Neuhaus
Frauenquote 

Von der Exotin zur Vorsitzenden

Waltraud Burkhardt engagiert sich seit 25 Jahren bei der Neuhauser Feuerwehr. Im Interview erzählt sie unter anderem, wie sie in einer eigentlich von Männern dominierten Institution aufgenommen wurde.
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Weder in der Ausbildung noch bei den Einsätzen werden bei den Feuerwehren Unterschiede zwischen Mann und Frau gemacht. Waltraud Burkhardt engagiert sich neben dem normalen Dienst unter anderem in der psychosozialen Notfallversorgung. Foto: privat
Weder in der Ausbildung noch bei den Einsätzen werden bei den Feuerwehren Unterschiede zwischen Mann und Frau gemacht. Waltraud Burkhardt engagiert sich neben dem normalen Dienst unter anderem in der psychosozialen Notfallversorgung. Foto: privat
Sieben Prozent der bayerischen Feuerwehrleute sind weiblich, 26 000 von über 320 000. Bei der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) Neuhaus liegt die Quote mit fast 30 Prozent deutlich höher. Eine dieser Frauen ist Waltraud Burkhardt, die nicht nur seit 1991 aktiven Dienst leistet, sondern seit 2009 auch die Vorsitzende des Feuerwehrvereins ist. Einige Tage bevor sie und zwei weitere Frauen für 25 Jahre aktiven Dienst geehrt werden, verriet sie im Gespräch viel über ihre "feurige" Leidenschaft.


Warum gingen Sie im Alter von 29 Jahren ausgerechnet zur Feuerwehr?
Waltraud Burkhardt: Ich hatte kurz vorher mein zweites Kind bekommen und dachte mir, bei der Feuerwehr könnte ich lernen, mit Gefahren umzugehen und meine Kinder dadurch schützen. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich noch, das wäre eine vorübergehende Sache - ähnlich einem Lehrgang oder so ...

Waren damals auch Frauen oder Mädchen dabei?
Es gab vorher noch keine Frauen in der Feuerwehr Neuhaus. Erwin Bergner hatte damals die Idee, eine Damenwehr zu gründen. Seiner Einladung zum ersten Treffen konnte ich leider nicht folgen, da an diesem Tag meine Tochter getauft wurde. Aber schon beim zweiten Termin war ich dabei. Und mit mir etliche weitere Frauen.

Wie war Ihre Ausbildung - die gleiche wie bei den männlichen Kollegen?
Wir hatten genau die gleiche Ausbildung wie auch die Männer, allerdings die ersten Jahre komplett als reine Frauengruppe. Wir wurden jedoch recht bald als vollwertige Kameraden in die Feuerwehr integriert. Es gab auch seitens unserer männlichen Kollegen kaum Berührungsängste.
Sie sind seit 2009 Erste Vorsitzende - wie kam es dazu, dass Sie als Frau gewählt wurden?
Ich war schon seit 2000 Schriftführerin und hatte daher schon viel Einblick in die Vereinsführung. Bereits im Jahr 2006 wurde mir der Posten des Vorsitzenden angetragen. Da lehnte ich allerdings noch ab mit der Bemerkung: "Fragt mich zur nächsten Wahl wieder" - das taten meine Kameraden dann auch und diesmal sagte ich zu.

Welche Aufgaben hat ein Vorsitzender bei der FFW?
Als Vorsitzende repräsentiere ich den Verein nach außen, leite Sitzungen und Versammlungen und bin für alle Belange zuständig, die die Vereinsarbeit betreffen. Gewissermaßen ziehe ich im Hintergrund die Fäden, damit nach vorne alles läuft.

Sind Sie bei Einsätzen dabei?
Nachdem ich auch ausgebildeter Gruppenführer bin, bin ich auch bei Einsätzen dabei. In letzter Zeit allerdings gesundheitlich bedingt nur noch in zweiter Reihe. Seit einigen Jahren bin ich nach einer entsprechenden Ausbildung im PSNV-Team (Psychosoziale Notfallversorgung) des Kreisfeuerwehrverbandes dabei. Das heißt, wir betreuen Feuerwehrkameraden nach außergewöhnlich belastenden Einsätzen.

Gab es schöne Erlebnisse - und weniger schöne?
Es gibt ein gravierendes Erlebnis, das mich sehr geprägt hat: Ein Pkw-Unfall bei Heppstädt mit drei jungen Menschen, die beim Unfall starben. Bei diesem Einsatz war ich als Gruppenführer vor Ort. Das war mein schlimmstes Erlebnis in der Feuerwehr. Schöne Erlebnisse habe ich immer wieder - ganz einfach, weil wir eine super Gemeinschaft haben und ich immer auf die Unterstützung durch meine Kameraden zählen kann.

Raten Sie anderen Mädchen und Frauen, zur FFW zu gehen?
Aber selbstverständlich!!!

Werden Sie als Frau und Vorsitzende genauso ernst genommen wie ein Mann?
Ja. Auch wenn es zu Beginn meiner Laufbahn immer wieder mal erstaunte Blicke der Männerwelt gab, hab ich doch durchgehend nur positive Reaktionen erfahren. Ich erinnere mich noch genau an den Gruppenführerlehrgang 1994 in der Feuerwehrschule in Würzburg, den ich damals gemeinsam mit Martina Kronika absolvierte. Wir waren die einzigen Frauen unter rund 150 Männern. Damals fühlten wir uns tatsächlich wie Exoten. Und das waren wir für viele auch. Aber schon damals erhielten wir sehr viel Zustimmung.

Ihre Kinder, Tochter Anna, Tochter Nadine und Sohn Sven, sind sie auch bei der FFW? Waren Sie hier Vorbild?
Ich denke schon, dass ich hier Vorbild war - alle meine Kinder zog es ebenfalls zur Feuerwehr. Meine Töchter sind seit ihrem Eintritt damals in die Jugendfeuerwehr immer noch mit Feuereifer dabei. Mein Sohn war ebenfalls bei der Jugendfeuerwehr, ist aber dann leider nicht in die Erwachsenen-Wehr übergetreten.

Wie lange wollen Sie dieses Amt ausüben ... es macht ja offensichtlich Spaß?
Ich habe mir kein Enddatum gesetzt - aktuell macht es mir noch sehr viel Freude. Ich möchte aber dennoch nicht versäumen, mich rechtzeitig nach einem Nachfolger umzusehen.

Das Gespräch führte
Johanna Blum.


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