Das Bäcker- und Konditoren-Handwerk ist kreativ, war es schon immer. Doch was nützt die verlockendste Auslage, wenn niemand ins Café kommen darf? Ein Erfurter Konditormeister entwickelte in dieser Zeit voller Einschnitte eine Nougatsahne-Marzipan-Praline in Gestalt des Coronavirus und verkauft davon eigenen Angaben zufolge nun etwa 100 Stück am Tag. Vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch auch in der hiesigen Region zeigen sich neue Ideen. Und: Wer breit aufgestellt ist, kann die Situation besser verkraften.

Für Donnerstag (16.4.) war die erste Telefonkonferenz der Bäcker-Innung überhaupt angesetzt. Stellvertretender Obermeister Sünkel findet es wichtig, sich miteinander auszutauschen. Was man so hört oder sieht, ist sehr unterschiedlich, reicht von leergekauften Regalen bis hin zu Filialschließungen. Besonders betroffen sind diejenigen, die den Hauptumsatz im Café-Bereich gemacht haben.

Lorenz Sünkel betreibt neben dem Stammsitz in Lettenreuth sieben Filialen, einige davon im angrenzenden Coburger Landkreis. Er beschäftigt insgesamt 50 Mitarbeiter. Noch hat er keine staatliche Hilfe beantragt. "Die Öffnungszeiten haben wir überall um eineinhalb bis zwei Stunden zurückgefahren", berichtet er und würdigt ausdrücklich die Leistung des Verkaufspersonals "an vorderster Front". Die Kunden hätten dafür Verständnis gezeigt - jedenfalls die meisten. "Es gibt auch Nörgler, wie überall wahrscheinlich." Das Sonntagsgeschäft - es bestand nur in Weidhausen - hat Sünkel gestoppt. Bis zu einer Lockerung der Ausgangsbeschränkung soll das so bleiben. In Lettenreuth und Hochstadt, wo es in den Läden etwas beengter zugeht, wurden zum Schutz Plexiglasscheiben aufgestellt. Und dort, wo man bargeldlos bezahlen kann, werde diese Möglichkeit momentan stärker angenommen, wie er festgestellt hat. Kaffee gibt es zwar auch zum Mitnehmen, aber da gehe kaum noch etwas: Vertreter und Außendienstler, die einen beträchtlichen Teil der Kundschaft ausmachten, arbeiten eingeschränkt oder von zuhause aus.

Für Kollegin Susanne Mayr aus Bad Staffelstein ist mit der Schließung ihres Stadtcafés ein Geschäftszweig weggebrochen. Für das Gebäude zahlt sie weiter Miete und hofft, dass sie das durchhalten kann. Einen großen Teil des Umsatzes ihrer Bäckerei in der Angerstraße machen normalerweise die Lieferungen an Gaststätten und Hotels sowie für Veranstaltungen aus. Jetzt bäckt sie täglich 1000 Brötchen weniger und drei Viertel der 20-köpfigen Belegschaft - Bäcker, Konditoren und Verkäuferinnen - sind in Kurzarbeit. Susanne Mayr hat frühzeitig Corona-Soforthilfe beantragt. Die Antragstellung sei einfach, sagt sie. Sie sei dabei sehr freundlich behandelt worden und habe rasch eine Zusage bekommen. Bis zum Erhalt des Geldes bedurfte es etwas Geduld, aber mittlerweile ist es überwiesen. Dass es schon wieder Betrugsversuche mit der staatlichen Unterstützung gibt, darüber kann sie nur den Kopf schütteln. Ohne diese Hilfe würde es an die Existenz gehen. "Man kann gar nicht so viel Gewinn aufbauen mit so einem kleinen Geschäft", sagt sie. Das Geld für die Beschäftigten in Kurzarbeit etwa werde erst im Nachgang erstattet. "Ich muss das alles vorstrecken", sagt Susanne Mayr. Sie möchte eigentlich auch nicht die Sozialversicherungsbeiträge stunden lassen, denn das würde bedeuten, dass im nächsten Monat doppelt abgebucht wird.

Trotz der Sorgen: Unternehmergeist zeigt sich auch in der Krise. Die Bäcker-Tüte, die nach Hause geliefert wird, ist ein neues Angebot, das sehr gut ankommt. Eigentlich war es für Ältere gedacht, die nicht aus dem Haus gehen möchten, inzwischen nutzten es aber auch Jüngere, die via Facebook oder Instagram davon erfahren haben. "Meine Kinder haben sich das ausgedacht", sagt Susanne Mayr. Sohn Jan (22), Student und zurzeit zuhause, hat den Lieferservice übernommen. Am Ostersamstag hatte er mit an die 50 Tüten eine ganz schöne Tour zu bewältigen.

Die Chefin sieht, dass die Idee den Kunden im wahrsten Sinne des Wortes entgegenkommt. "Das werden wir auch nach dieser Zeit weitermachen." Im Laden, der normal geöffnet hat, gehe das Geschäft derzeit sehr gut, stellt Susanne Mayr fest. Sie hat dort auch etliche Neukunden bemerkt. Arbeitsfreie Wochenenden gibt es in ihrem Betrieb auch in diesen Zeiten nicht: An Sonn- und Feiertagen wird weitergebacken.

Jochen Schäfer aus Weismain hat das für seine Bäckerei anders entschieden - nachdem am ersten Sonntag während der Ausgangsbeschränkungen außerordentlich viel Ware übrig geblieben war. Der Backwaren-Umsatz unter der Woche sei zwar nicht wie normal, aber "wirklich ok". Großes Lob spricht er hier den Stammkunden aus, die offenbar ganz bewusst und treu weiterhin bei "ihrem" Bäcker kaufen. Am besten gehen seiner Beobachtung zufolge derzeit Brot, Brötchen und Plundergebäck. Sahnetorte hingehen würde nur selten nachgefragt. Die hatte man anscheinend lieber im Café gegessen. Die größte Filiale am Kreisel in Altenkunstadt ist derzeit nur noch Verkaufsstelle. Der Zugang zum geräumigen Café-Bereich ist mit einem quergestellten Tisch versperrt. "Da haben wir schon ganz schöne Einbußen", sagt der Bäckermeister, der nun froh darüber ist, dass sein Unternehmen einen "gesunden Mix" vorweisen kann. Dennoch gilt es, einen Umsatzrückgang von um die 30 Prozent zu verkraften, wie er schätzt. Neu ist auch bei den Schäfers ein Lieferservice, zusätzlich zu den Verkaufswagen, die ohnehin unterwegs sind. Hauptsächlich ältere Leute nutzten die Möglichkeit, telefonisch Bestellungen aufzugeben. Manchmal verbinde seine Familie das Ausliefern mit einem nachmittäglichen Spaziergang, erzählt Jochen Schäfer. Das Geld liege dann meistens an den Häusern der Kunden schon passend bereit, Dankbarkeit werde mitunter mit einem Trinkgeld gezeigt. "Es ist schon aweng a andra Zeit", stellt er fest. Wenn die wirtschaftliche Seite nicht wär', fände er das nicht unangenehm. Auch im Laden mehr Zufriedenheit. "Die Leut' sind durch die Bank sehr nett und sehr diszipliniert."

Großer Zusammenhalt

Das Unternehmen zählt insgesamt rund 60 Mitarbeiter. Kurzarbeit trifft vor allem die im Gastrobereich und Verkauf. "Aber es waren alle bereit, kürzerzutreten, mit anzupacken und zusammenzuhalten", berichtet Schäfer. Und das ist schon wieder etwas Positives.

Kommentar: "Wertschätzung in Krisenzeiten"

Dem Verkaufspersonal einer Bäckerei ist etwas aufgefallen: Dass Kunden ein Stück Blechkuchen "aber ohne Rand!" verlangt hätten, das sei in diesen Tagen nicht mehr vorgekommen. Die kleine Rand-Bemerkung ist uns besondere Erwähnung wert, denn sie bestätigt einen Satz des Bundespräsidenten. Steinmeier hatte explizit den "stillen Helden" gedankt, die im Bäckerhandwerk, aber auch in anderen Branchen das ganze Jahr über selbstverständlich gewordene Leistungen erbringen. Und er sagte: "Gerade in der Krise besinnt man sich auf das Wesentliche." Dem können derzeit viele von uns zustimmen und erleben mehr Zufriedenheit mit dem kleinen Glück, das man haben darf. Bewahren wir uns von dieser Sichtweise etwas für die Zeit nach Corona!