Auf die Gleise gestoßen zu werden, ist wohl für manch einen U-Bahn-Fahrgast die Schreckensvorstellung schlechthin. Genau dieses Horror-Szenario ist einem 29-Jährigen am frühen Sonntagmorgen in Nürnberg zugestoßen. Kurz bevor die U-Bahn den Hauptbahnhof erreicht, wird der 29-Jährige von einem 22-jährigen Mann aus Fürth mit Gewalt rücklings ins Gleisbett befördert. Wie durch ein Wunder kommt der 29-Jährige dabei nicht ums Leben - erlitt sogar nur leichte Verletzungen. Der 22-Jährige wird kurze Zeit später festgenommen. Gegen den Mann wurde bereits Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen, wie die Polizei am Montag mitteilte.
 
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"Unbeschreibliches Glück" habe der Mann beim Sturz auf die Gleise der Linie U1 gehabt, sagt die Polizei. Obwohl er von dem U-Bahnzug überrollt worden sei, habe er nur leichte Verletzungen am Knie davon getragen. Als die U-Bahn zum Stehen kam, kletterte der 29-Jährige um kurz vor sechs Uhr am Sonntagmorgen zwischen den Waggons aus dem Schienenbereich zurück auf den Bahnsteig. Der Fahrer der U-Bahn, die von Langwasser auf dem Weg in die Innenstadt war, erlitt einen Schock.

Wie konnte es überhaupt zu dem Unfall kommen?
"Der Mann hat wahnsinniges Glück gehabt", betont auch Elisabeth Seitzinger, die Pressesprecherin der Nürnberger Verkehrsbetriebe. Der 29-Jährige müsse beim Sturz genau zwischen den Schienen zum Liegen gekommen sein und sich anschließend mit seinem Körper ganz flach gemacht haben, so dass der Zug über ihn hinweg rollen konnte, ohne den Mann dabei zu verletzen, vermutet Seitzinger. Die Polizei kann zu den näheren Umständen der Tat derzeit noch keine Angaben machen. Bekannt ist allerdings, dass sich Täter und Opfer gekannt haben sollen. Warum die beiden Männer im U-Bahnhof in Streit gerieten, ist bislang noch unbekannt.

Die Auswertung der Überwachungskameras hat offensichtlich ergeben, dass das Opfer kurz vor der Tat mit dem Rücken zu den Gleisen stand. Kur vor Einfahrt der U-Bahn schubste der 22-Jährige sein sieben Jahre älteres Opfer dann auf die Gleise. Erst nach kurzer Flucht konnte der Tatverdächtige unweit des Hauptbahnhofes festgenommen werden. Der Ermittlungsrichter hat am Montagnachmittag gegen den 22-Jährigen Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen. "Wenn der Tatverdächtige das Opfer wirklich unmittelbar vor Einfahrt des U-Bahnzuges auf die Gleise geschubst hat, muss man von einer beabsichtigen Tötung ausgehen", sagt Anita Traud, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth.

Wie gefährlich ein Sturz auf das Gleisbett in den U-Bahnhöfen ist, weiß auch Elisabeth Seitzinger von den Verkehrsbetrieben. "Pro Jahr gibt es eine Handvoll derartiger Zwischenfälle", sagt Seitzinger. Nicht immer gehen die Stürze glimpflich aus. Zahlen machen die Verkehrsbetriebe zum Schutz vor möglichen Nachahmern öffentlich nicht bekannt. Seitzinger appelliert an die Fahrgäste, sich im U-Bahnbereich an die Verhaltensregeln zu halten und beispielsweise auf dem Bahnsteig nicht mit dem Rücken zum Zug zu stehen.

Sicherheitshohlraum unter dem Bahnsteig
Der Vorfall vom Sonntag ereignete sich in einem konventionellen Zug mit Fahrer. Bei diesen Zügen muss ein "Not-Halt" von anderen Fahrgästen auf dem Bahnsteig per Hand aktiviert werden. In fahrerlosen U-Bahnen, die in Nürnberg beispielsweise in Richtung Flughafen verkehren, werden die Züge hingegen automatisch gestoppt, sobald ein Mensch auf die Gleise gerät. Wer aus welchen Gründen auch immer trotzdem ins Gleisbett fällt, kann sich zur Not in einem Sicherheitshohlraum unter dem Bahnsteig verkriechen. Abstand sollte man zur Tunnelwand halten. Hier verläuft ein lebensgefährliches Starkstromkabel.

Am besten sei, mit ausreichend Abstand von der Bahnsteigkante auf die U-Bahn zu warten. "Kinder sollten stets an der Hand gehalten werden", rät Elisabeth Seitzinger besorgten Eltern zur Vorsicht. Bei den Verkehrsbetrieben sei man froh, dass der Vorfall vom Sonntag glimpflich ausgegangen sei. Nun hoffe man, dass es auch dem Fahrer der U-Bahn bald wieder besser gehen wird. Vor drei Jahren, erzählt Seitzinger, sei ein älterer Herr mit Kreislaufproblemen auf die U-Bahngleise gefallen. Damals sei der Zug zum Glück in die andere Richtung gefahren.

Kripo sucht noch Zeugen des Unfalls
Zu dem Unfall vom Sonntag sucht die Kriminalpolizei noch nach Zeugen, die den Vorfall beobachtet haben. Ebenso werden Fahrgäste des betroffenen U-Bahnzuges, die sich möglicherweise bei der Notbremsung verletzt haben, gebeten, sich beim Kriminaldauerdienst Mittelfranken unter der Rufnummer 0911/2112-3333 zu melden.