Angelina Whalley war von Anfang bei Körperwelten dabei. Aber sie versteckte sich immer ein bisschen hinter ihrem Mann. Nachdem der berühmte deutsche Anatom, Gunther von Hagens, an Parkinson schwer erkrankt ist, ist die 1960 in Hannover geborene Ärztin das Gesicht der Körperwelten-Ausstellungen. Wir haben im Vorfeld der ersten Körperwelten-Ausstellung in Nürnberg mit Frau Dr. Whalley über ihren Mann, die Anfangsjahre und die Zukunft gesprochen. Die Schau trägt den Titel "Körperwelten - eine Herzenssache" und wird am 24. Oktober im ehemaligen Quelle-Versandhaus in Nürnberg eröffnet und dauert bis zum 11. Februar 2015.

Müssen wir alle mehr auf unser Herzen hören, um gesund zu bleiben?

Dr. Angelina Whalley: Ja, das Herz hält den Kreislauf im ganzen Körper in Gang. Wenn das Herz erkrankt, werden zum Beispiel unsere Augen schlechter. Oder wir werden weniger leistungsfähig, wenn das Herz selbst betroffen ist. Wenn das Gehirn nicht ausreichend mit Blut versorgt wird, kann es zu einem Schlaganfall kommen. Deshalb ist es so wichtig, das Herz besser zu verstehen.

Was fasziniert Sie an diesem zentralen Organ unseres Körpers am meisten?

Das Herz ist anatomisch ein sehr spannendes Organ. Die Entwicklung des Herzen im Fötus ist faszinierend, weil die Lunge noch nicht selbst atmen kann. Das Herz ist auch wunderschön anzuschauen. Es ist ein äußerst komplexes, wunderbares Organ.Wenn man zehn Herzen miteinander vergleicht, ist keines wie das andere.

Haben Sie schon einmal ein "gebrochenes Herz" gesehen?

Das sieht man einem Organ nicht an. Früher hat man das geglaubt, dass ein Herz tatsächlich brechen kann. Mittlerweile weiß man aber, dass man an einem sprichwörtlich gebrochenen Herzen sogar sterben kann. Selbst wenn das Herz völlig gesund ist, kann es unter starker emotionaler Belastung zu einem klinischen Herzinfarkt kommen.

Hat sich ihr Mann die Kritik an den Körperwelten-Ausstellungen sehr zu Herzen genommen?

Die Kritik ist sicher nicht ganz spurlos an ihm vorbeigegangen. Aber er ist schon von seiner Persönlichkeit her ein sehr streitbarer Mensch. Er wollte es immer allen beweisen. Dass es doch geht. Das liegt auch daran, wie er groß geworden ist. Er litt unter der Bluterkrankheit und war damals in DDR oft in Krankenhäusern. Er war sehr viel auf sich selbst gestellt. Daher kommt wohl seine Kraft, aus sich selbst zu schöpfen. Deswegen ist er nicht so abhängig von Werturteilen von anderen. Mit der sehr heftigen Kritik gerade zur Anfangszeit der Ausstellung ist er sehr konstruktiv umgegangen. Ich hätte sicher damals diese heftige Kritik nicht durchstehen können und wäre wohl eingeknickt.

Sie arbeiteten damals gemeinsam mit ihrem späteren Mann am Anatomischen Institut der Universität Heidelberg. Wie kamen sie auf die Idee, Präparate von menschlichen Körpern öffentlich auszustellen?

In der Anfangszeit war nicht daran zu denken, in die Öffentlichkeit zu gehen. Mein Mann hat Ende der 70er Jahre das Verfahren der Plastination erfunden. Wir führten ein Anatomendasein und hatten die Öffentlichkeit nicht im Sinn. Dann haben wir unsere neuartigen Präparate auf Kongressen gezeigt und ein großes Interesse beim Laienpublikum gespürt. Die erste Ausstellung 1988 in Pforzheim, bei der wir noch keine ganzen Körper gezeigt haben, war dann ein irrer Besuchererfolg. Daraufhin hagelte es Kritik. Wir würden menschliche Präparate zu Markte tragen und so. Wir mussten die Idee wieder ad acta legen. Den Durchbruch schafften wir dann 1995 in Tokio bei einer Ausstellung mit Ganzkörperplastinaten zum 100. Jahrestag der Anatomischen Gesellschaft Japan. 450.000 Besucher kamen und staunten und es gab sehr bewegende Momente.

Wenn Sie mal diese Reaktionen der ersten Besucher schildern könnten?


Erstaunen und Ehrfurcht: als ob alle Masken von den Gesichtern fallen. Es waren wirklich sehr bewegende Momente. Ich erzähle Ihnen ein Schlüsselerlebnis. Eine junge Frau fing plötzlich an zu weinen und erzählte, dass sie in Anbetracht der Schönheit der Körper auf einmal etwas ganz wunderbares in sich verspüre. Wenn ich das erzähle, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Ursprünglich waren unsere Präparate ja nur für den anatomischen Unterricht gedacht. Sie sollten deshalb extra nicht in Szene gesetzt werden. Das war gleichzeitig ein Kritikpunkt der Besucher in Japan. Dass die Körper so tot aussehen. Wir überlegten und erinnerten uns an die Anatomen aus der Renaissance, die gerne Körper in natürlichen Bewegung zeichneten. Wir dachten, wenn wir Laien ansprechen wollen, darf die Ausstellung kein Horrorkabinett sein. Ganz im Gegenteil. Das Wunder der Natur müssen wir spürbar machen.

Wenn Sie erlauben möchte ich Ihnen zum Abschluss eine persönliche Frage stellen: Wie geht es Ihrem Mann?

Meinem Mann geht es den Umständen entsprechend verhältnismäßig gut. Es gab eine Phase, da befürchteten wir, dass er nicht mehr lange leben würde. Seit einem halben Jahr ist er nun stabil. Aber er ist ein schwer kranker Mensch und nicht mehr so belastungsfähig. Mit kleinen Stresssituationen kann er nicht mehr so leicht umgehen. Man merkt es auch an der Sprache, dass man ihn nicht mehr gut versteht. Aber er ist immer ein Steh-auf-Männchen gewesen. Ich habe nun seinen Teil der Arbeit mit übernommen. Auch sein Sohn Rurik von Hagens ist ins Unternehmen eingestiegen. Das lässt ihn entspannter in die Zukunft schauen. Sein Werk geht weiter.