• Einführung in die Lügen- und Emotionsforschung
  • Historische Einordnung der Forschung
  • Bedeutsamkeit der nonverbalen Merkmale
  • Kritik und weitere Forschungsmeinungen
  • Fazit

Unterhältst du dich mit jemandem, hoffst du natürlich immer, dass deine Gesprächspartner*in ehrlich zu dir ist. Lügt uns doch einmal jemand an, ist es nicht immer einfach, dies auch zu bemerken. Weshalb wir Lügner*innen nur schwer erkennen, ist mit Blick auf die Forschung besser verständlich.

Häufigkeit von Lügen und ein Einblick in die Forschung

Eine repräsentative Umfrage unter 1.024 Deutschen aus dem Jahr 2015 zum Thema Ehrlichkeit zeigte: Rund 58 % logen täglich. Dabei wurde zu 73 % im persönlichen Gespräch gelogen. Auch, wenn die Umfrage eine eher kleine Personenzahl befragte und bereits einige Jahre her ist, geben die Ergebnisse einen groben Überblick. Weshalb es heute keine neueren und größeren Studienergebnisse gibt, liegt vermutlich daran, dass niemand von uns gerne zugibt, zu lügen. Die Motivation des Einzelnen ist dabei sehr unterschiedlich und individuell. So lügen beispielsweise einige, um gemocht zu werden, andere, um in Ruhe gelassen zu werden und noch einmal andere, um jemanden aufzumuntern.

In Gesprächen überlegen wir selbst immer wieder, bewusst oder unbewusst, ob unser Gegenüber ehrlich zu uns ist oder nicht. Fernsehen und Medien zeichnen dabei ein Bild, das uns das Gefühl gibt, dass das Erkennen von Lügen sehr einfach sei. In Filmen sind es häufig die Mundwinkel oder die Schultern, die kurz zucken und dadurch eine*n Lügner*in entlarven. Aber was sagt die Forschung?

Mt der Lügen- und Emotionsforschung beschäftigte sich unter anderem Paul Ekman. Er gilt als einer der bekanntesten Forscher in dem Bereich und beriet nicht nur die Macher der Serie "Lie to me", sondern auch eine Vielzahl von US-Behörden, wie das FBI und die CIA. Dabei ist sein Glaubenssatz: Die Wahrheit steht uns ins Gesicht geschrieben.

Geschichte der Forschung und die Bedeutsamkeit der nonverbalen Merkmale

Paul Ekman konzentrierte sich vorwiegend auf nonverbale Indizien, die Mikroexpressionen. Er versuchte herauszufinden, welche beobachtbaren Merkmale auf Lüge und Wahrheit hinweisen. Er selbst forschte von 1971 bis 2004 als Professor an der University of California. Besonders bekannt wurde seine Theorie der universellen menschlichen Mimik aus den 1960er Jahren.

In dieser ordnete er die Grundemotionen Wut, Ekel, Angst, Trauer, Freude und Überraschung in ein "Facial Action Coding System" ein. Letzteres ist eine Art Bestimmungsbuch für die Mimik. In einem Artikel aus dem Jahr 1969 legte er dann den Grundbaustein für seine Lügentheorie. Seine Grundannahme war, dass Emotionen, die verborgen bleiben sollen, sich über die Mimik oder kurze Bewegungen in Armen, Händen, Beinen oder Füßen verraten. Diese Bewegungen sind höchstens eine viertel bis halbe Sekunde lang und für Beobachter*innen, die nicht speziell darin geschult sind, kaum bis nicht wahrnehmbar. Neben den Mikroexpressionen könne man laut Ekman häufiger abgebrochene oder unvollständige Emotionen betrachten. Dies bedeutet, dass beispielsweise bei unechter Trauer die sonst charakteristischen Falten auf der Stirn fehlen.

In seinem Buch "Telling Lies" schreibt er: Allein anhand der Mimik könne man in Laborexperimenten zu 80 % Lüge und Wahrheit unterscheiden. Beziehe man dann noch Körperbewegungen, Stimme und Sprache mit ein, liege die Sicherheit bei bis zu 90 %. Final sind für Ekman Unstimmigkeiten in der Mimik keine Garantie, sondern nur ein Indiz für eine Lüge. Um eindeutige Beweise liefern zu können, bedürfe es immer mehrerer und verschiedener solcher Hinweise.

Gegenstimmen und eine Beispielstudie

Maria Hartwig, Professorin vom John Jay College of Criminal Justice in New York, äußerte sich kritisch zu der Forschung Ekmans. Sie beurteilt seine Zahlen als unplausibel, da anderer Forschungsliteratur zufolge die Erfolgsquoten in der Regel nur knapp über dem Zufall liegen. Selbst mit einem speziellem, intensiven Training könne sie nicht glauben, dass solche Zahlen erreichbar wären. Zudem habe Ekman bisher, soweit bekannt, keine entsprechenden Studien, die seine Zahlen belegen, veröffentlicht.

Insgesamt gibt es nur wenige unabhängige Studien im Bereich der Lügenforschung. Eine davon aus dem Jahr 2008. Sie wurde von Stephen Porter und Leanne ten Brinke durchgeführt. Die Aufgabe der Proband*innen war es, ihre wahren Gefühle zu verbergen, während sie fröhliche, traurige oder beängstigende Bilder ansahen. Es konnte häufig eine Unstimmigkeit der Mimik beobachtet werden.  Die von Ekman beschriebenen Mikroexpressionen konnten hingegen nur bei etwa 22 % der Proband*innen beobachtet werden. Ob die Mikroexpressionen tatsächlich nur dann zu erkennen waren, wenn die Proband*innen ihre Gefühle überspielen wollten, ist unklar.

In der Forschung geraten überdies sprachliche Merkmale immer wieder in den Fokus. Rechtspsychologin Kristina Suchotzki von der Universität Mainz verfolgt die These, dass man allein aus einer Emotion heraus nicht auf eine Täuschung schließen kann. Sie fokussiert sich auf Anzeichen der geistigen Anstrengung, die mit falschen Aussagen verbunden sind. Immerhin ist beispielsweise das Lügen vor Gericht mit einer hohen Anstrengung verbunden. Man muss sich eine Alternativgeschichte überlegen, authentisch wirken, die Gefühle im Griff haben, sich nicht versehentlich versprechen.

Relevanz der persönlichen Beziehung und die Merkmale der Sprache

In der Forschung wurde auch untersucht, welche Rolle eine intensive Beziehung zu einer Person dafür spielt, ob du erkennst, ob diese Person gerade lügt. Mit der Frage setzte sich ein kanadisches Forschungsteam auseinander. Für ihr Experiment wählten die Forscher*innen Eltern mit ihren Kindern, Studierende und andere Eltern aus. Anschließend sahen sich allen Teilnehmer*innen Videos von Kindern an. In dem Video erzählten die Kinder, ob sie bei einem Test geschummelt hatten oder nicht. In einigen Fällen entsprach die Aussage der Wahrheit, in anderen nicht. Im Anschluss mussten alle drei Gruppen versuchen, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Die Vermutung, dass die eignen Eltern bei ihren Kindern eine Lüge besser erkennen könnten, bestätigte sich nicht: Sie konnten nicht besser als die fremden Eltern oder die Studierenden feststellen, wann die Kinder gelogen hatten.

Einer der Studienautoren, der Psychologe Kang Lee, hielt einen Vortrag, in dem er den im Anschluss an die Studie entwickelten "Pinocchio-Effekt" vorstellte. Er präsentierte ein Bild seines eigenen Sohnes beim Lügen und machte darauf aufmerksam, dass der Blutfluss in den Wangen absinke und jener in der Nase ansteige. Daran könne man erkennen, wann das Kind lüge. Doch auch zu diesem Ansatz gibt es kritische Stimmen, die darauf hinweisen, dass solche Effekte kaum für die Praxis taugen. So könnte ein solcher Ansatz niemals vor Gericht verwendet werden. Auch hier kann man lediglich von einem möglichen Hinweis auf eine Lüge sprechen.

Während die Forschung zu den nonverbalen Merkmalen relativ überschaubar ist, ist die zu verbalen Merkmalen umfangreicher. Dies liegt vermutlich auch daran, dass Sprache sich besser aufzeichnen lässt. In einer Metaanalyse konnten Maria Hartwig und Charles Bond feststellen, dass eine souveräne Lüge glaubhafter wirkt als eine gestotterte Wahrheit. Dies zeigt: Bei der Urteilsfindung orientieren wir uns häufig daran, wie kompetent, klar und eindeutig die Aussage erscheint.

Fazit

Dass die Forschungsbefunde nicht gut auf die Realität anwendbar zu sein scheinen, könnte darin begründet sein, dass sie schwer zu verallgemeinern sind. Über Einzelfälle, die dir im realen Leben begegnen, sagen sie demnach nur wenig aus. Es ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob die Menschen sich in der Realität tatsächlich so wie unter Experimentalbedingungen verhalten würden; denn in letzterer erfolgt die Lüge auf Anweisung.

Alle Forscher*innen sind sich einig, dass es uns schwerfällt, Lügner*innen zu identifizieren. Dies zeigt unter anderem auch eine Metaanalyse von Daten von rund 25.000 Proband*innen: In nur 54 % der Fälle konnte eine Lüge korrekt identifiziert werden. Die Trefferquote stieg auf 63 %, als nur die Tonaufnahme vorgespielt wurde; ganz ohne Video. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Person Richter*in, Psychiater*in oder Laie war: Allen fällt es schwer, eine Täuschung zu erkennen. Klare Lügenkennzeichen gibt es nicht, sondern lediglich Indizien, die auf eine Lüge hinweisen können.