Ivo Raab wirkt müde. Doppelt müde. Denn zum einen hat der Veranstalter des Ragnarök-Festivals einen langen Tag hinter sich gebracht, und dann sind da wieder diese Fragen. Rechte Metal-Bands? Rechte Botschaften? Raab sitzt auf der Tischkante im Inneren eines Festival-Containers, lässt die Beine baumeln und wirkt müde und resignativ humorvoll.
2007 sendete das ARD-Magazin Polylux einen Beitrag, wonach es auf dem Ragnarök-Festival auch rechte Umtriebe gebe. Seitdem steht das Lichtenfelser Festival auch in der Kritik. Aber was ihn wirklich verärgert habe, so Raab, sei der Umstand gewesen, wonach sich das Magazin für die Story mit Halbsätzen und Halbwahrheiten begnügt hätte.

Der Mann aus Pegnitz beteuert, selbst die Bandauswahl vorzunehmen, ihre Liedtexte nach rechten Anklängen durchzuhören und entsprechend auszusortieren. Auch verweist er auf die Homepage des Festivals, auf der insbesondere eine Absage an Rechtsextremismus/Neonazismus zu lesen steht. Auch das Tragen oder gestische Verwenden entsprechender Symbole sei auf dem Gelände untersagt, Ordner und Security seien diesbezüglich sensibilisiert. Mehr ließe sich nicht tun, der Rest sei unkontrollierbare Grauzone und man könne nicht in die Köpfe mancher Besucher schauen.

Versucht man es aber doch, so trifft wird man Schnittmengen aus jugendtypischem Protestbedürfnis, Spaßkultur, unkritischer Inkaufnahmen, Romantik oder vollkommenem Desinteresse an Politischem und Gesellschaftlichem überhaupt. Die Szene präsentiert sich uneinheitlich, schwer greifbar.


Pluderhose und Seitenscheitel

Das findet auch Rudi aus den Niederlanden. Rudi van Deghhoochtenhoff sitzt in schwarzen Pluderhosen auf dem Trittbrett eines Campingbusses. Er kocht für Bedienstete des Festivals. Es ist Nacht, und aus der Stadthalle ist kruder Gesang zu hören, gitarrenlastig untermalt und mit wummernden Beats. Man spiele hier mit dem Klischee vom bösen schwarzen Mann, und in einem Punkt gibt er sich ganz sicher: "Bands, die wirklich rechts sind, sind nicht hier!"

Adrian sieht derlei weniger kategorisch. Er trägt Seitenscheitel, kommt aus dem Frankenwald und würde sich als patriotisch bezeichnen. Er glaubt an ein Europa der Vaterländer und zitiert, ohne es zu wissen, keinen geringen Europäer: Charles de Gaulle. Der 21-Jährige erscheint wie die wandelnde Schnittstelle zwischen noch konservativ und schon rechts. Auf "50 Prozent Patrioten" würde er das Publikum schätzen.


Ein "Wochenendwikinger"

Andreas Greim aus Pegnitz kann er damit aber nicht gemeint haben. Der Mann war früher auf den Chaostagen zu Hause und hört von Bayern 1 bis Black Metal alles. Auffällig an ihm ist die Hinwendung zu Bier und Wikingertum, bei gleichzeitiger Berücksichtigung des 1. FC Nürnberg. Er sei "Wochenendwikinger" und völlig unpolitisch, ein Bier trinkender Franke. Rechte Bands sieht er hier nicht vertreten, aber wie die Fans ticken, könne man halt auch nicht sagen. Aber es wären, wenn, dann höchstens zehn Prozent mit womöglich rechter Gesinnung.
Im Foyer der Stadthalle schiebt sich ein junger Mann voran. Er sitzt im Rollstuhl, wirkt klein von Wuchs und ist von Beruf verwaltend tätig. Sein Wuchs und seine Behinderung liefen einer NS-Ästhetik zuwider, aber er habe noch nie Schwierigkeiten bei Ragnarök gehabt. Im Gegenteil. Auch er glaubt, dass das Spiel mit Klischees Teil dieser Szene sei.

Davon ist auch "Hoppel" überzeugt, der einen Verkaufsstand führt. Die Metal-Szene bringt allerlei Devotionalien hervor, wie Anlehnungen an Balkenkreuze oder Halsketten mit nordischen Streitäxtchen daran.

Weitere Stichproben ergeben bei der Befragung einer sechsköpfigen Gruppe ein 1:5 in Bezug auf politisches Denken. Einer war wählen, die anderen haben sehr eigene Vorstellungen von links oder rechts. Sie lassen den Schluss zu, dass das Gros der jungen Menschen hier Spaß ohne ein Hinterfragen haben will. Und Metal und Alkohol und ein Wiedersehen.