Immer mehr Menschen interessieren sich für alternative Behandlungsmethoden wie die Chiropraktik. Foto: AdobeStock/Louis-Paul Photo
Virale Videos haben das Interesse an chiropraktischen Behandlungen deutlich gesteigert. Foto: AdobeStock/Erman Gunes
Seriöse Anbieter legen Wert auf eine ausführliche Diagnostik vor der Behandlung. Foto: AdobeStock/Viacheslav Yakobchuk
Viele Beschwerden des Bewegungsapparates lassen sich mit gezielten Handgriffen behandeln. Foto: AdobeStock/Dusan Petkovic
Nebenwirkungen nach einer chiropraktischen Behandlung sind meist mild und klingen schnell ab. Foto: AdobeStock/chinnarach
Die Wirksamkeit von Chiropraktik wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Foto: AdobeStock/Natalie
Für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen ist Chiropraktik nicht geeignet. Foto: AdobeStock/chinnarach
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Ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Behandler ist die Basis jeder Therapie. Foto: AdobeStock/Василь Івасюк
Nicht jede Methode eignet sich für jeden Patienten – eine individuelle Beratung ist daher unerlässlich. Foto: AdobeStock/Ready At The Ease/peopleimages.com
Millionenfach geklickte "Einrenk-Videos" sorgen momentan im Netz für einen regelrechten Chiropraktik-Hype. Wir haben genauer hingeschaut: Was steckt dahinter, wann ist sie hilfreich – und wann kann sie auch zur Gefahr werden?
Die meisten von uns kennen wohl den leicht verpeilten Chiropraktiker Alan Harper aus der Kultserie "Two and a Half Men" - der vermutlich bekannteste Chiropraktiker der Welt. Doch seit Kurzem erfährt die Chiropraktik einen neuen Höhenflug: Videos, in denen es knackt, zieht und drückt, erreichen Aufrufzahlen in Millionenhöhe.
Während einige die Clips als entspannend und befriedigend wahrnehmen, lösen sie bei anderen starkes Unbehagen aus. Der Spagat zwischen Skepsis und Hype hat uns zum Nachdenken gebracht: Was kann Chiropraktik wirklich – und wo liegen ihre Grenzen?
Der Ruf des "Knochenbrechers": Was steckt wirklich hinter der Chiropraktik
Chiropraktik bezeichnet eine manuelle Behandlungsmethode, die sich vordergründig mit Funktionsstörungen des Bewegungsapparates beschäftigt, insbesondere der Wirbelsäule und der Gelenke. Ziel ist es, durch präzise Handgriffe die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und muskuläre Spannungen zu lösen.
Bekannt ist diese Methode für sogenannte Manipulationen, bei denen mit kurzen Impulsen auf Gelenke eingewirkt wird. Häufig wird das begleitet von einem hörbaren Knacken, das durch das Lösen von Gasbläschen entsteht.
Medizinisch ist Chiropraktik kein klar abgegrenztes Verfahren, häufig wird sie auch außerhalb der Schulmedizin praktiziert. Deshalb gilt sie in der medizinischen Einordnung meist als ergänzende oder alternative Behandlungsmethode.
Der Erfinder der Chiropraktik war kein Mediziner – und saß deshalb sogar im Gefängnis
Die Chiropraktik entstand nicht in einem medizinischen Hörsaal, sondern am Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, durch den Schullehrer, Imker, Nebenerwerbs-Obstbauer, Lebensmittelhändler und Fischzüchter Daniel David Palmer. Der Legende nach entwickelte Palmer die Methode im Jahr 1895, nachdem er einem Hausmeister mit einem gezielten Handgriff an der Wirbelsäule angeblich das Gehör zurückgegeben haben soll. Ein Ereignis, das aus heutiger Sicht eher in den Bereich der Anekdoten zählt.
Er war überzeugt, dass Fehlstellungen der Wirbelsäule zahlreiche Krankheiten verursachen könnten. Entsprechend weitreichend waren auch seine Heilversprechen. Das gilt natürlich nicht als wissenschaftlich belegt, aber diese Annahmen prägen den umstrittenen Ruf der Chiropraktik noch bis heute.
Palmer gründete daraufhin eine eigene Schule und legte damit den Grundstein für die Verbreitung der Chiropraktik. Gleichzeitig saß er sogar wegen der Ausübung von Heilkunde ohne ärztliche Lizenz zeitweise im Gefängnis. Aus der ursprünglich stark esoterisch geprägten Heilidee entwickelte sich in den folgenden Jahren schrittweise eine Vielzahl unterschiedlicher Chiropraktik-Ansätze.
Achtung: Kein geschützter Begriff
In Deutschland gibt es zwei Möglichkeiten, Chiropraktik zu praktizieren: als Arzt oder als Heilpraktiker. Ärzte, die zusätzlich eine Weiterbildung in der Chirotherapie oder manuellen Medizin absolviert haben, dürfen die Behandlungsmethode anwenden. Meist ist die Methode bei diesen in ein schulmedizinisches Gesamtkonzept eingebettet, mit klaren Diagnosekriterien. Ärzte mit einer Zusatzausbildung nennen sich Chirotherapeut, und jene mit einem speziellen Studium dürfen sich Chiropraktor nennen.
Abgesehen davon wird Chiropraktik häufig von Heilpraktikern ausgeübt. Der Begriff "Chiropraktiker" ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt. Die Zugangsvoraussetzungen sind relativ niedrig und bundesweit nicht einheitlich geregelt. Da es keine allgemein geltenden Anforderungen an die Ausbildung gibt, gehen die Kursangebote von Tagesseminaren hin zum mehrjährigen berufsbegleitenden Masterstudiengang. So können sich Ausbildung, Erfahrung und Behandlungsansätze erheblich unterscheiden.
Du hast mindestens eine abgeschlossene Volksschulbildung
Zuverlässigkeit
gesundheitliche Berufseignung
Überprüfung der Kenntnisse und Fähigkeiten durch die Gesundheitsverwaltung des zuständigen Landratsamtes oder - sofern kreisfreie Städte ein eigenes Gesundheitsamt haben - durch das Gesundheitsamt der kreisfreien Stadt (dieser Test kann in den meisten Bundesländern beliebig oft wiederholt werden)
Die Chiropraktik geht davon aus, dass verschobene Wirbel das Nervensystem stören können. Solche sogenannten Subluxationen werden vom Chiropraktiker durch gezielte Korrekturen behoben. Ursachen von Subluxationen können falsche Bewegungen, Unfälle, aber zum Beispiel auch Stress und viele weitere sein.
Bewegungseinschränkungen (z. B. des Kopfes, der Schultern, Arme, Knie)
Durchblutungsstörungen
Fehlstellungen (z. B. des Beckens)
Hexenschuss
Ischias
Magenbeschwerden
Migräne/Kopfschmerzen
Muskel- und Nervenschmerzen
Rückenschmerzen
Schwäche
Schwindel
Tennisarm
Verdauungsbeschwerden
Durch manuelle Verschiebungen der Wirbel und Gelenke sollen diese korrigiert und deren Funktion verbessert werden. Die Subluxationen können sogar zu Einklemmungen von Nerven führen. Durch die Chiropraktik sollen diese Blockaden gelöst werden. Man geht davon aus, dass die Fehlstellungen im Körper weitreichende Folgen haben. Es sollen durch die Chirotherapie auch Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Tinnitus behoben werden.
Studien zeigen, dass vor allem bei Rücken- und Nackenschmerzen eine Behandlung Linderung bringen kann. Jedoch schneiden diese weder deutlich besser noch schlechter als andere empfohlene Behandlungen ab. Sicher ist: Die beste Wirkung zeigt die Chiropraktik dort, wo sie Teil eines größeren Behandlungskonzeptes ist, etwa kombiniert mit Bewegung oder Physiotherapie.
Grenzen einer Methode: Für wen Chiropraktik nicht geeignet ist
Obwohl Chiropraktik als Behandlungsform sehr verbreitet ist, gibt es doch zahlreiche kritische Stimmen aus der medizinischen Fachwelt. Ein zentraler Kritikpunkt: Der menschliche Körper ist für Belastungen gemacht. Alltagstätigkeiten können zwar zu Verspannungen und Beschwerden führen, das bedeutet aber nicht, dass Wirbel "fehlstehen" oder korrigiert werden müssen.
Subluxationen, also Wirbelverschiebungen, sind sehr umstritten. Wenn sich ein Wirbel tatsächlich aus seiner normalen Position bewegt oder ein Nerv ernsthaft eingeklemmt ist, geht dies mit starken Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder neurologischen Ausfällen einher. Solche Zustände entstehen nicht beiläufig durch falsches Sitzen oder eine ungünstige Schlafposition, sondern sind ernste Beschwerden, bei denen sofort ein Arzt aufgesucht werden sollte. Insgesamt gibt es keine überzeugenden Nachweise dafür, dass die chiropraktische Subluxation als eigenständige Ursache für Krankheiten oder Symptome betrachtet werden kann.
Erwiesenermaßen problematisch kann Chiropraktik insbesondere bei bestimmten Vorerkrankungen sein. In solchen Fällen kann eine Behandlung zu massiven Schäden und Nebenwirkungen führen. Deshalb ist es immer ratsam, vor einem Besuch beim Chiropraktiker dies mit dem eigenen Hausarzt abzuklären.
Unter diesen Umständen sollte Chiropraktik nicht angewandt werden:
Bandscheibenvorfälle
frische Verletzungen
Knochenbrüche
Osteoporose
Entzündungen an den Gelenken
Tumore oder Krebserkrankungen
Nervenreizungen
Multiple Sklerose oder andere schwere neurologische Erkrankungen
Nach einem Herzinfarkt
Bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Angina Pectoris
Alles nur Placebo-Effekt? Studien zeigen: So hilfreich ist Chiropraktik wirklich
Obwohl viele Patienten von Verbesserungen ihrer Beschwerden berichten, bleibt die Evidenzlage der tatsächlichen Wirksamkeit von Chiropraktik moderat.
Ein Beispiel hierfür ist die eine große Meta-Analyse im amerikanischen Ärzteblatt. Diese zeigte, dass chiropraktische Behandlungen bei Rückenschmerzen nur eine geringe und meist klinisch nicht relevante Schmerzlinderung bewirkten. Auch die Verbesserung der Beweglichkeit und Funktion war vorhanden, aber so klein, dass sie nicht als klinisch relevant gilt. Viele der untersuchten Studien berichten gar nicht über Nebenwirkungen. Dort, wo sie erhoben wurden, klagten etwa 12 % der Patienten über vermehrte Schmerzen, Steifheit oder andere Beschwerden nach der Behandlung.
Eine weitere Studie fand keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Chiropraktik Krankheiten außerhalb des Bewegungsapparates vorbeugen oder diese frühzeitig behandeln kann. Trotz einer umfangreichen Suche in medizinischen Datenbanken und Fachzeitschriften fanden die Autoren unter mehr als 13.000 Titeln nur 13 relevante Studien, von denen letztlich keine einen positiven Effekt der Chiropraktik zeigen konnte.
Jedoch kann ohne Kontrollstudie noch keine absolute Klarheit gegeben werden. Dazu müsste eine Gruppe von Testpersonen chiropraktisch behandelt werden, während die andere scheinbehandelt wird, ohne den Unterschied zu merken. Ohne eine solche Studie kann nicht ausgeschlossen werden, dass etwa eine Schmerzlinderung schlicht auf hohe Erwartungen und den Glauben an die Behandlungsmethode zurückzuführen ist – also auf den Placebo-Effekt.
Risiken & Nebenwirkungen: Die Kehrseite
Für die meisten bleibt eine Behandlung beim Chiropraktiker ohne Nebenwirkungen. Doch vor allem nach der Erstbehandlung berichten Patienten vermehrt von unangenehmen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Muskelkater oder einem Spannungsgefühl. Die sogenannte Erstverschlimmerung nach einer Chiropraktik-Behandlung bessert sich nach ein bis zwei Tagen meist von selbst.
Starke Komplikationen wie Nervenausfälle, etwa Gefühlsstörungen oder Lähmungen, können in äußerst seltenen Fällen auftreten. Noch seltener sind Schädigungen der Gefäße im Bereich der Halswirbelsäule, wenn diese chiropraktisch justiert wird. Die Gefäßschäden können aber zur Bildung von Blutgerinnseln und damit auch zu Schlaganfällen führen.
Eine Studie aus Kanada kam zu dem Ergebnis, dass bei 134 Millionen Halsmanipulationen 23 Fälle von Halsarterienverletzungen dokumentiert wurden. Damit sind Schlaganfälle nach chiropraktischen Halsmanipulationen sehr selten, aber nicht ausgeschlossen. Einige tragische Einzelfälle zeigen, welche Folgen im schlimmsten Fall eintreten können.
Joanna Kowalczyk (29)
Sie war gerade einmal 29 Jahre alt, als sie einen Chiropraktiker aufsuchte, um sich am Nacken behandeln zu lassen. Was als routinemäßige Behandlung begann, endete tragisch: Durch die Nackenmanipulation wurde eine Halsarterie verletzt, was zu einem Schlaganfall führte. Trotz aller Bemühungen der Ärzte konnte ihr Leben nicht mehr gerettet werden und sie starb am 19. Oktober 2021, nur wenige Tage nach ihrer Behandlung.
Katie May (34)
Katie May war ein bekanntes amerikanisches Model und Social-Media-Star, die durch ihre Fotos und Online-Präsenz große Beliebtheit erlangte. Im Jahr 2016 erlitt sie nach einer chiropraktischen Nackenbehandlung einen schweren Schlaganfall. Die Ursache war eine Verletzung einer Arterie im Hals, die während der Manipulation entstanden war. Trotz medizinischer Versorgung konnte sie nicht gerettet werden und verstarb im Alter von nur 34 Jahren. Ihr tragischer Tod machte weltweit Schlagzeilen und rückte die Risiken chiropraktischer Eingriffe am Hals in den Fokus der Öffentlichkeit.
Caitlin Jensen
Caitlin, eine junge Frau, suchte 2022 wegen Nackenschmerzen einen Chiropraktiker auf. Nach der Behandlung bemerkte sie plötzlich starke Beschwerden: Sie konnte ihre linke Körperseite nicht mehr richtig bewegen und hatte Sprachprobleme. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte, ausgelöst durch eine Verletzung einer Halsarterie während der chiropraktischen Manipulation. Seitdem ist Caitlin auf einen Rollstuhl angewiesen.
Eine individuelle Entscheidung – worauf du achten solltest
Wie und ob Chiropraktik sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Für viele Menschen kann sie spürbare Erfolge bringen, für andere ist sie hingegen weniger geeignet. Entscheidend sind immer die individuelle Ausgangslage, die Art der Beschwerden, mögliche Vorerkrankungen und von wem man sich behandeln lässt.
Am Ende gilt: Jeder macht mit Chiropraktik seine ganz eigenen Erfahrungen. Was für den einen ein echter Glücksgriff ist, hilft dem anderen vielleicht gar nicht. Deshalb sind sowohl Begeisterung als auch Skepsis vollkommen verständlich und beides hat seine Berechtigung.
Bei Unsicherheiten ist es immer ratsam, vor einer chiropraktischen Behandlung Rücksprache mit dem Hausarzt oder einem Facharzt zu halten. So lässt sich besser abschätzen, ob die Methode geeignet ist oder eine andere Therapie besser passt.
Chiropraktik ist damit weder Allheilmittel noch grundsätzlich problematisch. Da es zwischen einzelnen Anbietern jedoch erhebliche Unterschiede gibt, sind hier noch einige Tipps, um einen seriösen Chiropraktiker zu finden.
Diese Anzeichen deuten darauf hin, dass du diesen Chiropraktiker lieber nicht aufsuchen solltest:
Macht Ganzkörper- oder wiederholte Röntgenaufnahmen
Führt keine gründliche Anamnese oder klinische Untersuchung durch
Behauptet, die Behandlung könne das Immunsystem stärken, Organe beeinflussen oder Krankheiten heilen
Bietet Vitaminpräparate, Nahrungsergänzungsmittel oder homöopathische Mittel zum Verkauf an
Wirbt gezielt um Kinder oder andere Familienmitglieder
Rät von Impfungen ab
Möchte, dass du einen Vertrag für eine langfristige Behandlung unterschreibst
Verspricht, durch regelmäßige Kontrollen und Wirbelkorrekturen Krankheiten vorzubeugen
Die Faszination der viralen Chiropraktik-Videos liegt vielleicht gerade in den möglichen Heilversprechen: ein kurzes Ziehen, ein lautes Knacken – und schon scheinen die Schmerzen behoben. Doch so befriedigend diese Videos auch sein mögen, sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Chiropraktik ist kein Zaubertrick, sondern eine Behandlung mit Risiken und Grenzen. Ob sie für einen selbst sinnvoll ist oder man das Knacken doch lieber dem Internet überlässt, liegt am Ende in der eigenen Entscheidung.