Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg spielt der Oberbürgermeister die Hauptrolle. Keiner weiß das besser, als das amtierende Stadtoberhaupt. Vor fast 14 Jahren wurde Ulrich Maly (SPD) zum ersten Mal zum Oberbürgermeister der Frankenmetropole gewählt. Aber wohl selten haben die Nürnberger ihren Bürgermeister seitdem so nachdenklich bei einem Neujahrsempfang erlebt.

Die Rede beginnt Maly mit einer Schweigeminute, die der Opfer der Terroranschläge von Istanbul gewidmet ist. Danach liefert Maly das Stichwort, das den politischen Raum mit ungewohnter Härte seit dem Jahreswechsel beherrscht: Silvester.

Verfrüht wäre es, so Maly, aus der Silvesternacht zu schließen, dass die Integration gescheitert sei. Trotzdem müsse über Zuwanderung neu geredet werden. Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln - und leider auch in Nürnberg - wie Maly mit trauriger Miene konstatiert.
Klar sei, dass Gesetzesverstöße nach Strafe verlangen. Schärfere Gesetze fordert Maly aber nicht. Die Gesetze müssten nur konsequent angewandt werden.

Heftig empfindet auch Maly die aktuelle Debatte. Meinungsstreit sei freilich keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil einer lebendigen Demokratie, wird Bundespräsident Joachim Gauck zitiert. Polarisierungen müssten trotz der Heftigkeit der Debatte vermieden werden, findet Maly. Schon um das Geschäft des Rechtsradikalen nicht zu besorgen.

Auch in Nürnberg sei die Flüchtlingsfrage kein einfaches Thema. "Auch wir sehnten und sehnen uns nach einer Reduzierung der Zugangszahlen", gibt Maly in ungewohnter Sympathie zur CSU-geführten Landesregierung offen zu.

Natürlich sei manche Diskussion, die man jetzt erlebe, lange fällig gewesen. Allen habe klar sein müssen, dass die Außengrenzen der Europäischen Union irgendwann einreißen. Deutschland sei zum Sehnsuchtsland geworden. Diese Sehnsucht könne man den Menschen nicht durch geschlossene Grenzen nehmen.

Maly will sich freilich auf die "langfristigen Integrationsaufgaben" konzentrieren. Flüchtlinge mit Bleibeperspektive will Maly integrieren. Dabei wolle er darauf achten, dass "Schulklassen nicht zu groß" und "Kita-Plätze keine Mangelware" werden. Sein Augenmerk wolle er darauf legen, dass kein Streit um bezahlbaren Wohnraum in der Stadt entsteht. Als Kompass dient Maly die "innere Haltung". Der wolle er viel lieber als Stimmungen folgen. "Stimmungen können kippen, Haltungen können stabilisieren", sagte Maly.

Maly erinnerte an die Einwanderung nach Deutschland durch die "Gastarbeiter" nach dem Krieg. "Die Gastarbeiter aus Italien sind heute längst unsere Freunde und Nachbarn geworden", rief Maly den rund 1500 versammelten Gästen im Nürnberger Messe-Zentrum zu. "Wir können Integration", machte Maly den Menschen Mut. Von den Errungenschaften des Grundgesetzes wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau wolle er "keinen Millimeter" abrücken. Selbst auf selbstkritische Töne hat Maly nicht verzichtet. "Viel zu viel haben wir - auch ich - über Geld gesprochen."

Dabei seien moralischen Ressourcen einer Gesellschaft viel wichtiger. "Viele sind heute hier, die über Gelingen oder Scheitern der Integration mitentscheiden", sagte Maly und ermunterte die rund 1500 Gäste, ihre optimistische Haltung auch an Stammtischen zu vertreten. Apropos: Optimistisch geht Maly traditionell ins neue Jahr. Auch bei diesem Neujahrsempfang hat sich das Stadtoberhaupt seine letzten Worte für den frommen Wunsch aufgehoben, die Bürger mögen voller Optimismus die Aufgaben des neuen Jahres anpacken.

Nach dem Applaus steigt Maly von der Bühne. Während die Gäste das Buffet stürmen, stellt sich der Oberbürgermeister vor die Bühne und schüttelt unzählige Hände. Als die letzte Hand geschüttelt ist, sind die meisten Gäste schon beim Dessert. Das Buffet haben übrigens Sponsoren der Stadt spendiert. Und beim Thema Geld legt sich auch auf Malys Optimismus ein kleiner Schatten. Schließlich plant die Stadt in den nächsten zehn Jahren zahlreiche Investitionen, die "uns finanzierungsseitig einiges abverlangen" werden. Wie diese Zukunftsträume trotz Flüchtlingskrise zu stemmen sind, dazu hat Maly beim Neujahrsempfang (noch) nichts gesagt. Nur so viel: "Lassen Sie uns auf den Weg machen, optimistisch wie immer."