Warum es einen Lichtenfelser Juristen von Schney nach Afrika

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Die alte Bellevue in Schney, errichtet 1829 und abgebrochen 1913, Wohnsitz der Familie Narciß vor ihrer Übersiedlung nach Afrika Foto: Archiv
Die alte Bellevue in Schney, errichtet 1829 und abgebrochen 1913, Wohnsitz der Familie Narciß vor ihrer Übersiedlung nach Afrika Foto: Archiv

Der Jurist Heinrich Narciß hinterließ Spuren im Raum Lichtenfels.

Drei Juristen wirkten einst nebeneinander am Bezirksamt Lichtenfels, dem Vorläufer des Landratsamts: der Amtsvorstand und als seine Mitarbeiter zwei Bezirksamtsassessoren, die nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Titel "Bezirksamtmann" aufgewertet wurden. Längst sind all diese Beamten vergessen. Dabei waren unter ihnen bemerkenswerte Gestalten.

Ein solcher Verwaltungsjurist, dessen Laufbahn aus dem Rahmen fiel, war der Bezirksamtsassessor Heinrich Narciß, der von 1900 bis 1905 in Lichtenfels wirkte. Narciß war 1868 in Bayreuth zur Welt gekommen. Sein Vater, Georg Ritter von Narciß (1820-1897), hatte sich in der bayerischen Armee bis zum Oberst hochgedient, war wegen seiner Tapferkeit im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 mit dem persönlichen, also nicht vererblichen Adel ausgezeichnet worden und hatte im Ruhestand den Rang eines Generalmajors erlangt. Auch die Schwester des Bezirksamtsassessors hatte einen hohen Offizier zum Mann: den Generalleutnant Maximilian von Giehrl (1840-1896).

Im Juni 1900 nach Lichtenfels

Heinrich Narciß besuchte Gymnasien in Augsburg und Regensburg. Anschließend studierte er in Berlin und Würzburg die Rechte. Nach dem Jurastudium absolvierte er seine "Vorbereitungspraxis" in Würzburg, Traunstein und Augsburg, bevor er 1896 die Staatsprüfung ablegte. Anschließend war er als Akzessist bei der Regierung der Oberpfalz in Regensburg eingesetzt. Im Spätsommer 1898 ließ er sich für ein Zusatzstudium an der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan beurlauben. Nach drei Semestern nahm er seinen Dienst wieder auf und wurde zum 16. Juni 1900 an das Bezirksamt Lichtenfels versetzt, das seinen Sitz damals noch im heutigen Rathaus II hatte.

Narciß war seit 1897 verheiratet mit Johanna Prechtl (1874-1951) aus Reichenhall, mit der er bei seiner Ankunft in Lichtenfels einen Sohn und eine Tochter hatte. Da nur für den Amtsvorstand eine Dienstwohnung vorhanden war und in Lichtenfels chronisch Wohnungsnot herrschte, ließ sich Narciß in Schney nieder - anfangs an der jetzigen Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Michael-Och-Straße, später in der Bellevue. Zum Haushalt gehörte auch seine verwitwete Mutter Franziska von Narciß (1828-1907). Im November 1905 unterrichtete Narciß, stets von seinem Chef bestens beurteilt, seine Vorgesetzten, dass ihm eine Stelle an der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts in Aussicht gestellt sei; er wolle daher zum 1. Dezember vom bayerischen Staatsdienst in den Reichsdienst wechseln. Der Bitte wurde entsprochen, und Narciß ging - ohne Familie - nach Berlin "zur Kolonial-Vorbereitungspraxis". Mitte Februar 1906 reiste er, zunächst allein, nach Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), wo er den Posten des Kaiserlichen Bezirksamtmanns von Windhuk antrat. Seine Frau und seine Kinder folgten ihm im Frühling nach. Ein weiteres Kind kam 1907 in Afrika zur Welt. Narciß war für den Kolonialdienst lediglich bis zum 30. September 1909 beurlaubt.

Zurück nach Bayern

Pünktlich kehrte er nach Bayern zurück, wo er Regierungsassessor bei der Regierung von Niederbayern wurde. Im November 1911 stieg Narciß zum Leiter des Bezirksamts Kelheim auf. Den Glanzpunkt seiner dortigen Amtszeit stellte gewiss die Hundertjahrfeier der Befreiungskriege dar, die das Königreich am 25. August 1913 bei der Befreiungshalle oberhalb von Kelheim beging. Der Bezirksamtmann durfte in Gegenwart Kaiser Wilhelms II. und des Prinzregenten Ludwig eine Rede halten. Der Preußische Rote-Adler-Orden 4. Klasse, den Narciß wenig später erhielt, war die sichtbare Anerkennung.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann, meldete sich Narciß, der den Dienstgrad eines Hauptmanns der Reserve bekleidete, sogleich zum Kriegsdienst. Er wurde zum Kommandeur des mobilen Landsturmbataillons in Passau ernannt und zog mit seiner Einheit am 4. September 1914 ins Feld. Ausgezeichnet mit fünf Orden, fiel Narciß am 21. November 1916 in Russland - am selben Tag, an dem der greise Kaiser Franz Joseph von Österreich starb. Gustav von Kahr, damals Staatsrat im bayerischen Innenministerium, schrieb, als er von Narciß' Tod erfuhr: "Ich weiß von seinen wiederholten Besuchen, daß er mit Leib und Seele Soldat war. Eine im Sommer d[ieses] J[ahres] an ihn gerichtete Anfrage, ob er bei dem großen Personalmangel in der bayer. Verwaltung allenfalls bereit wäre, im Wirtschaftskrieg in der Heimat mitzuarbeiten, hat er mit der dringenden Bitte, ihn an der Front zu belassen, abgelehnt." Seine Witwe überlebte ihn lange. Sie leitete von 1921 bis 1925 als Hauswirtschafterin die Quickbornburg, eine Art Jugendherberge, in Rothenfels am Main. Dann wanderte sie mit ihrer Tochter Louise Emilie (1907-1995) nach Brasilien aus, um später nach Deutschland zurückzukehren.

Zu den Spuren, die Heinrich Narciß in Lichtenfels hinterließ, gehörte der Bezirksfischereiverein Lichtenfels-Weismain, der am 2. April 1905 - offenbar auf seine Initiative hin - gegründet wurde. Narciß übernahm den Vorsitz, den er bereits zu Jahresende wegen seines Weggangs aus Lichtenfels abgab. Auf seinen Aufenthalt geht mittelbar die 1902/03 gebaute, 1905 geweihte katholische Kapelle St. Heinrich und Kunigunda zurück, denn der Bau wurde zu einem Gutteil von seiner Mutter Franziska von Narciß finanziert. Heinrich Narciß' Sohn Georg Adolf Franz Maria Narciß wurde am 15. Mai 1901 in Schney geboren. Er erwarb 1927 in Greifswald den philosophischen Doktorgrad mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit: "Studien zu den Frauenzimmergesprächspielen Georg Philipp Harsdörfers (1607-1658). Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte des 17. Jahrhunderts".