• Medizinische Perspektive
  • Begriffsherkunft
  • Interview mit einem Asperger-Autisten
  • Stärken und das Berufsleben
  • Fazit

Eine klare Grenze zwischen Autismus und Nicht-Autismus zu ziehen, kann häufig sehr schwer sein. Schätzungsweise haben etwa 1-3 pro 1000 Menschen die Autismus-Form Asperger. Damit wir unsere Mitmenschen mit Autismus besser verstehen können, ist es wichtig, einiges rund um das Thema zu wissen.

Das Asperger-Syndrom aus medizinischer Sicht

In der Medizin wird Asperger als eine neurologische Entwicklungsstörung verstanden, die sehr komplex und vielfältig ist. Als Merkmal werden hier unter anderem Störungen in der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung genannt. Menschen, die Asperger haben, weisen bereits ab dem dritten Lebensjahr meist ungewöhnliche Merkmale auf. Oft zu beobachten sind beispielsweise eine verzögerte motorische Entwicklung, eine eingeschränkte Geschicklichkeit, stereotypes Verhalten, eine geringe Interaktionsfähigkeit, eine minimale Mimik sowie häufige Selbstgespräche und sehr spezielle Interessen.

Auffälligkeiten in der Entwicklung ihrer kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten zeigen Asperger-autistische Kinder in der Regel nicht. Im Vorschul- oder Grundschulalter werden die Symptome oft deutlicher, da für Nicht-Autist*innen Außergewöhnlichkeiten in der sozialen Interaktion erkennbar werden. Gefühle und Gedanken, die ihr Gegenüber empfinden, können Kinder mit dem Asperger-Syndrom meist nur schwer verstehen. Gesichtsausdruck, Gestik und Tonfall der Mitmenschen können nicht richtig interpretiert werden, sodass auch Betroffene selbst größtenteils kaum eigene Mimik zeigen. Wechselseitige Gespräche sowie das Aufbauen von Freundschaften kann für Menschen mit Autismus dadurch zu einer wahren Herausforderung werden. Auch die Ausbildung von einem Spezialinteresse gilt als mögliches Merkmal, sodass einige Autist*innen eine ungewöhnlich ausgeprägte Aufmerksamkeit und differenzierte Fachkenntnisse in einem speziellen Bereich haben. Autist*innen können teilweise so fixiert auf ihr Spezialgebiet sein, dass sie für andere Themen nur wenig Neugier und Interesse aufbringen können. Aus der medizinischen Sicht wird zudem als typisches Merkmal beschrieben, dass autistische Personen sehr sensibel auf bestimmte Gerüche, Geräusche, Oberflächen oder Berührungsreize reagieren können. In gesteigerter Form kann dies zu einer Reizüberflutung führen. Als Hauptmerkmale des Asperger-Autismus werden in der Medizin eine gestörte soziale Interaktion, eine beeinträchtigte Kommunikation und Sprache sowie wiederholte, stereotype Verhaltensweisen und Interessen genannt.

Die medizinische Sichtweise spiegelt in vielen Bereichen nicht konkret die Lebenswirklichkeit der autistischen Personen wider, sondern konzentriert sich auf eine möglichst objektive Außenperspektive. Dadurch begegnen Autist*innen immer wieder Vorurteilen und Klischees, die weitestgehend nicht stimmen.

Das Asperger-Syndrom: Der Ursprung der Bezeichnung

Der Begriffsursprung ist nicht ganz unproblematisch. Hier wird der Name Hans Asperger wichtig, welcher von 1906 bis 1980 lebte und ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge war. Er gilt heute als Erstbeschreiber des Autismus. Aspergers Habilitationsarbeit zum Thema Autismus aus dem Jahr 1944 blieb zu seinen Lebzeiten international weitgehend unbekannt. Lorna Wing, eine britische Psychiaterin, stieß in den 80er Jahren jedoch auf die Arbeit.

Im Anschluss benannte sie einen Teil des Autismus-Spektrums als Asperger-Syndrom und definierte dessen Merkmale in Anlehnung an Aspergers Arbeit. Erst durch diese Bezeichnung eröffnete Wing die Diskussion um eine separate Diagnose. Schon im Jahr 1992 entschied die WHO, Asperger als eine eigene Diagnose in die ICD aufzunehmen. Was jedoch immer im Hintergrund blieb, waren die ethischen Fragen hinter dieser Benennung; denn Hans Aspergers Geschichte begann im Dritten Reich und lässt sich in Teilen mit dem Kinder-Euthanasie-Programm verbinden. Seine Diagnosen mit dem Autismusbegriff führten in zahlreichen Fällen dazu, dass Kinder in eine Anstalt überwiesen wurden, in denen ihnen das Leben genommen wurde. Es scheint unwahrscheinlich, dass er nicht gewusst hat, dass er mit der Überweisung der Kinder ein Todesurteil für diese unterschrieb. Die Herkunft des Begriffes macht es fraglich, ob er mit Blick auf diesen Hintergrund überhaupt noch benutzt werden sollte. Die Nutzung des Begriffes "Asperger-Autismus" hat in diesem Artikel weder eine diskriminierende noch (ab-)wertende Absicht.

Lange waren die offiziellen Diagnosekriterien für Autismus und das Asperger-Syndrom in der ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), welche von der WHO herausgegeben wird, festgehalten. Hier galten Autismus-Spektrum-Störungen noch als "tiefgreifende Entwicklungsstörungen". In der ICD-10 sind sie unter F84 als "medizinische Diagnosen" gelistet. Unterschieden wurde dort unter anderem zwischen frühkindlichem Autismus (F 84.0), dem Asperger-Syndrom (F 84.5) und dem Atypischen Autismus (F84.1). In der neueren Auflage, der am ersten Januar 2022 in Kraft getretenen ICD-11, gibt es einige Änderungen. Hier wird der Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) als Oberbegriff verwendet. Autismus wird heute als Spektrumsbegriff (6A02) nach Schweregrad differenziert; in den Begriff mit einfließen die vorherigen Subtypen wie das Asperger-Syndrom oder der frühkindliche Autismus, sie werden aber nicht mehr separat gelistet.

Stärken der Asperger-Autist*innen und das Erwachsenen- sowie Berufsleben

Weltweit leben nach Schätzungen der UNO ca. 67 Millionen Menschen weltweit im Autismus-Spektrum. Oft vergessen wird, dass Autist*innen viele besondere Stärken aufweisen. Eine davon ist die oft sehr frühzeitig einsetzende Entwicklung der Sprache. In vielen Fällen können autistische Kinder bereits sprechen, bevor sie frei laufen können. Zudem haben Asperger-autistische Menschen meist eine sehr hohe bis überdurchschnittliche Intelligenz. Typische Charaktereigenschaften vieler Autist*innen sind Aufrichtigkeit, Loyalität, Zuverlässigkeit, Motiviertheit, Dankbarkeit sowie ein ausgeprägter Wunsch nach Gerechtigkeit. Außerdem zeigen Autist*innen oft eine auffallende Gründlichkeit, eine hohe Aufmerksamkeit für Details, Muster und Fehler und eine hohe Konzentrationsfähigkeit und -dauer. Eine mögliche Inselbegabung oder ein Spezialinteresse können sie im Berufsleben oft positiv nutzen. Autismus sollte daher nicht als Störung, sonders lediglich als Besonderheit angesehen werden.

In vielen Situationen des Lebens- und Arbeitsalltags haben Autist*innen mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen. Das sind zum Beispiel die Kommunikation, vor allem mit nonverbalen Signalen oder doppeldeutige Aussagen, Blick- und Körperkontakt und Smalltalk. Die häufig wahrgenommene "Emotionslosigkeit" von Autist*innen kommt daher, dass sie Reize und Informationen nicht wie gewöhnlich filtern und priorisieren können. Was Nicht-Autist*innen nur als einfachen Blick interpretieren, kann für autistische Personen viel mehr bedeuten. Final handelt es sich also weniger um eine Emotionslosigkeit, sondern um eine Hypersensibilität gegenüber Emotionen, für die das Gegenüber Verständnis aufbringen sollte. Gegenteilig gibt es auch viele Menschen im Autismus-Spektrum, die eine überdurchschnittliche Empathiefähigkeit besitzen.

Fehlt das nötige Wissen über autistische Menschen, kann es im Berufsleben zu Schwierigkeiten kommen: Kolleg*innen könnten ohne das nötige Grundwissen schnell mit ungewöhnlichen Kommunikations- und Umgangsweise überfordert sein. Dies muss aber keinesfalls die Regel sein, wie heute schon erste Unternehmen exemplarisch beweisen. In diesen wird der Begriff Inklusion gelebt: Du findest auch in Deutschland bereits Unternehmen, die auch oder ausschließlich Autist*innen einstellen. Je nach Unternehmen können autistische Personen ihre ganz eigenen Stärken für verschiedenste Projekte einsetzen. Eine solche Art der Integration ist leider auch heute noch sehr selten. Dass es vielen Asperger-Autist*innen schwerfällt, beruflich Fuß zu fassen, obwohl sie fachlich überaus kompetent sind, liegt laut der Leiterin des Chemnitzer Autismuszentrums, Bärbel Klapper, vor allem daran, dass es immer noch zu viel Unwissenheit und zu große Berührungsängste auf der Arbeitgeber*innenseite gibt. Das erläutert Klapper gegenüber dem ZDF.

Fazit

Autist*innen fühlen sich oft missverstanden, auch dadurch, dass in vielen Bereichen der Gesellschaft das nötige Wissen fehlt. Ihren Autismus wollen die meisten nicht "wegtherapiert" bekommen, sondern sehen ihn als Teil von ihnen selbst, der ihnen viele positive Dinge bringt. Die lebendige autistic community bemüht sich darum, ihre Bedürfnisse, Perspektiven und Vielfalt selbst einzubringen und mehr Expertise in Bezug auf das Leben und die Erfahrungen mit Autismus zu sammeln. Die Autistic Pride-Community kämpft um Sichtbarkeit und ein Bewusstsein der breiteren Bevölkerung, dass Autismus keine Krankheit ist. Beispielhafte Netzwerke für Autist*innen, Angehörige, Lehrer*innen und natürlich jeden anderen, der sich gerne intensiver informieren möchten, sind das Asperger/Autism Network, das Autistic Self Advocacy Network oder die Autism Society.

Ein offener Dialog über Autismus ist wichtig für die Gesellschaft. Viele Asperger-Autist*innen fühlen, litten und leiden heute noch unter gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung. Als Autist*in und/oder Angehörige*r solltest du deshalb unbedingt auch deine Rechtsansprüche prüfen, sodass du sie im Ernstfall in Anspruch nehmen kannst. Autismus Deutschland e.V. stellt ausführliche rechtliche Materialien zur Verfügung, anhand derer du dich informieren kannst.