Ursache oder Folge? Warum die Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren sind
Trotz der auffälligen Zahlen warnen die Forscher davor, die Ergebnisse vorschnell als Beweis zu verstehen. Der Großteil der ausgewerteten Studien basiert auf Beobachtungsdaten. Solche Studien können Zusammenhänge sichtbar machen, klären aber meist nicht eindeutig, was Ursache und was Folge ist.
So könnte es unter anderem sein, dass ein hoher Zuckerkonsum Unruhe oder Stressreaktionen im Körper begünstigt. Ebenso plausibel ist aber das Gegenteil: Jugendliche, die bereits unter Angst oder Anspannung leiden, greifen möglicherweise häufiger zu süßen Getränken – etwa als schnelle Belohnung oder kurzfristige Ablenkung. Ferner könnten weitere Faktoren beide Entwicklungen gleichzeitig beeinflussen. Stress im Alltag, Schlafprobleme, familiäre Belastungen oder schulischer Druck könnten sowohl Angstsymptome verstärken als auch den Griff zu Softdrinks begünstigen.
Die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit sprechen deshalb von einer "problematischen Verbindung", nicht von einer klaren Ursache-Wirkungs-Beziehung. Dennoch halten sie es für möglich, dass ein geringerer Konsum zuckerhaltiger Getränke zumindest bei einem Teil der Jugendlichen auch die psychische Belastung reduzieren könnte.
Angststörungen bei jungen Menschen nehmen zu
Die Ergebnisse fallen in eine Zeit, in der psychische Erkrankungen bei Jugendlichen generell stärker in den Fokus rücken. Internationale Studien zeigen, dass Angststörungen zu den häufigsten psychischen Problemen in dieser Altersgruppe zählen.
Schätzungen zufolge hatte zuletzt etwa jedes fünfte Kind oder jeder fünfte Jugendliche eine diagnostizierbare psychische Störung. Angst gehört dabei zu den am häufigsten berichteten Beschwerden. Auch deutsche Gesundheitsberichte weisen darauf hin, dass entsprechende Diagnosen in den vergangenen Jahren häufiger gestellt wurden. Vor diesem Hintergrund suchen Forscher zunehmend nach veränderbaren Lebensstilfaktoren, die eine Rolle spielen könnten. Ernährung gehört dazu – nicht zuletzt, weil sie relativ leicht beeinflussbar ist.
Die britische Analyse versteht sich daher auch als Anstoß für weitere Forschung. Wenn sich der Zusammenhang bestätigt, könnten Maßnahmen zur Reduktion von zuckerhaltigen Getränken künftig auch Teil von Präventionsstrategien gegen psychische Erkrankungen werden.
Zweite Spur der Forschung: Zusammenhang zwischen Softdrinks und Depression
Neben Angststörungen untersuchen andere Studien auch mögliche Verbindungen zwischen Softdrink-Konsum und Depressionen. Eine aktuelle Untersuchung mit Beteiligung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung liefert Hinweise auf einen solchen Zusammenhang. Die Forscher werteten Daten aus der sogenannten Marburg-Münster Affective Cohort aus. In dieser Kohorte wurden zwischen 2014 und 2018 insgesamt 932 Erwachsene untersucht – darunter 405 Menschen mit diagnostizierter Depression und 527 Personen ohne entsprechende Erkrankung.
Die Analysen zeigten, dass ein höherer Konsum zuckerhaltiger Getränke sowohl mit der Diagnose einer Depression als auch mit der Schwere der Symptome zusammenhing. Besonders deutlich war dieser Zusammenhang bei Frauen: Bei ihnen war ein hoher Softdrink-Konsum mit einer um etwa 17 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Depression verbunden.
Auch hier gilt allerdings: Die Studie zeigt eine statistische Verbindung, keine eindeutige Ursache. Dennoch liefert sie Hinweise darauf, dass Ernährung möglicherweise eine Rolle bei psychischen Erkrankungen spielen könnte.
Der Darm als mögliche Erklärung
Um zu verstehen, wie Getränke überhaupt die Stimmung beeinflussen könnten, richten Forscher den Blick zunehmend auf den Darm. Dort leben Milliarden von Mikroorganismen, die gemeinsam das sogenannte Mikrobiom bilden. Zuckerreiche Getränke enthalten nicht nur große Mengen an Glukose oder Fruktose, sondern häufig auch Zusatzstoffe wie Konservierungsmittel oder künstliche Süßstoffe. Diese Kombination kann das Gleichgewicht der Darmbakterien verändern. Einige Bakterienarten, die mit Entzündungsprozessen in Verbindung stehen, könnten dadurch zunehmen, während andere nützliche Stoffwechselprodukte seltener entstehen.
In der deutschen Studie fanden die Forschenden Hinweise auf einen solchen Mechanismus. Bei Frauen mit höherem Softdrink-Konsum trat häufiger ein Darmbakterium der Gattung Eggerthella auf. Dieses Bakterium wurde bereits in früheren Untersuchungen mit Depressionen in Verbindung gebracht.
Die Analysen deuten darauf hin, dass Veränderungen im Mikrobiom zumindest einen Teil des Zusammenhangs zwischen Softdrink-Konsum und depressiven Symptomen erklären könnten. Allerdings war dieser Effekt nur bei Frauen zu beobachten; bei Männern zeigte sich weder ein Anstieg der Bakterien noch ein Zusammenhang mit Depressionen.
Ernährung als möglicher Ansatz für Prävention
Sollten sich diese Zusammenhänge in weiteren Studien bestätigen, hätte das auch praktische Konsequenzen. Ernährung ließe sich relativ einfach in Präventionsprogramme einbeziehen, etwa durch Aufklärungskampagnen oder Empfehlungen für Jugendliche und Familien.
Forscher sehen darüber hinaus auch therapeutische Perspektiven. Da sich das Mikrobiom durch Ernährung beeinflussen lässt, könnten künftig gezielte Ernährungsstrategien oder probiotische Ansätze Teil der Behandlung von Depressionen werden.
Noch sind viele Fragen offen. Klar ist aber schon jetzt: Die Forschung zur Verbindung zwischen Ernährung, Darm und psychischer Gesundheit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Und selbst wenn Softdrinks nicht alleinige Ursache psychischer Probleme sind – weniger Zucker im Alltag dürfte für Körper und Geist gleichermaßen von Vorteil sein.
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