In Unterwäsche sind alle gleich, die Bürger und die Proletarier, oder? Oder sind die über die Bühne huschenden Wesen zu Beginn von Sascha Hawemanns "Ratten"-Inszenierung Akteure eines Totentanzes mit weißen Leichenkleidern? Man weiß es nicht, noch nicht. Man wird es auch nach drei anstrengenden Stunden nicht so recht wissen, allein gelassen von einer sich im Unentschiedenen verlierenden Inszenierung.

Die Kardinalfrage einer Interpretation von Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführtem spätnaturalistischem Drama "Die Ratten" ist ja, wie man das sozialkritische Potenzial des Stücks ins Heute überträgt. Da fiele einem manches ein, wie auch ein im Programmheft geschilderter Fall suggeriert. Und hat nicht jüngst eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zumindest wachsende Ungleichheit auch in der satten deutschen Gesellschaft konstatiert?

Diese Inszenierung entschied sich gegen eine Aktualisierung, was schon das harte Berlinerisch der Figuren offenbarte, ganz Naturalismus eben. Immerhin, sie beherrschten den Dialekt - Alice (Nicola Lembach), die Geliebte des Theaterdirektors Hassenreuter (Stefan Lorch), auch das Wienerische, was beileibe nicht selbstverständlich ist, und die ganz famose Josephine Köhler als Pauline den polnischen Akzent. Nur leider schrien und keiften sie meist, so dass etwa das Brutal-Berlin-Idiom des Bruno (Stefan Willi Wang) dem Durchschnittsfranken maximal zu 50 Prozent verständlich war. Hauptmann deklarierte seine "Ratten" zwar als Tragikomödie, doch degenerieren Proletarier wie Bürger bei Hawemann größtenteils zu randalierenden Witzfiguren, die man nicht ernst nimmt. Erst im letzten Viertel kehrt sich das Geschehen um die verzweifelt ein Kind begehrende Frau John (großartig wie immer Julia Bartolome), um Sterben aus Vernachlässigung, Totschlag und Suizid, ins bedrückend Verstörende.

Dies alles im durch Leuchtröhren abgezirkelten Viereck (Bühne Wolf Gutjahr), das sich als Theater im Theater wiederholt. Doch, der von Ratten heimgesuchte Theaterfundus als umherwandernde Garderobenstangen samt Kostümen ist schon plausibel gelöst. Ebenso wie die Parallelhandlung der dramaturgischen Diskussionen zwischen Hassenreuter und Schauspiel-Eleve Spitta, zwischen dem Verfechter eines pathetischen Pseudo-Klassizismus und dem Naturalisten. Nur, was gibt uns das gut 100 Jahre später, wo doch alles, alles auf der Bühne erlaubt ist?

Was schon das hysterische Gezapple der Frau Hassenreuter (Nicola Lembach) zeigt, das ins Groteske übersteigerte Chargieren der an sich durch die Bank hervorragenden Schauspieler. Da wird die Tochter der drogensüchtigen Knobbe (ebenfalls Nicola Lembach), Selma (Philipp Weigand), zur leicht debilen RTL-2-Prolette, da wird der ganzkörpertätowierte Bruno ein Comic-Strip-Bösewicht und der stets am Rande des cholerischen Ausbruchs balancierende Maurer John zur proletarischen Abziehfigur.


Mätzchen statt Konzept

Dazu kommen die üblichen inszenatorischen Mätzchen, die in zwei Jahren durch andere abgelöst sein werden. Da spielt das verstorbene Kind Adelbertchen melancholisch auf dem Akkordeon, da rennt der Maurer im Kreis herum, da ergeht sich der Theaterdirektor im Fake-Koitus mit seiner Elevin. (Bürgerliche Doppelmoral, verstanden?) Da tauchen - 1911! - SA-Männer im Text auf und steht Quaquaro wie ein dreifacher Hausmeister Krause auf der Bühne. Dass Frauenrollen von Männern besetzt werden, ist schon nur noch eine Petitesse. Seltsam, dass manche im Publikum bereits über recht armseligen Slapstick lachen. Aber wieder andere, und beileibe nicht wenige, buhten den Regisseur aus, zu Recht. Das großartige Ensemble dagegen erhielt langen und aufrichtigen Beifall.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
9., 17./18., 21., 30. März., 1., 5., 8., 15. April und weitere Termine bis Juli; genauer Spielplan unter www.staatstheater-nuernberg.de Karten unter Tel. 0180/5231-600, E-Mail. info@staatstheater.nuernberg.de Dauer ca. drei Stunden, eine Pause