Bad Kissingen
14. KlavierOlymp

Dicht beieinander

Nach vier Tagen stand die Gewinnerin des Wettbewerbs fest: die 21-jährige Hannoveranerin Elisabeth Brauß
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Gruppenbild mit Gewinnerin: Elisabeth Brauß (sitzend) mit (von links) Annika Treutler, Nikolay Khozyainov, Thomas Schuch, Kaan Baysal und Julian Trevelyan anch der Siegerehrung. Foto: Ahnert
Gruppenbild mit Gewinnerin: Elisabeth Brauß (sitzend) mit (von links) Annika Treutler, Nikolay Khozyainov, Thomas Schuch, Kaan Baysal und Julian Trevelyan anch der Siegerehrung. Foto: Ahnert
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Mit dem großen Abschlusskonzert aller sechs Pianistinnen und Pianisten ist am Sonntag Abend im Rossini-Saal der 14. Kissinger KlavierOlymp zu Ende gegangen.

Den 1. Preis sprach die Jury der 21-jährigen Hannoveranerin Elisabeth Brauß zu. Sie wird im nächsten Kissinger Sommer am 28. Juni 2017 gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von Ruben Gazarian sowie mit der Sopranistin Anna Lucia Richter ein Programm mit Mozart-Schwerpunkt gestalten. .Der 2. Pries wurde zweimal vergeben: an den 24-jährigen Thomas Schuch aus Rosenheim und an den 17-jährigen Engländer Julian Trevelyan. Damit wurde kein 3. Platz vergeben.Urkunden gingen auch an Annika Treutler (25), Kaan Baysal (13) und Nikolay Khozyainov (24). Sie alle werden im nächsten Sommer wieder nach Bad Kissingen kommen und in zwei Konzerten zu hören sein. Der Publikumspreis, den die Besucher, die alle sechs Teilnehmerin ihren Einzelkonzerten gehört hatten, mittels Stimmkarte vergeben konnten, ging an Nikolay Khozyainov.

Die Jury um Intendant Dr. Tilman Schlömp - Musikmanagerin Xenia Xien-Yue Groh-Hu (Berlin), Ulrich Hauschild, Musikdirektor des Palais des Beaux-Arts in Brüssel und den beiden Journalisten Michael Stallknecht und Thomas Ahnert - hatte keine leichte Aufgabe, weil die sechs Kandidaten in ihren Leistungen auf hohem Niveau sehr dicht beieinander lagen - eine Situation, die es schon länger nicht mehr gegeben hatte.

Und da auch im Abschlusskonzert alle ihr Bestes gaben, änderte sich an der Vorentscheidungder Jury nach der letzten Einzelmatinee nichts mehr. Die jungen Leute konnten sich zum letzten Drücker entscheiden, was sie in ihrem 20-minütigen Beitrag spielen wollten, denn die Stücke wurden angesagt. Vier von ihnen sahen das als Möglichkeit, sozusagen auf gesichertem Terrain noch einmal Stücke aus ihrem Wettbewerbsprogramm zu spielen, zwei entschieden sich für Neues, um die stilistische Bandbreite zu erweitern.


Romantik stark vertreten

Das war keine schlechte Entscheidung, denn die jungen Leute hatten sich - neben einem Pflichtstück von Beethoven - sehr stark auf die Epoche der Romantik fokussiert. Vor allem Chopin war sehr präsent. Für die Jury war das letztlich der Anlass, künftig neben Beethoven - oder Mozart - auch ein Werk nach freier Wahl aus dem 20./21. Jahrhundert zu fordern.

Was auch wieder zu machen war, war die Beobachtung, dass die jungen Pianisten alle zu einem möglichst schnellen Spiel neigen, um der Welt zu beweisen, dass sie es können. Das ging manchmal zu Lasten der interpretatorischen Deutlichkeit und Durchhörbarkeit, manchmal auch zu Lasten der Treffsicherheit. Da fehlt vielleicht noch ein bisschen die professionelle Gelassenheit.


Weitere Zuwächse

Tilman Schlömp kann zufrieden sein, er hat als neuer Intendant einen guten Start erwischt, denn das Interesse am Kissinger KlavierOlymp ist weiter gestiegen. 789 Besucher waren es insgesamt, wobei natürlich das Abschlusskonzert als Konzentrat der viertägigen Veranstaltung im fast ausverkauften Rossini-Saal der größte Faktor war. Und die Zahl der Abonnements mit allen sieben Konzerten stieg auf 38. Dabei konnte man auch wieder beobachten, dass der Kissinger KlavierOlymp keine regionale Erscheinung mehr ist: Die Besucher, meist auch Gäste des Kissinger Sommers, kamen aus der gesamten Bundesrepublik.

Und noch etwas Neues: Der Kissinger KlavierOlymp hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Preisträger in weitere Engagements zu vermitteln, u.a. sind Folgekonzerte im Steinway-Haus Frankfurt und im Raum Köln/Bonn in Planung.

Wer das Abschlusskonzert versäumen musste, kann das nachholen. Der Bayerische Rundfunk, der wieder eine Aufzeichnung gemacht hat, sendet den Mitschnitt am Samstag, 12. November, um 15.05 Uhr auf BR Klassik


Annika Treutler

Leicht ist es nicht, den Eisbrecher zu spielen beim KlavierOlymp. Annika Treutler, mit 25 Jahren "schon" die Seniorin des diesjährigen Wettbewerbs, hatte die Aufgabe übernommen, als Erste im Rossini-Saal aufzutreten.
Sie hatte sich ein ambitioniertes Programm zusammengestellt und begann mit einem Frühwerk Beethovens: seiner Sonate C-dur op. 2/3, die er komponierte, als er sich in Wien niedergelassen hatte. Mit klarem, farbigem Anschlag spielte Treutler das Werk, mit viel Klangsinn und einem gut dosierten Vortrieb. Da war sie sehr nahe bei Beethoven, denn es wurde deutlich, dass die Wiener von dieser neuen Art von Musik irritiert und verstört gewesen sein mussten, dass sie sie als Provokation empfanden. Deshalb wirkte das Adagio in seiner ruhigen Sanglichkeit auch wie ein Rückzug Beethovens in sein Inneres.
Die Zehn Klavierstücke op. 12 von Prokofieff gehören zu den Raritäten des Repertoires, was erstaunlich ist. Denn Annika Treutler zeigte, dass man sie durchaus sehr indiviuduell und genüsslich gestalten kann, dass man mit den harmonischen und rhythmischen Überraschungen sehr gut spielen kann.
Da sind die Händel-Variationen von Brahms freilich aus einem anderen Holz, in denen ein nüchternes Cembalo-Thema sehr schnell in die romantische Ästhetik von 1861 geholt wird. Annika Treutler machte diesen Wandel mit gutem Zugriff deutlich, aber man konnte auch Verständnis dafür haben, dass bei 25 Variationen der gestalterische Impetus ein bisschen nachlässt. Die abschließende Fuge war allerdings ein Ausrufezeichen.


Thomas Schuch

Nein, Thomas Schuch, der 24-Jährige aus Stephanskirchen bei Rosenheim, der zurzeit bei Adrian Oetiker in München studiert, ist nicht verwandt mit Herbert Schuch. Und das hat er auch nicht nötig. Er war mit einem äußerst klug zusammengestellten Programm angereist, das Beziehungen verdeutlichen konnte - beginnend mit Bachs Englischer Suite Nr. 6 d-moll, die ihn als einen sehr klang- und strukturbewussten Interpreten zeigte. Man musste sich an seine etwas überbetonten, entschleunigenden Rubati gewöhnen, aber er spielte mit farbigem Anschlag und mit einem sehr guten Gespür für Strukturen und harmonische Spannungen. Dem gegenüber gestellt war Ravels "Tombeau de Couperin", dessen sechs Sätze Schuch nicht französisch irisierend, sondern sehr konkret in Bachscher Tradition spielte und damit zeigte, wie Ravel die barocken Modelle und auch Schwierigkeiten in seine Gegenwart geholt hat.
Beethovens Es-dur-Sonate op. 27/1 war sehr gut durchdacht, aber man hätte sich bei der Umsetzung mitunter etwas mehr Entschiedenheit gewünscht. Das war bei Liszts Mephistowalzer Nr. 1 bestimmt nicht nötig. Den scheint Thomas Schuch gerne zu spielen, da war er wieder ganz bei sich. Da konnte er aufdrehen bis zum Krach - aber er zeigte genauso auch de lyrischen Aspekte der Musik, die charmante Seite des Herrn der Hölle. Eigentlich ein wunderbares Schlussstück. Aber es gab noch einen Satz für den Heimweg: Chopins Barcarolle Fis-dur op. 60 mit ihrem schaukelnden Fortgang.


Kaan Baysal

Er wurde fast so etwas wie das Maskottchen des 14. KlavierOlymps, der 13-jährige Kaan Baysal aus Istanbul.Und er sorgte für Staunen. Natürlich ist er kein Wunderkind, sondern einer, der seit acht Jahren qualifiziert gefördert wird. Natürlich hat er noch spieltechnische Grenzen, die er noch überwinden muss und wird. Aber er wirkt in seinem Spiel, das ihm ganz offensichtlich Spaß macht, bereits erstaunlich reif. Und man kann eigentlich nicht sagen, dass er nur Gelerntes wiedergibt, sondern dass er sehr genau weiß, was er tut.
Kaan Baysal war der Einzige, der sich an Mozart herantraute und die a-moll-Sonate KV 310 mit geradezu witzigem Zugriff in den Ecksätzen und einem ruhigen Cantabile im Mittelsatz spielte. Bei Beethovens "Pathétique" op. 13 geriet er im Überkreuzspiel der Hände ein bisschen unter Druck, ließ sich aber nicht vom "con brio" abbringen.
Schumanns "Kinderszenen" kamen zu früh. Technisch war er ihnen absolut gewachsen, und er spielte sie auch sehr schön. Aber was ihm noch fehlt, ist die von Schumann geforderte Ebene eines zurückblickenden Erwachsenen. Dafür tat seine noch relativ spontane Sichtweise Chopins Etüden op. 25/1 und op. 10/3 und dem b-moll-Scherzo op. 31 in ihrer frischen, unpathetischen Gestaltung außerordentlich gut.
Und wir wissen jetzt auch, dass es mindestens zwei Türken gibt, die ihren Humor noch nicht verloren haben. Denn als Zugabe spielte Baysal Mozarts "Alla turca" in der Bearbeitung von Fazil Say. Da konnte er so richtig hinlangen, da durfte im Konzert auch laut gelacht werden.


Julian Trevelyan

Multitalent kann man den 17-jährigen Julian Trevelyan aus St. Albans, den künftigen 7th Baronet of Wallington, wirklich nennen. Er spielt und studiert Klavier und Geige, singt bei den Abbey Singers, komponiert und studiert Geologie. Es wundert nicht, dass dieser junge Mann eine sehr entschiedene Sicht auf die Dinge hat und dass er sich ein stilistisch ausgesprochen vielseitiges und auch schwieriges Programm zusammenstellte.
Bei Bachs d-moll-Chaconne für Violine solo in der Klavierfassung von Ferruccio Busoni gelang es ihm mit großer Pranke zu zeigen, dass der Bearbeiter wirklich etwas Eigenständiges, Hochromantisches auf der Basis von Bach geschaffen hat - auch wenn Trevelyan hier gelegentlich Opfer seines risikobereiten Spiels wurde. Faurés Valse-Caprice op. 30 spielte Trevelyan außerordentlich tänzerisch konturiert. Bei Ravels berühmten "Gaspard de la nuit" schaffte er weitestgehend das, was der Komponist als "transzendente Virtuosität" bezeichnete. Die irisierenden Klänge der "Ondine" hätten manchmal noch deloiikater sein können. Aber das Gespenstische von "Le gibet" und das Diabolische von "Scarbo" waren glänzend gestaltet. Eine Überraschung waren die "Douze notations" von Boulez, glasklar gespielt, mit höchst differenziertem Anschlag, absolut kurzweilig. Und kontrastiert mit Beethovens letzter Sonate op. 111. Auch hier hatte er einen spannenden Anschlag, aber die übergriefende Architektur des Werkes zerbröselte ihm ein bisschen in einzelne Episoden, nicht zuletzt wegen des Tempos.


Elisabeth Brauß

Schon die ersten Takte, die Elisabeth Brauß spielte, ließen aufhorchen: Beethovens D-dur-Sonate begann die 21-jährige Hannoveranerin schnell, aber nicht gehetzt und mit einem gewissen Witz in der Artikulation. Sie war diejenige in dem Pianistensextett, die sich am stärksten auf die Musik einließ, die ihr über den Notentext hinaus am meisten Persönliches mitgab. Sie spielte diesen Presto-Satz außerordentlich elastisch und hatte bei allem Tempo immer noch genügend Reserven für eine pointierte Gestaltung. Und sie zeigte Eigenständigkeit auch im Rondo, das sie nicht kraftvoll, sondern wie aus der Ferne heraufziehend gestaltete.
An ihrer Interpretation von Prokofieffs 2. Sonate wurde deutlich, wie sehr ausgerechnet seine Landsleute ihn in die Ecke des reinen Motorikers gespielt haben. Denn Elisabeth Brauß zeigte natürlich mit energischem Zugriff diesen Aspekt, aber sie arbeitete auch sehr schön die vielen Melodien heraus, die Prokofieff in dieser frühen Sonate verwendet hat, die eigentlich schon alles hat, was den Stil und die Konzepte des Komponisten später ausmachte.
Chopins Balladen g-moll und f-dur entwickelten mit starken dynamischen Gegensätzen einen sehr schönen Erzählton, aber sie waren sich in ihren Klangkonzepten ein bisschen zu ähnlich. Dafür arbeitete sie bei Liszts "Après une lecture de Dante" mit extremen dynamischen Kontrasten, um den Weg aus dem Inferno ans Licht der Erlösung zu gestalten. Was hier zum absolut Perfekten ein bisschen stärker hätte sein dürfen, war die Strukturierung.


Nikolay Khozyainov

Den Reigen der sechs KlavierOlympioniken beendete der 24-jährige Nikolay Khozyainov aus dem russischen Blagoveshchensk, ganz hinten an der chinesischen Grenze, der zurzeit allerdings in Hannover studiert. Er konnte die Erwartungen, die seine bisherige Karriere weckten, nicht ganz erfüllen. Und nicht nur, weil er Beethovens As-dur-Sonate op. 110 gleich mit zwei Konzentrationsmängeln begann, die Nerven kosten. Sondern vor allem, weil er etwas zu sehr auf virtuose Pose musiziert, weil er zu Manierismen tendiert, indem er zum Beispiel durch Tempoverschleppungen die Spannung aus der Musik nimmt
Khozyainov hat eigentlich ein schönes Anschlagsrepertoire, das er bei Beethoven immer wieder durchhören ließ, das aber genauso oft in der extremen Dynamik verloren ging. Die Schlussfuge war allerdings sehr schön durchhörbar und schlüssig gestaltet. Mit Chopins Walzern op. 69/1 und 2 konnte er gestalterisch nicht viel anfangen. Da hätte er besser Debussys Pavane aus dem Abschlusskonzert gespielt. Aber auch bei der Berceuse op. 57 und der F-dur-Ballade, für die er durchaus schöne klangliche Gestaltungen fand, blieb er in der Agogik flach. Aber bei der F-dur-Ballade hatte man halt auch noch Elisabeth Brauß im Ohr.
Deutlich interessanter gerieten dem 24-Jährigen Schumanns Arabeske op. 18 und die C-dur-Fantasie op. 17, wo er plastischer gestaltete, aber auch hier Längen nicht vermeiden konnte. Und ein bisschen schwer fiel es ihm, den Schluss "durchweg leise zu halten"


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