• Wie entstand die Tschechoslowakei?
  • Wie war die weitere Entwicklung?
  • Was führte zur Zerschlagung 1938?

Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag die Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken ausgerufen. Die Tschechoslowakei entstand. Doch schon bald wurde sie von Hitler zuerst zerschlagen, dann komplett in das Deutsche Reich einverleibt. 1945 dann kam das Land unter kommunistische Herrschaft, bis die UDSSR sich auflöste. Am 1. Januar 1993 teilte sich das Land wieder. Doch zunächst - wie kam es zu der Gründung und später zur Teilung? 

Ein neues Land entsteht

1918 - der Erste Weltkrieg war zu Ende. Viele Millionen Tote waren zu beklagen und die Grenzen der Länder verschoben sich. Gehörten Tschechien und die Slowakei bis dato zum Königreich Österreich-Ungarn, so änderte sich das jetzt. Bereits kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges begannen die Tschechen, für die Schaffung eines eigenen, unabhängigen Staates zu kämpfen.

Die Slowaken schlossen sich an und so wurde 1915 in Cleveland ein Abkommen unterzeichnet, in dem die Bildung eines zukünftigen tschecho-slowakischen, föderativen Staates als gemeinsames Ziel deklariert wurde. Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag die Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken ausgerufen. Nur wussten die Slowaken das noch nicht, erst einige Tage später erfuhren sie von der Gründung. Für die Tschechen endete damit die knapp 400-jährige Zugehörigkeit zum Habsburgerreich.

Ungarn jedoch, zu dem die Slowakei bis dato gehörte und das nach dem Krieg von Österreich (ehemals Österreich-Ungarn) gelöst war, wollte sich nicht nach über 1000 Jahren von den slowakischen Untertanen trennen. Erst 8 Monate später und nach blutigen Kämpfen wurde in der Friedenskonferenz in Paris zugunsten Prags entschieden. Ein neues Land war geboren.

Aus mehreren Völkern

Allerdings war das erst der Anfang der Probleme. Für die Tschechen war die Bildung eines eigenen Staates der Endpunkt eines langen Prozesses, die Slowaken jedoch standen erst am Beginn. Es gab weder Mittel- noch Hochschulen oder einen Beamtenapparat. Die Tschechen kamen mit dem notwendigen Know-how in die Slowakei, um dort beim Aufbau zu helfen, was jedoch von vielen Slowaken als ein Zeichen der tschechischen Vorherrschaft und Überlegenheit gesehen wurde.

Dazu kam, ähnlich wie im neu gegründeten Jugoslawien, der Völkermix. Anfang der 20er Jahre lebten in der Tschechoslowakei knapp 14 Millionen Einwohner*innen, davon sieben Millionen Tschech*innen, zwei Millionen Slowak*innen – und über drei Millionen Deutsche. Die deutschsprachigen Teile Böhmens und Mährens bildeten einen Kranz um das tschechische Kernland. Als am 14. November 1914 die provisorische tschechische Nationalversammlung das erste Mal zusammentrat, fehlten bereits die deutschen Abgeordneten. Diese hatten am 29. Oktober den Anschluss der böhmischen Länder an Deutschösterreich proklamiert und waren ins Exil nach Wien gegangen. Eine Ausrufung einer Provinz Deutsch-Böhmen wurde von den Tschechen nicht akzeptiert. Dies führte zu Aufständen von Separatisten in den deutschsprachigen Gebieten, die jedoch mit Waffengewalt unterdrückt wurden. Weitere Streitigkeiten in den Gebieten um Teschen mit den Polen führte dazu, dass diese letztlich aufgeteilt wurden.

Hier zeigte sich bereits die innere Unstimmigkeit. Im Falle der böhmischen Länder pochte man in Prag auf die geschichtliche Tradition des böhmischen Staatsrechtes und die Unverletzbarkeit der historischen Grenzen, auch wenn diese im Widerspruch zu den ethnischen Verhältnissen standen. Im Fall der Slowakei jedoch, die auf keine staatsrechtliche Tradition zurückblicken konnte, argumentierte Prag mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht, das die Herauslösung der beanspruchten Gebiete aus dem historischen Königreich Ungarn rechtfertigen sollte. 

Der Weg zur ersten Auflösung

In den nächsten Jahren konsolidierte sich der Staat langsam. Am 4. Juni 1920 wurde der Friedensvertrag mit Ungarn abgeschlossen, im Juli 1920 alle Grenzstreitigkeiten mit Polen beigelegt. Doch im Inneren brodelte es weiter. Ende der 20er Jahre, während der Weltwirtschaftskrise, war der slowakische Teil stärker betroffen als der tschechische. Die Forderung nach Autonomie wurde immer lauter. Weitere Probleme betrafen Böhmen und Mähren. Die 3 Millionen Deutsche, die dort lebten, fühlten sich unterdrückt und ausgegrenzt. Mit dem Erstarken der NSDAP in Deutschland wuchs allerdings auch das Selbstbewusstsein der dort lebenden Deutschen. Mit dem Eintritt von zwei deutschen Ministern in die tschechische Staatsführung 1926 begann der deutsche politische Aktivismus. Ein von Deutschnationalen gegründeter "Verband Volkssport" nach dem Vorbild der SA wurde im Februar 1932 verboten, zahlreiche Funktionäre verhaftet. Am 4. Oktober 1933 lösten sich die DNSAP sowie die DNP kurz vor dem amtlichen Verbot auf, die Parteiführer Jung und Krebs flohen nach Deutschland. Am 1. Oktober 1933 wurde die "Sudetendeutsche Heimatfront" von Konrad Henlein gegründet, die 1935 in "Sudetendeutsche Partei (SdP)" umbenannt wurde und somit als Partei anerkannt wurde. Damit konnte sie an den Parlamentswahlen teilnehmen und erhielt die Mehrheit der sudetendeutschen Stimmen.

1938 sah sich die Tschechoslowakei plötzlich einer neuen Situation gegenüber. Mit dem "Anschluss" Österreichs grenzte fast das ganze Land an das Deutsche Reich. Für Hitlers Absichten der Expansion und der Vorherrschaft in Ostmitteleuropa war es von zentraler Bedeutung, die Tschechoslowakei unter deutsche Kontrolle zu bekommen. Da kamen ihm die Nationalitätenkonflikte, die sich dort aus der "Benachteiligung" der Sudetendeutschen ergaben, gerade recht. Im März 1938 traf er sich mit dem Führer der SdP Konrad Heinlein und gab ihm Anweisungen, der tschechoslowakischen Regierung stets Forderungen vorzulegen, welche diese unmöglich erfüllen konnten. So wurde auf direkte Weisung das Karlsbader Programm verabschiedet, in dem weitgehende Autonomierechte gefordert wurden, welche faktisch das Ende des tschechischen Staates bedeutet hätten. Da sich, wunschgemäß, die Krise weiter zuspitzte, nahm Hitler dies zum Anlass, die Abtretung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich zu fordern. Die Tschechoslowakei erwartete fälschlicherweise einen deutschen Großangriff und machte am 20. Mai 1938 mobil und nur durch das energische Auftreten Großbritanniens und Frankreichs wurde ein Krieg abgewendet. Doch Hitler ließ die Wehrmacht für den 1. Oktober in Bereitschaft setzen und einen enormen Propagandafeldzug starten. Mit dem Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht sollte sein Vorhaben legalisiert werden, gleichzeitig behauptete er, dies wäre die letzte deutsche territoriale Forderung. 

Großbritannien hoffte, durch Zugeständnisse den Frieden in Europa erhalten zu können. Dafür war es bereit, mit Hitler über Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa zu verhandeln. Anfang September drohte Hitler öffentlich einen Einmarsch in die Tschechoslowakei an. Der britische Premier Chamberlain reiste daraufhin als Vermittler an den Obersalzberg, wo er am 15. September eintraf. Am 22. September akzeptierte er Hitlers Forderung nach Abtretung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich. Als Hitler sofort den Einmarsch der Wehrmacht und eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit in einem nicht genau umrissenen Territorium verlangte und dies mit dem 28. September 1938 verknüpfte, schien ein Krieg nicht mehr vermeidbar zu sein. So bat die britische Regierung den italienischen Diktator Benito Mussolini um Vermittlung. Dieser traf sich am 29. September mit Hitler, Chamberlain und dem französischen Premierminister Daladier in München. Weder die Tschechoslowakei noch deren Bündnispartner Sowjetunion waren eingeladen. Im Münchner Abkommen wurde die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich festgelegt, ohne dass feste Grenzen bestimmt wurden. Im Gegenzug garantierten Großbritannien und Frankreich den Bestand des tschechoslowakischen Reststaates. Die Tschechoslowakei war nur als Gegenstand behandelt worden und musste sich fügen.

Das vorläufige Ende

Ein Krieg war, vorläufig, verhindert worden. Der britische Premier Chamberlain war der festen Überzeugung, damit den Frieden dauerhaft gesichert zu haben. Im Deutschen Reich war man froh, dass es zu keinem Krieg kam. Die deutsche Presse schrieb diese Verhinderung dem Führer zu, der dadurch einen wahren Popularitätsschub erhielt. Chamberlain erzählte im kleinen Kreis, dass Hitler ein Mann wäre, dem man trauen könne. Doch dieser war über das Ergebnis der Konferenz keineswegs so erfreut, wie es den Anschein hatte. Statt sich die gesamte Tschechoslowakei einverleiben zu können, musste er sich mit dem Sudetenland zufriedengeben. Und so ließ er bereits im Oktober 1938 den Befehl geben, eine Invasion vorzubereiten. Erneut lief die Propagandamaschinerie des dritten Reiches auf Hochtouren. Man beschwor die angeblich 1000-jährige Geschichte der Deutschen in Böhmen und Mähren und verbreitet Gräuelnachrichten. Deutsche würden in Tschechien drangsaliert, verfolgt und getötet. Der Druck auf das Land nahm zu, eine Invasion und ein Krieg lagen in der Luft. In dieser Situation reiste am 14. März 1939 Emil Hácha, der Präsident der Tschechoslowakei, nach Berlin. Er war zu dieser Zeit ein älterer, kranker Mann, der Hitler nichts entgegenzusetzen hatte. Begleitet wurde er von seinem Außenminister.

Als sie um kurz vor Mitternacht in Berlin ankamen, ließ Hitler sie zwei Stunden warten. Um halb zwei am Morgen empfing er seine Gäste, denen er im Grunde genommen keine Wahl ließ. Für alle sei es das Beste, wenn das Deutsche Reich in den verbliebenen tschechischen Gebieten die Macht übernähme. Es würden, so Hitler, um sechs Uhr am Morgen deutsche Truppen die Grenze überschreiten. Bei Widerstand würde dies unweigerlich zu einem massiven Blutvergießen führen. Als Göring dann ergänzte, die Luftwaffe würde auch Prag bombardieren, erlitt Hácha einen Schwächeanfall. Der Leibarzt Hitlers spritzte ihn wieder fit, sodass er telefonisch die Anordnung geben konnte, die Wehrmacht ohne Gegenwehr eindringen zu lassen. Um vier Uhr unterschrieb er seine Abdankungsurkunde, in welcher er "sein Amt vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches" legte.

Unter dem Vorwand, die Deutschen in Tschechien zu schützen, ließ Hitler die Wehrmacht einmarschieren. Um neun Uhr am Morgen des 15. März erreichten sie Prag. Hitler hatte eines seiner Ziele erreicht. Bereits wenig später folgte der Sicherheitsdienst und verhaftete Sozialdemokraten, Juden und Emigranten. Der Terror hatte begonnen. Doch was Hitler nicht bedacht hatte: Waren die Deutschen schon vorher nicht besonders beliebt gewesen, so schlug dies nun in Hass um. Und das würde auch Auswirkungen während des gesamten folgenden Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach haben. 

Lies weiter im zweiten Teil.