Wie bei "Warten auf Godot" stehen die Leute am Dienstagmorgen auf dem Flur vor dem großen Gerichtssaal. "Können wir gehen", schlägt der eine vor und der andere Reporter antwortet leise: "Wir können nicht. Wir müssen warten." Die Person, auf die sie hier warten, könnte schließlich doch erscheinen.

Nicht Godot; die Gsell. Und im Vergleich zu diesem Godot aus dem bekanntermaßen handlungsarmen Stück von Samuel Beckett wird die Witwe des Schönheitschirurgen, der im Januar 2003 von Räubern brutal überfallen wurde und an den Folgen kurze Zeit später gestorben ist, wohl auch erscheinen. Wenn nicht am Dienstag, dann zumindest am Mittwoch. Den genauen Zeitpunkt wollte das Gericht nicht bekannt geben. Bei den großen Zeitspannen im Fall Gsell spielen Tage und Stunden wirklich keine Rolle mehr.

Aufgeregt sind jetzt trotzdem alle an diesem Dienstag. Weil kommen könnte sie ja doch, also die Gsell. Außerdem geschah an einem der letzten Prozesstage zu Beginn diesen Monats etwas Spektakuläres. Ein vor zehn Jahren verurteilter Autoschieber hatte sein damaliges Geständnis und die Verwicklung in den dubiosen Fall als Hirngespinst plötzlich zurückgezogen. Er hatte nicht versucht, sagte er nun, den teuren Schlitten zu stibitzen und ins Ausland zu verschachern.

Er hatte sich zwar auf eine Anzeige hin telefonisch bei der Frau gemeldet, die in den Boulevard-Blättern gerne als "Witwe des Busendoktors" tituliert wird. Aber die "Trash-Lady" und "Sex-Botschafterin", wie andere Gazetten die Gsell gelegentlich nennen, habe kein Interesse gezeigt, seinem Vorschlag zu folgen und den Mercedes SL 500 noch etwas lukrativer an den Mann zu bringen, sagte er nun. Sie hätte ihn wohl noch gefragt, berichteten Zeitungen danach, ob er auf die iberische Halbinseln kommen wolle, aber auf Sonne unter Palmen hatte der Autoschieber keinen Bock. Statt ein Ding zu drehen, hockte er zum Zeitpunkt des Überfalls lieber beim Stammtisch.

Die Tatbeteiligung habe er vorgespielt, weil er schwedische Gardinen nicht leiden und lieber einen Deal mit der Staatsanwaltschaft eintüten wollte. Denn unter Amnesie leidet der Autoschieber nicht. Autos habe er schon verschoben, nur eben nicht wie vor zehn Jahren behauptet, den teuren Schlitten der Gsells.

Das bestätigt auch ein Autoschieber-Kumpel am Dienstag im Zeugenstand. Autos habe man schon verschoben. Nicht zu wenige. Aber die Vorgehensweise war immer nur: raus aus der Garage und rüber über die Grenze. Eingebrochen sei man deswegen nie. Die Besitzer der Wagen wussten ja immer, dass ihre Karossen bald eine schöne Reise machen. Nach Belgrad oder noch weiter. Das war ja die Masche.

Viele Erinnerungslücken

Nun sollte der Zeuge erzählen, ob und wenn ja welchen Plan man für den teuren Schlitten der Gsells vorgesehen hatte. An viel erinnern konnte sich der Zeuge nicht. "Malaga oder Marbella?", fragte der Richter. "Was weiß ich!", antwortete der Zeuge und die beiden Dolmetscherinnen übersetzten die vielen Erinnerungslücken für die beiden Angeklagten, die so gar nicht an die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir aus dem Beckett-Stück erinnern wollen, obwohl sie doch die Hauptfiguren in diesem Justiz-Drama sind.

Das Lehrstück über die schwierige Wahrheitssuche wollten an diesem Prozesstag übrigens nur wenige Zuschauer verfolgen. Die Auslastung, eine einzige Katastrophe. Nur ganze drei Beobachter im großen Gerichtssaal 600. Das dürfte sich heute ändern, wenn der Auftritt der Zeugin Gsell erwartet wird. Man darf gespannt sein, an was sie sich noch erinnern kann. Nach all den Witwenjahren.