Stoff-Ahnis: "Der Fachdialog ist ein gutes und wichtiges Signal, dass die Bundesregierung dieses bedeutende Thema nun entschlossen angeht. Wir sehen in der Primärversorgung ein zentrales Instrument, mit dem wir gemeinsam mit der Ärzteschaft die Gesundheitsversorgung zum Wohle der 75 Millionen gesetzlich Versicherten modernisieren, Effizienzreserven heben und einen bedarfsgerechten und diskriminierungsfreien Zugang zur Versorgung sicherstellen können."
Eine zentrale Forderung des Spitzenverbandes und der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden wird auch klar formuliert: "Es ist höchste Zeit, das Gesundheitssystem in die digitale Gegenwart zu bringen." So sehen die drei wichtigsten Bausteine für eine erfolgreiche Primärversorgung für den GKV-Spitzenverband aus:
- Ein digitales Navigationstool schätzt die Behandlungsnotwendigkeit ein und leitet die Versicherten zielgerichtet in und durch das Gesundheitssystem.
- Die elektronische Überweisung verbessert den Informationsfluss über den aktuellen Behandlungsstand zwischen Leistungserbringenden und minimiert Fehlerquellen.
- Die elektronische Terminvermittlung ermöglicht – abhängig von der medizinischen Dringlichkeit – eine schnellere Terminvergabe und reduziert Wartezeiten.
Hausärzteverband übt Kritik an den Vorstellungen der Krankenkassen
Auch beim Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) blickt man positiv auf die Ansätze der Bundesregierung. Auf Nachfrage von inFranken.de verweist der Verband auf eine erste Stellungnahme durch den Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Dr. Markus Beier. Diese begüßt den "Startschuss für die Umsetzung eines verbindlichen Primärarztsystems".
Beier: "Diese Reform bietet enormes Potenzial. Ein Primärarztsystem lebt von unseren hausärztlichen Praxen – mit ihnen steht und fällt diese Reform." Für die Vorschläge der Krankenkassen hat man beim HÄV allerdings wenig Verständnis. Dazu heißt es: "In den vergangenen Wochen wurde immer deutlicher, wie weit die Vorstellungen der Krankenkassen der Idee eines Primärarztsystems widersprechen. Wir stellen uns entschieden gegen die Idee der Krankenkassen, eine verpflichtende digitale Ersteinschätzung könne erste Anlaufstelle der Patientinnen und Patienten werden."
Laut Beier ist es die Realität, "dass durch eine verpflichtende digitale Ersteinschätzung weder das Gesundheitssystem entlastet noch die Patienten besser versorgt werden". Beier: "Ein Primärarztsystem lebt von einer starken, verlässlichen Hausarzt-Patienten-Bindung. In unseren Praxen werden bis zu 90 Prozent aller gesundheitlichen Probleme gelöst."
Der Sozialverband VdK sieht Geringverdiener und Arme im Nachteil
Und auch beim Sozialverband VdK nimmt man die Debatte um ein Primärarztsystem durchaus kritisch wahr. Gerade wenn es um eine mögliche Form einer Praxisgebühr geht. Zwar hatte die Gesundheitsministerin zuletzt eine pauschale Neuauflage der alten Praxisgebühr (2004–2012) abgelehnt, sie erwägt jedoch gezielte Gebühren als Steuerungsinstrument.
VdK-Präsidentin Verena Bentele erklärt gegenüber inFranken.de: "Die Idee, Zusatzgebühren für Facharztbesuche ohne Hausarztüberweisung einzuführen, verkennt die Realität und verschärft die Zweiklassenmedizin." Nicht alle Menschen bräuchten einen Hausarzt. Betroffene mit chronischen oder schweren Erkrankungen benötigen laut Bentele "direkte fachärztliche Versorgung, keine zusätzliche Schleife über den Hausarzt".
Bentele: "Die Idee greift am falschen Hebel an: Die Ursachen für viele Arztbesuche und Patientenodysseen liegen in der fehlerhaften Architektur und Abrechnungslogik unseres Systems, das Betroffene zu diesem Verhalten zwingt." So müssten laut der VdK-Präsidentin chronisch Kranke "oft wiederholt erscheinen – etwa für Rezepte –, damit eine volle Abrechnung möglich ist, auch ohne echten Arztkontakt".
Und andere Patienten würden "von Praxis zu Praxis geschickt, weil niemand Verantwortung übernimmt". Bentele: "Die Wurzeln des Problems stecken im schlecht koordinierten, gewinnorientierten System, nicht im 'Ärztehopping' der Patienten. Vor dem Hintergrund des Ärztemangels, besonders auf dem Land, fehlen zudem die Ärzte, um sich an solche Vorgaben zu halten."
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