren Abschnitt dem Dorf und der Pfarrei Burglauer. Der Grund ist schnell gefunden: Er wurde hier am 8. Juli 1805 geboren, so steht es im Schematismus für das Jahr 1845 der Diözese Würzburg (ein Personen- und Pfarreienverzeichnis der Diözese, das ebenfalls bei Google Books vorhanden ist). Noch heute ist der Name Reininger in Burglauer verbreitet, wie ein schneller Blick ins Telefonbuch zeigt.

Guter Schüler

Im Jahresbericht der königlichen Studienanstalt zu Münnerstadt aus dem Jahr 1822 (ebenfalls bei Google Books) wird Nikolaus Reiniger auf Seite 6 erwähnt. Er war damals in der zweiten Gymnasialklasse und offenbar ein guter Schüler, denn er wurde an sechster Stelle in der Klasse mit 18 Schülern genannt. Hier heißt es auch, dass sein Vater Bauer war. 1828 wurde er zum Priester geweiht. Er brachte es weit in der Hierarchie der Diözese. Im Schematismus für 1858 ist er Domvikar, Registrator, Repartitor, Expeditor und Sportel-Kasse-Verwalter, 1867 sogar Domkapitular und Doktor der Philosophie.

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