Eine Sechs wird als 12 gezählt und wer drei Sechser hintereinander würfelt, tut sich keinen Gefallen. Überhaupt ist bei dem Spiel "Patschießer" alles anders. Bester Beweis: Es wird gegen den Uhrzeigersinn gespielt. Am Samstag fand in der "Mühlbachklause" ein Preispatschießer statt. Einblicke in alte Zeiten, in Lichtenfelser Spiel- und Wirtshauskultur, nach Indien und sogar zur Millionenfrage bei "Wer wird Millionär?".
"Eigentlich lag es am Schafkopf", erklärt Hans Fischer. Der Mann ist Vereinsvorsitzender der Gärtner-Elf Lichtenfels, eines Gesellschaftsvereins der SV Borussia Siedlung. Früher verbrachte man die Freizeit fußballerisch, aber mit zunehmendem Alter rückte ab 1993 die gemeinsam zu verbringende Zerstreuung in den Vordergrund. "Doch weil die Frauen der Spieler keinen Schafkopf spielten", so Fischer, habe man zunehmend auch diesem Brettspiel gefrönt. Vor fünf, sechs Jahren dann passierte das erste Turnier.
"Patschießer", das Wort geht den Leuten hier ganz flüssig von den Lippen, sie kennen es noch aus ihrer Kindheit. "Das war unser Daheimspiel", sagt eine Seniorin und auch der 77-jährige Siegfried Graß bestätigt: "Das spielen wir schon seit der Kindheit." Doch was Patschießer bedeuten soll, weiß hier niemand so recht. Über die Schreibweise des Spiels, das als "umgekehrtes Mensch ärgere Dich nicht" beschrieben wird, habe man sich vor vielen Jahren bei altvorderen Lichtenfelser kundig gemacht. "Patschießer -ja, ja, das passt schon so", hieß es dann über die Schreibweise. "Ich habe es mal zu googlen versucht, da waren zwei, drei verschiedene Schreibweisen dabei", sagt Hans Fischer.
Tatsächlich aber führt eine Spur nach Indien. Pachisi (sprich Patschisi) heißt dort ein Spiel, von dem es heißt, die europäische Spielkultur beruhe darauf. Von einem Schießen, so wie es das ß bei Patschießer vermuten lässt, kann aber nicht die Rede sein. Vielmehr bedeute das Wort Pachis die Zahl 25. Die Briten holten das Spiel nach Europa, aus welchem im Laufe der Zeit Mensch ärgere Dich nicht, Fang den Hut, Malefiz oder Eile mit Weile wurde.


Vier Bretter in der Wirtstube

Turnieratmosphäre, es geht hoch her. Vier Bretter sind in der Wirtsstube aufgebaut, an jedem sitzen vier Spielende. Eine ältere Dame erinnert sich: "Das ist vor 30 Jahren von den Rentnern immer gespielt worden. Tu die Patschießerbretter naus, hopp!", erklärt sie die Begeisterung der damaligen Rentner.
Eine heutige Rentnerin ist Erika Grünewald. Zwischen 1966 und 1971 war sie die Wirtin der "Mühlbachklause", als diese noch "Kroateninsel" hieß. "Das ist jeden Tag gespielt worden", erklärt sie und Josefine "Finni" Reuß erinnert sich gar an spielerische Exzesse mit ihren Freunden und Freundinnen: "Wenn wir uns mal treffen, dann fangen wir um 14 Uhr an und sind um 23 Uhr fertig." Es geht wie bei "Mensch ärgere Dich nicht zu", aber die Zusammensetzung der Spieler wird für alle drei Runden neu ausgelost. Schmeißen ist Pflicht und auf den letzten sieben Feldern dürfen zwei Figuren nebeneinander gestellt werden. Überhaupt die Felder: Manche Bretter sind aus Einlegeböden von Schränken gemacht, auf denen Spiellinien aufgezeichnet wurden. Andere wiederum, hauptsächlich jene aus der Nachkriegszeit, wurden noch genagelt und lackiert. Seit den 50er Jahren sei am Ort das Spiel gepflegt worden. Nur hier und drüben in einem auch schon nicht mehr existenten Lokal an der Alten Coburger Straße. "Mir ist nie aufgefallen, dass es woanders gespielt wurde", meint Siegfried Graß. Man kann es mit Geldeinsatz spielen, doch der ist minimal, eher symbolisch. "Doch wenn früher mal fünf Mark auf dem Brett waren, dann war alles ums Brett rumgestanden", weiß Graß sich noch auf die Aufregungen in den 50er und 60er Jahren zu entsinnen.
Alte Namen von einst tauchen auf, von einem Lichtenfelser Hafenarbeiter namens Hamburger Willi ist die Rede, oder einem Zimmermann Dechant, der ein Brett gebaut hat. Altes Lichtenfels steigt auf, vergangen, fast vergessen. Die Gärtner-Elf, benannt nach einer einstigen Brauerei, bleibt gesellig unter sich. "Jugend kommt fast nix nach", sagt jemand bedauernd. Doch einmal vor geraumer Zeit, da sei manchen aufgefallen, dass dieses Spiel einmal zur Millionenfrage bei "Wer wird Millionär?" taugte. Nach drei, vier Stunden ist das Turnier vorüber. Die Bretter werden eingesammelt und am 4. November wieder ausgepackt.
Im Geselligkeitsverein geht es gesellig zu und lustig. Einen Schiedsrichtereinsatz bei Unstimmigkeiten, so Hans Fischer, habe er noch nie leisten müssen. Punkt 12 des Blattes zu Spielregeln und Austragungsmodus gibt ihm aber das Recht dazu.