Frühe Gewalterfahrung, auch sexuelle, Misshandlungen, seelischer Missbrauch, kein stabiles Elternhaus, oft leben die Mädchen bereits in Jugendschutzeinrichtungen oder Pflegefamilien.
Mädchen sind zugänglich für Zuwendung
Mädchen, die extrem zugänglich sind für Zuwendung. Für ein nettes Wort. Für Aufmerksamkeiten. Für Träume, die ihnen versprochen werden – und die werden nicht so groß sein. Es dürfte genügen, dass da einer schwärmt, sie – und keine andere – sei es für ihn. Ihr Schutz und Sicherheit verspricht, untermauert mit Geschenken wie teuren Klamotten, die sich die Mädchen nie leisten könnten, und oft Kosmetika.
Die "EKO Kajal" wurde im Herbst 2025 gegründet. Wie kam es dazu? Michael Petzold: "Nach der Teillegalisierung von Marihuana ist der Handel am Nelson-Mandela-Platz hinter dem Bahnhof explodiert." Handel ist verboten, aber schwer nachweisbar. Der Syrer mit 24,9 Gramm Marihuana in der Hosentasche verhält sich gesetzeskonform, da er bis 25 Gramm als Eigenbedarf mit sich führen kann.
Vor allem die Polizeiinspektion Süd hatte deshalb den Platz genau im Blick, Razzien wurden gemacht, viel auf Präsenz von Uniformen gelegt. Bis den Beamten die Mädchen auffielen. "Zunächst dachten wir, sie gehören zum Milieu, erledigen vielleicht Botengänge", so Petzold.
Das erste Opfer brachte die Ermittlungen ins Rollen
Bis die ersten Hinweise, die ersten Anzeigen aufploppten.Sexuelle Übergriffe. Vergewaltigungen. "Dann hat das erste Opfer detailliert erzählt", erinnert sich Michael Petzold.
Das Schema: Die Mädchen werden buchstäblich gefügig gemacht, erst mit Aufmerksamkeit, dann mit Crystal. Und wenn sie die Drogen brauchen, dann gibt es die zwar weiterhin – aber dann gegen sexuelle Handlungen.
Die Mädchen prostituieren sich mit "sexuellen Gefälligkeiten", so Petzold – für Crystal, Marihuana, aber auch mal für Wegwerfartikel wie für eine Elektro-Zigarette. Dann hatte dieses Mädchen zynischerweise noch Glück.
Von mehreren Tätern vergewaltigt
Denn einige der Mädchen landen bei diesen "Deals" auch in der Hölle. Oft werden die Mädchen in Wohnungen oder Flüchtlingsunterkünfte gelockt oder gelotst. Und dann ist da nicht ein Täter, sondern wie im Fall der 15-Jährigen, mehrere Täter. Die Vergewaltigungen sind brutal. Teilweise sogar so, dass die Opfer schwer verletzt werden und ärztliche Hilfe benötigen.
Als der Umfang der Verbrechen klar wurde, gründete die Polizei die Einsatzkommission "Eko Kajal".
"Wir sind sehr breit vernetzt. Die Staatsanwaltschaft ist uns gegenüber sehr aufmerksam und schnell; wir arbeiten mit Streetworkern und Jugendamt eng zusammen; wir sitzen mit Drogenhilfen wie Mudra oder Lilith an einem Tisch; wir haben engen Kontakt zum Jugendgericht, konnten einige der Mädchen schon weit weg von diesem Umfeld in Nürnberg unterbringen; wir üben Prävention an Schulen, investieren viel Zeit in Aufklärungsarbeit."
19 Haftbefehle in einem Jahr
Mit Erfolg. Seit Herbst 2025 wurden 19 Haftbefehle für Männer zwischen 16 und 43 Jahren ausgestellt, ein Serbe wurde abgeschoben. Jedoch: Noch immer schätzt Petzold die Anzahl aller Straftäter auf "eine mittlere zweistellige Zahl".
Oft ist es der Zufall, der sie hinter Gitter bringt.
Wie den einen, der auf der Flucht vor der Polizei in den Stadtmauergraben sprang und sich verletzte. Bei dem fanden sie exakt die Medikamente, die den Mädchen auch verabreicht werden.
"Wir haben uns für Offenheit entschieden"
Gibt es dieses Phänomen auch in anderen Städten? Sicherlich, mein Petzold. "Wir reden halt darüber. Wir wollten, dass darüber gesprochen wird, haben uns bewusst von Anfang an für Offenheit, Transparenz entschieden, um den öffentlichen Fokus auf den Nelson-Mandela-Platz zu richten. Der Tenor: Wir haben euch im Blick."
Mit Erfolg, dort hat sich die Szene zerstreut. "Aber wir wissen, wo die Täter jetzt sind", sagt Petzold.
"Wichtig ist, dass wir die Mädchen schützen können. Das sind zarte Seelen. Die müssen Dinge tun und erleben, von denen ich nicht weiß, ob und wie sie das jemals verarbeiten können. Wir geben keine Ruhe, bis wir den Sumpf ausgetrocknet haben."