Diese 90-Jährige hat wahrlich Chuzpe. Erst füllt die Dame ein Kreuzworträtsel auf einem Kunstwerk im Neuen Museum in Nürnberg aus. Nun dreht die gescholtene Zahnärztin den Spieß einfach um und reklamiert die Urheberschaft des neuen Werkes für sich. Über ihren Anwalt Heinz-Harro Salloch lässt die Kunstfreundin wissen, dass sie durch das selbstständige Ausfüllen des Rätsels ein eigenes Urheberrecht an dem Bildnis des 1977 verstorbenen Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke erworben habe.


Im Neuen Museum schüttelt man den Kopf

Wörtlich teilt der Advokat aus der Frankenmetropole in dem siebenseitigen Schreiben mit, dass Hannelore K. "dem Willen des ursprünglichen Schöpfers folgend auf dem gleichen künstlerischen Niveau des Herr Köpcke weiter geschöpft" habe. Motto: Ehre, wem Ehre gebührt.
Von einem Schaden - das Entfernen der Buchstaben hatte mehrere hundert Euro gekostet - könne demnach keine Rede sein. Schließlich sei das Werk durch die beherzte Aktion der 90-Jährigen erst in die Schlagzeilen geraten. Umgekehrt werde vielmehr ein Schuh daraus. Der Wert der Collage sei durch die "belebende Weiterverarbeitung" der Hannelore K. vermutlich sogar noch gestiegen. Aus diesem Winkel betrachtet sei das Urheberrecht der 90-Jährigen durch die Restaurierung des Werkes zerstört worden, argumentiert der Anwalt in dem Schreiben.

Im Neuen Museum kann man über den neuen Dreh in der Causa Kreuzworträtsel nur den Kopf schütteln. "Das kann ich nicht ernstnehmen. Die Aussage ist komplett haltlos", so Eva Kraus. Die Museumsdirektorin vermutet, dass mit juristischen Winkelzügen die Sachlage verdreht werden solle. Allzu gerne hätte man den Fall längst zu den Akten gelegt, gibt die Museumschefin zu. Stattdessen müsse man sich nun wundern, warum die 90-Jährige über ihren Anwalt derartig große Geschütze auffährt.


Als Einzige das Kunstwerk richtig verstanden?

Dem Neuen Museum für moderne Kunst wird sogar die Sachkenntnis in Bausch und Bogen abgesprochen. Insbesondere die Stilrichtung der Fluxus-Bewegung habe das Haus offenbar nicht hundertprozentig verstanden, vermutet der Anwalt der Seniorin. Allein Hannelore K. habe das Werk von Köpcke als Einzige richtig begriffen, indem sie die Aufforderung "Insert Words" neben dem Kreuzworträtsel wörtlich genommen habe. Im Gespräch mit unserer Zeitung muss der Anwalt freilich selber lachen. Unumwunden gibt Salloch zu, dass es ihm großen Spaß bereitet habe, das Schreiben zu verfassen.

Er setzt darauf, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt. Er versichert, dass seine Mandantin - eine Frohnatur - die Sache nach wie vor mit Humor nehme und keinen Rachefeldzug gegen das Museum im Sinn habe. Er plädiert für ein fröhliches Ende der Story. "Das Museum ist bekannt geworden. Das Bild ist bekannt geworden. Die ganze Welt hat über die Geschichte gelacht. Legen wir den Fall also zu den Akten." Er sei hoffnungsfroh, dass die Staatsanwaltschaft zu der Erkenntnis gelange, dass die Rechtsordnung durch die charmante Aktion der 90-Jährigen nicht in ihren Grundwerten erschüttert worden sei. Eine Rechnung für die Restaurierung habe die Dame noch nicht erhalten.