Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Als die Oper die Emotionen entdecken durfte

Barocke Opernkunst mit Countertenor Philippe Jaroussky beim Kissinger Sommer.
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Philippe Jaroussky singt Cavalli-Arien.  Foto: Gerhild Ahnert
Philippe Jaroussky singt Cavalli-Arien. Foto: Gerhild Ahnert

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky hat schon immer die Massen fasziniert und angezogen: zu Beginn seiner Sängertätigkeit, weil er mit seiner Qualität überraschte und so schnell Karriere machte. Er hat aber auch sein Repertoire keineswegs auf die Barock- und Vorbarockzeit beschränkt und hat auch Ausflüge in die Salonmusik des 19. Jahrhunderts oder in die Musik der Gegenwart unternommen hat. Aber auch, weil sich seine so verletzlich wirkende und doch enorm stabile Stimme so schlecht einordnen lässt zwischen Frau und Kind und hohem Tenor. Sie ist halt ganz speziell, hat aber einen hohen Wiedererkennungswert.

Mit seinen 41 Jahren ist Philippe Jaroussky an einem Punkt, an dem es bei manchen seiner Stimmfachkollegen mit dem hohen Gesang bereits abwärtsgeht. Jaroussky hat bisher offenbar alles richtig gemacht, hat seine Stimme nie nachhaltig überfordert. Natürlich hat sie sich, wie bei jedem Sänger, im Laufe der Jahre verändert, wobei das bei den Countertenören und Sopranisten stärker auffällt. Die Stimme ist etwas schwerer und damit substanzreicher geworden. Auf der anderen Seite singt Philippe Jaroussky die aberwitzig virtuosen Koloraturen, mit denen er vor 20 Jahren in die Schlagzeilen kam, nicht mehr. Obwohl er immer noch hinreichend spektakulär hinlangt, wenn es erforderlich ist. Er hat sich bei Opernengagements immer deutlich zurückgehalten, weil er offensichtlich gerne Herr über die Entscheidungen bleiben will, was er singt. Das ist aber vielleicht auch deshalb verschmerzbar, weil man ihn sich als großen singenden Bühnenschauspieler nicht so recht vorstellen kann. Seine Gestik ist beim Singen auf ein Minimum beschränkt, es treibt ihn nicht in die Bewegung.

Obwohl er tatsächlich sehr viel Oper singt, manchmal sogar einen ganzen Abend lang wie jetzt im Max-Littmann-Saal mit seinem Ensemble Artaserse. Das Programm war klug zusammengestellt in der Beschränkung auf das Werk des "Süd-Mailänders" Francesco Cavalli (1602 - 1672). Und interessant deshalb, weil Cavalli ein Schüler von Claudio Monteverdi war, einem der "Erfinder" der Oper. Das heißt, er schrieb in einer Zeit, in der gemäß der "seconda pratica" die Emotion in die Musik kommen durfte, in der die Oper laufen lernte. Und in der die Mitteilung von Gefühlen noch im Vordergrund stand und noch nicht die den Konkurrenzkampf schürende Virtuosität. So gesehen hatte Philippe Jaroussky das Programm genau auf sich zugeschnitten.

Und er hat eine Gesamtinszenierung daraus gemacht: Arien und Sinfonien aus den Opern für die nötigen Atempausen gingen mehr oder weniger ineinander über. Oft ging er mitten in der Musik leise nach hinten zu seinem Stuhl und wartete dort auf seinen nächsten Einsatz. Das signalisierte, dass er sich als ein Teil des Ensembles versteht. Aber vor allem wurde dadurch nicht nach jeder einzelnen Nummer geklatscht, was der allgemeinen Konzentration und der durchgehenden Spannung enorm entgegen kam.

Immerhin 17 Cavalli-Opern kamen auf diese Weise zu Wort mit typischen Arien, Rezitativen und Sinfonien. Und gleich die erste Arie war hoch interessant: "Ombra mai fu", das man eigentlich von Händels später entstandenen Oper "Serse" kennt. Das war wunderbar emotional gesungen, aber man merkte daran auch die weiterentwickelte Raffinesse von Händel, der mit einer drastischen Reduzierung der kompositorischen Mittel die Aufmerksamkeit auf die Emotionalität des Gesangs richtete.

Aber das war es dann schon mit Vergleichen, denn Philippe Jaroussky blätterte in Cavallis eigener Welt, in Opern , die heute keiner mehr kennt, über teils mythische, teils historische Gestalten, die heute keiner mehr kennt, mit seelischen Befindlichkeiten, die heute jeder noch kennt. Es war faszinierend, wie er nicht nur zwischen den ganz prägnant gestalteten Stimmungen wechselte, sondern auch, wie er sang. Er kann mit seiner Stimme eigentlich noch alles machen, singt absolut klar und vibratolos, hat nicht die geringsten Probleme mit der Intonation, auch nicht bei großen Intervallsprüngen oder komplizierten harmonischen Verläufen, singt ein wunderbares messa di voce - das sind lange, dynamisch an- und abschwellende Haltetöne - aber auch ganz lockere Koloraturen, spielt mit Tönen und Farben. Und in den Rezitativen fand er einen schönen, erzählenden Gesangston. Man wusste immer, ob es gerade um Liebe, Eifersucht, Erregung oder Trauer ging.

Das Ensemble Artaserse konnte Philippe Jaroussky bei der Gründung natürlich in der Besetzung auf seine Vorstellungen und Vorlieben zuschneiden: ein kleiner Streicherapparat mit zwei Violinen und einer Viola, die ihn im melodischen Bereich kongenial begleiten, aber akustisch nicht wirklich gefährlich werden. Dazu zwei Flöten und zwei Zinken, die eine Durchschlagskraft wie Bitterwasser erreichen können - und deshalb auch wohldosiert eingesetzt werden. Und eine üppig besetzte Continuogruppe mit zwei Gamben, Gitarre, Harfe, Cembalo und Schlagwerk, die starke Variationsmöglichkeiten in der Begleitung eröffneten - die alle vor allem in den Sinfonien eine starke Farbigkeit entwickelten. Es passte wirklich alles zusammen.

Zwei Zugaben spendierten Philippe Jaroussky und sein Ensemble Artaserse: Claudio Monteverdis wunderbares "Si dolce e'l tormento" ("So süß ist die Qual") und "Girl from Ipanema" von Carlos Antonio Jobim als Hommage an den Gitarristen und Sänger João Gilberto, der 1962 die Uraufführung gesungen hat und der vor wenigen Tagen gestorben ist.

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