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ETF-Portfolio aufbauen: Warum die richtige Struktur Anleger durch Krisen tragen kann


Autor: Benjamin Neumaier

Deutschland, Donnerstag, 30. Juli 2026

Zwei Experten, zwei Perspektiven – und am Ende eine gemeinsame Linie: Daniel Kanzler von Gerd-Kommer-Invest und Kapitalmarktstratege Andreas Beck zeigen, wie ein ETF-Portfolio funktionieren kann. Die Verbraucherzentrale warnt vor typischen Fehlern. Warum die Struktur darüber entscheidet, ob Anleger durchhalten.
Viele Deutsche vermeiden Aktien und ETFs als Geldanlagen, doch mit der richtigen Strategie lassen sich auch diese krisensicher machen.


Wer in ETFs investiert, steht vor einer grundlegenden Frage: Wie sollte das Portfolio aufgebaut sein? Für Daniel Kanzler, Head of Investment bei der Gerd-Kommer-Invest, beginnt eine sinnvolle Strategie mit einem einfachen Grundsatz. „Breite Diversifikation bedeutet, dass Sie nicht auf einzelne Unternehmen, Länder oder Trends wetten, sondern auf die globale Wirtschaft als Ganzes setzen.“

Für viele Anleger sei die praktische Umsetzung dabei einfacher, als es zunächst klingt. „Oft reicht bereits ein weltweit streuender ETF, um ein breit diversifiziertes Portfolio aufzubauen“, sagt Kianiusch Casace vom Analysehaus justETF. „Die einfache Lösung ist für die meisten vielmehr ein einziger, weltweit diversifizierter Aktien-ETF“. Viele Anleger nutzen dafür Produkte auf Aktien-Indizes wie MSCI World oder FTSE All World – je nach Ausrichtung auch mit Schwellenländern. Diese bündeln mehrere tausend Unternehmen aus verschiedenen Regionen.

Wer so investiert, profitiert langfristig vom Wachstum der Weltwirtschaft – statt auf einzelne Gewinner zu setzen und „wer langfristig investiert, nutzt die ökonomische Logik der Märkte“, sagt Kanzler. Langfristig wirkt dabei vor allem der Zinseszinseffekt: Erträge werden wieder angelegt und wachsen über Jahre weiter. Thesaurierend nennt man das.

Dabei gelte: Die größten Fehler liegen oft nicht in der Produktauswahl, sondern im Verhalten. „Zu viel Komplexität, zu viel Aktionismus und zu wenig Geduld – das sind die eigentlichen Renditekiller“, sagt Kanzler.

Die Versuchung: Wetten auf Trends

Trotzdem entscheiden sich viele Anleger anders. Statt breit zu streuen, setzen sie auf einzelne Themen – etwa künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien, Verteidigung oder bestimmte Regionen. „Die Zeit, die man für die Analyse des perfekten ETFs aufbringt, ist meist woanders besser investiert“, sagt Casace.

Auch die Verbraucherzentrale Bayern sieht das kritisch. „Suchen Sie nicht nach dem nächsten Trend“, warnt Alexander Roos. Investitionen in Branchen- oder Themen-ETFs seien häufig nichts anderes als Market Timing – und könnten „nur durch Zufall gutgehen“. Auch das Analysehaus justETF weist darauf hin, dass mehrere spezialisierte ETFs nicht automatisch zu besserer Streuung oder gar Rendite führen – viele Produkte überschneiden sich und erhöhen vor allem die Komplexität oder das Risiko im Portfolio.

Roos beschreibt ein typisches Muster: Anleger steigen ein, wenn ein Thema bereits stark gelaufen ist – und tragen dann das Risiko der Korrektur. Sprich: fallende Kurse.

Alle professionellen Portfolios bestehen aus zwei Bausteinen.

Kapitalmarktstratege Dr. Andreas Beck

Während Kanzler die Breite betont, lenkt Andreas Beck den Blick auf die zweite zentrale Frage: Stabilität. „Alle professionellen Portfolios bestehen aus stark schwankenden Aktien und stabilen Anleihen“, sagt der Finanzmathematiker und warnt: Anleger sollten „nicht zu Extremen neigen, je nach Stimmung entweder 100 Prozent oder 0 Prozent Aktien zu halten“. Entscheidend sei, welche Aktienquote zum eigenen Wohlbefinden passe.

Dabei gehe es nicht nur um Rendite, sondern um Konstruktion. Ein Portfolio müsse so aufgebaut sein, dass es auch in schwierigen Phasen für den Anleger tragfähig bleibt. Für Beck ist die entscheidende Frage nicht, wie sich Märkte entwickeln, sondern ob ein Portfolio so aufgebaut ist, dass Anleger es auch in schwierigen Phasen durchhalten können. Er warnt zudem vor Extremen: Weder eine reine Aktienstrategie noch eine vollständige Absicherung sei für die meisten sinnvoll – entscheidend sei „eine ausgewogene Mischung“.

Genau deshalb spielt die Struktur eine entscheidende Rolle: Ohne stabilisierende Bausteine steigt laut Beck der Druck, in schwierigen Phasen reagieren zu müssen – oft genau zum falschen Zeitpunkt.

Der Sicherheitsbaustein: Warum Stabilität notwendig ist

Aus dieser Perspektive ergibt sich der zweite Bestandteil eines Portfolios fast zwangsläufig. Neben Aktien gehören für Beck dazu:

  • Tages- und Festgeld als Liquiditätsreserve
  • Staatsanleihen hoher Bonität
  • breit gestreute Anleihe-ETFs mit vorwiegend kurzer Laufzeit und hoher Bonität

Diese möglichen Bausteine haben eine klare Funktion: Sie federn das Portfolio bei Verlust ab, reduzieren Schwankungen und schaffen finanzielle Flexibilität, wenn Märkte fallen.

Verbraucherzentrale: Struktur schützt vor Fehlentscheidungen

Die Verbraucherzentrale Bayern beobachtet regelmäßig, „dass Anleger ihre Risikotragfähigkeit überschätzen“. Sie investieren zu viel in den Aktienmarkt – und zu wenig in stabile Anlagen. Die Deutsche Bundesbank formuliert es grundlegend: Höhere Renditechancen gehen mit höheren Schwankungen einher. Wer Kapitalmarktanlagen nutzt, muss diese Volatilität akzeptieren – kann sie aber durch Diversifikation begrenzen.

Das Problem zeige sich vor allem in Krisen: Fehlt ein ausreichender Sicherheitsanteil, entsteht Liquiditätsdruck. Anleger sind gezwungen zu verkaufen – unabhängig davon, ob der Zeitpunkt günstig ist oder nicht. Roos warnt deshalb ausdrücklich davor, das gesamte Vermögen in Aktien-ETFs zu stecken. Entscheidend sei eine Struktur, „die auch unter Stress funktioniert“.

Verschiedene Ansätze für die richtige Mischung

Die konkrete Aufteilung hängt von der persönlichen Situation ab – lässt sich aber an typischen Beispielen greifbar machen:

  • Defensives Portfolio (z. B. 30/70): 30 Prozent weltweit streuender Aktien-ETF, 70 Prozent sichere Anlagen und damit eher geeignet für Anleger mit geringer Risikotoleranz oder kürzerem Anlagehorizont
  • Ausgewogenes Portfolio (z. B. 50/50 bis 70/30): 70 Prozent Aktien und 30 Prozent stabile Bausteine gelten als klassischer Mittelweg mit abgefederten Schwankungen.
  • Offensives Portfolio (z. B. 90/10 oder 100 % Aktien): Nahezu vollständige Investition in Aktien bietet hohe Renditechancen, aber volle Marktschwankung.

Ein stark vereinfachtes Rechenbeispiel zeigt den Effekt der Struktur: Bei einem 70/30-Portfolio und einem Börsenrückgang von 30 Prozent im Aktienanteil verliert das Gesamtportfolio nicht 30, sondern rund 20 Prozent. Der Sicherheitsanteil wirkt als Puffer. Bei einem 50/50-Portfolio würde derselbe Kursrückgang sogar nur zu einem Gesamtverlust von etwa 15 Prozent führen, sofern der Sicherheitsanteil seinen Wert hält. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, diese Aufteilung regelmäßig zu überprüfen und bei größeren Abweichungen wiederherzustellen.

Wichtiger als die exakte Quote sei aber die Passung zur eigenen Situation, sagt Beck. Er betont, dass die Aktienquote zum persönlichen „Wohlempfinden“ passen muss. Der Wohlfühlfaktor sei ein erheblicher Erfolgsfaktor.

Die Struktur entscheidet über das Verhalten

Am Ende führt die richtige Struktur zu einer einfachen Konsequenz: Wer sein Portfolio passend aufsetzt, gerät in Krisen seltener unter Druck, überhaupt handeln zu müssen – und vermeidet damit typische Fehler wie Verkäufe in schwachen Marktphasen. „Ein perfektes ETF-Portfolio, das man in der Krise panisch verkauft, ist schlechter als ein einfacheres Portfolio, das man durchhält.“

Genau darauf zielen auch die Empfehlungen der Experten. Die Verbraucherzentrale rät zu einer klaren Linie: Ein Portfolio sollte „die meiste Zeit in Ruhe gelassen werden“. Auch Daniel Kanzler formuliert es deutlich: „Investieren Sie breit gestreut, kostengünstig sowie langfristig – und lassen Sie dann möglichst die Finger davon.“ Es ist das Paradoxon der ETF-Welt: Die beste Leistung erzielen den beiden Experten zufolge oft jene Anleger, die am wenigsten tun. Weitere Teile unserer ETF-Serie findest du hier.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar. Er ersetzt keine individuelle Beratung unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Vermögensverhältnisse, Anlageziele und Risikotoleranz.