D Vor 40 Jahren hat Wolfgang Niedecken seine Band BAP gegründet. Jetzt ist er auf Jubiläumstour. Im Gepäck: jede Menge Lust auf Live-Stimmung, Musik zum Abtanzen und Texte, die nachdenklich machen.

Hat Sie der Literaturnobelpreis für Bob Dylan überrascht?
Es hat mich vor allem sehr gefreut. Das war überfällig. Ein schöner Nebeneffekt ist natürlich, dass endlich auch einmal die Gossenpoesie gewürdigt wird.

Ist Dylan der größte Songwriter aller Zeiten?
Ich sehe keinen, der ihm das Wasser reichen könnte.

Warum ist das so?
Weil er über all die Zeit hinweg wirkungsmächtig war.

Das heißt?
Die Beatles hätten ohne Dylan ihr Leben lang nur Boy-meets-Girl-Texte gesungen.
Die Stones sind durch ihn ebenfalls reifer geworden. Er hat Musiker über Jahrzehnte inspiriert.

Ist das auch ein Wunsch für Ihre eigenen Lieder und Texte? Wirkungsmächtig zu sein?
So etwas kann man nicht anstreben. Als Songwriter darf ich keine Auftragskunst erledigen, sonst nähere ich mich dem Beruf des Dekorateurs an. Aber natürlich freue ich mich, wenn Lieder von mir in den Dienst einer guten Sache gestellt werden können.

Welches Lied fällt Ihnen da am ehesten ein?
Arsch huh, Zäng ussenander (Arsch hoch, Zähne auseinander). Das ist wohl mein wirkungsmächtigstes Lied. Ein Lied, um sich gegen die braune Flut zu stemmen. Man kann vielleicht dazu beitragen, dass die Menschen nicht verhärten, empathiefähig bleiben.

Wie entsteht so ein Lied?
Es wollte raus aus mir. Die Situation habe ich selber erlebt. Beim Brötchen holen ist ein rassistischer Spruch gefallen und keiner hat was gesagt. Ich auch nicht.

Sie haben sich von Anfang an als Songwriter politisch geäußert, klar gegen Rechts Position bezogen. Haben wir im deutschsprachigen Raum im Moment zu wenige politische Lieder?
Ab wann ist ein Lied politisch? Ich sehe da einen fließenden Übergang. Selbst ein Liebeslied kann politisch sein. Wenn es um einen fairen oder unfairen Umgang miteinander geht. Um soziale Beziehungen.

Was muss ein politischer Text mitbringen?
Politische Lieder sind dann erträglich, wenn sie nicht zu Handlungsanweisungen führen. Ich darf kein Parteiprogramm oder eine Resolution vertonen. Das wäre respektlos gegenüber den Zuhörern.

Wieso?
Weil ich dann für mich beanspruchen würde, die Wahrheit zu kennen. So nach dem Motto: Liebe Zuhörer: Ich weiß, wo es langgeht. Mir nach.

Was ist besser?
Sich in Menschen hineinversetzen, ihre Stimmungen beschreiben. Und dabei keinen Kitsch produzieren. Bruce Springsteen ist das wunderbar gelungen mit seinem Song "You're missing." Entstanden kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center.

Können Sie auf der Bühne dann überhaupt direkt Stellung nehmen, beispielsweise zur Flüchtlingspolitik?
Gott sei Dank kann ich das. Durch Ansagen bei Konzerten, durch Lieder wie "Absurdistan". Aber im Radio wird so was nicht gespielt.

Warum?
Da werden nur 3,45-Minuten-Songs gespielt in der Hoffnung, dass Lieschen Müller beim Bügeln nicht den Sender wechselt. Wir haben Glück. Wir sind vor allem eine Live-Band und auf der Bühne unaustauschbar.

Wer bekommt Ihre Texte als erstes zu sehen?
Wenn ich glaube, dass der Schaffensprozess vollendet ist, dann zeige ich sie in der Regel zuerst meiner Frau, meinen Töchtern, dann der Band.

Ändert sich danach noch viel?
Ich ändere meine Texte oft bis zur allerletzten Möglichkeit im Studio. So lange, bis mir meine Nackenhaare signalisieren: Jetzt passt es.

Und die Lieder der Anfangszeit? Würden Sie die heute ganz anders schreiben?
Natürlich schaue ich jetzt, mit 65 Jahren, anders drauf. Das ist ja auch gut so, sonst hätte ich keine Entwicklung durchgemacht.

Ändern Sie diese Texte dann nachträglich?
Ich muss immer überlegen: Die Leute sind daran gewöhnt, verbinden Teile ihrer Biografie damit. Allzu oft kann ich Strophen nicht verändern.

Haben sich Ihre Themen im Lauf der Jahrzehnte verändert?
Ich kann gar nicht anders, als in mich hineinzuhorchen. Manchmal denke ich so lange über ein Thema nach, dass mir irgendwann klar wird: Hoppla, das scheint ein Song zu werden.

Gibt es Tabu-Themen?
Nein, ich kann über alles singen. Das ganze Leben liefert schließlich Material. Die Frage ist ja eher, ob sich Themen eignen. Aber bei mir ist es so: Wenn etwas raus will, dann muss es schon aus therapeutischen Gründen raus.

Die eigene Musik als Therapie?
Manchmal ist das so. Ich kenne mich nun schon seit 65 Jahren. Ich weiß, wie ich mit mir und mit möglichen Konflikten umgehen muss.

Hilft etwas außer der Musik?
Ich bin leidenschaftlicher Briefeschreiber. Wenn es Konflikte gibt, dann schreibe ich oft ellenlange Briefe. Es geht mir besser, wenn ich meine Position und meine Gefühle schriftlich formuliert habe. Für direkte Gespräche bin ich manchmal zu impulsiv. Letztendlich verhält es sich auch so mit meinen Songtexten. Wenn der Text formuliert ist, wird einiges klarer.

Gibt es Texte, die impulsiv entstehen?
Es gibt Stücke, die ganz schnell entstehen. Mein Paradebeispiel ist "Wellenreiter". Der Song ist bei einem Spaziergang mit meinem Hund entstanden, alle vier Strophen auf einmal.

Was erwartet die Fans bei der Jubiläumstour?
Unter anderem sechs Stücke von unserem neuen Album. Das ist schon gewagt.

Wieso?
Weil das immer ein Risiko ist. Wir wissen nie, wie die neuen Lieder live ankommen. Aber wir können ja nicht immer nur die Gassenhauer spielen. Wir müssen uns immer wieder erneuern, weil wir sonst irgendwann im Bierzelt landen.



INFO: BAP spielt am Sonntag, 20. November, ab 19 Uhr in der Posthalle in Würzburg ihr einziges Konzert in Franken. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen oder im Internet.