"Viel Zeit zum Feiern blieb nicht", sagte einen Tag nach seinem Triumph bei der Ironman-70.3-Europameisterschaft Andreas Dreitz. Der 27-jährige Profi-Triathlet aus Michelau hat seinen Fokus voll auf die WM am 4. September in Australien gelegt. Den geplanten Wettkampf in den USA nächste Woche lässt er ausfallen. Schon am Mittwoch geht der Flug nach "Down Under". In knapp drei Wochen geht es in Mooloolaba in Queensland um die Weltmeisterschaft. "Schau' mer mal", sagte Dreitz, der als Europameister nun zum - allerdings großen - Favoritenkreis zählt. Hierzu gehört auch der Zweite von Wiesbaden, der Kanadier Lionel Sanders.
Im April hatte Dreitz noch zweimal das Nachsehen gegen ihn. Da schlug der Kanadier den Michelauer sowohl beim 70.3-Ironman in Oceanside (Kalifornien) als auch eine Woche später im texanischen Galveston über die gleiche Distanz und verwies den 25-Jährigen auf Platz 2.

Schlag den Dreitz: Die große Comfortskates-Challenge



 "Dass mich Lionel Sanders auf dem Rad überholte, gab mir schon einen Knick", gestand der Oberfranke Ende April im Gespräch mit dieser Zeitung.


WM-Duell auf neutralem Boden

Diesmal gelang ihm "eine kleine Revanche". Nach dem Rennen scherzten die beiden Topathleten schon im Hinblick auf die WM. In Nordamerika hatte der Kanadier die Nase vorn, in Europa der Deutsche. "Mal sehen, wie's auf neutralem Boden in Australien ausgeht", so der Michelauer, der - wie er stets sagt - immer antritt, um zu gewinnen. "Es kann dann so enden wie bei der WM im letzten Jahr, als ich als Erster auf die Laufstrecke ging und am Ende Neunter wurde. Lieber alles riskieren und auf Sieg setzen, als die Chance ungenutzt lassen", lautet das Motto des 27-Jährigen.
Und Risiko ging er auch am Sonntag in der hessischen Landeshauptstadt. "So einen Tag erlebt man wirklich selten", sagte Dreitz hinterher vor dem Wiesbadener Kurhaus.
"Ich war überrascht, dass alles gepasst hat. Von vorne bis hinten war das ein großartiges Rennen. Langsam fange ich an, den Kurs hier zu mögen." Mit einer starken Leistung auf dem Rad und einem souveränen Lauf holte sich der Michelauer den Europameistertitel.


Vorsprung beim Schwimmen

Beim Schwimmen über 1,9 km im Raunheimer Waldsee lief's schon gut. Das Entscheidende war nicht, dass Dreitz auf den Schnellsten, Steffen Justus, nur 40 Sekunden Rückstand hatte, sondern der Abstand zu den Mitfavoriten. Der Kurzdistanz-Spezialist Justus bestimmte das Tempo mit dem 34-jährigen Jens Roth, der als Schnellster (23:51 Min.) drei Sekunden vor Justus aus dem Wasser stieg. Von den Verfolgern lösen konnte sich das Duo aber nicht. Eine große Gruppe lag lediglich 20 Sekunden dahinter, Dreitz stieg weitere 20 Sekunden später aus dem Wasser.


Sanders mit großem Rückstand

Deutlich an Boden veloren allerdings der Kanadier Lionel Sanders, Titelverteidiger Boris Stein aus Montabaur und der Belgier Bart Aernouts, die sich erst mit zwei bis drei Minuten Rückstand auf die Führenden um Justus auf den Weg auf die bergigen 90 km durch den Taunus machten.
Wie erwartet drückten die Rad-Asse Dreitz, Sanders und Stein hier auf die Tube. Vor allem auf den Bergauf-Passagen spielte Dreitz seine Stärke aus. Mit neuem, verbesserten Material und einer optimalen Einstellung des Rades auf seinen Körper hatte Dreitz hier auch bei der Ausstattung nichts dem Zufall überlassen. Nach 30 km prügelte der Michelauer in die Pedale und sorgte für die Vorentscheidung, wusste der 27-jährige Oberfranke doch um die Laufstärke von von Stein, Aeronauts, Sanders und Maurice Clavel.
"Wenn Du Boris und Lionel beim Radrennen nur siehst, ist es schon zu spät", weiß Dreitz. Stein und Sanders, beide auch sehr gute Radfahrer, verkürzten ihren Rückstand nach dem Schwimmen sukzessive. Vor allem Stein fuhr mit der zweitbesten Radzeit nach vorne und reihte sich hinter Dreitz auf Position 2 ein. "Boris kommt aus der Gegend, kennt hier jede Kurve und kann bei den Abfahrten viel Zeit gutmachen", weiß der Michelauer, der aber noch schneller fuhr als der Montabaurer und nach 2:16:18 Std. für die 90 km mit 3:20 Min. Vorsprung auf Stein auf die Laufstrecke wechselte. Der Kanadier Sanders hatte mit den engen Kurven so seine Probleme.


Ziel: Polster zu Sanders und Stein

"Das war mein Ziel, mir ein Polster auf Boris und Lionel zu schaffen. Beide hatten heuer schon sehr starke Resultate", sagte Dreitz. Der Österreicher Thomas Steger kam als Dritter fünf Minuten und Patrick Lange sechs Minuten hinter Dreitz in die Wechselzone. Dann folgte Sanders. Steffen Justus und Maurice Clavel verloren rund acht Minuten auf den Spitzenreiter, bevor sie den Halbmarathon begannen. Justus und Sanders schlugen ein hohes Tempo an. Der Abstand von Stein zu Dreitz blieb über die ersten zehn Kilometer nahezu konstant. Allerdings verkürzte Sanders seinen Rückstand auf Stein bis auf eine Minute und überholte diesen bei Kilometer 13.


Sanders überragt beim Laufen

An Dreitz war aber auch für den laufstarken Kanadier, der den Halbmarathon letztlich in 1:09:20 Std. rannte, 5:20 Min. schneller als Dreitz, kein Herankommen mehr. "Ich hatte den Vorteil, das Rennen von vorne gestalten zu können und bekam auch gute Informationen über den Rennstand", so der Profi vom Team Erdinger-alkoholfrei, der sich entsprechend im Ziel freute. "Das war ein sehr emotionales Finish für mich", jubelte der Michelauer, der "auf der Welle des tollen Publikums getragen wurde".
Stein war mit Platz 3 gut eineinhalb Minuten hinter Dreitz zufrieden. "Ich wollte um den Sieg mitkämpfen und gab nie auf. Ich habe aber im Wasser etwas zu viel Zeit verloren", sagte Stein und lobte seinen deutschen Konkurrenten: "Ich war heute Teil der Andi-Dreitz-Show. Er hat offensichtlich den Schlüssel für das Rennen gefunden."
Vierter wurde Patrick Lange vor Steffen Justus, der beim Zieleinlauf immer wieder auf seinen Unterarm deutete, auf den er sich die olympischen Ringe tätowiert hat: Eigentlich wollte Justus in Rio an den Start gehen, die deutschen Startplätze blieben nach einem Rechtsstreit aber unbesetzt.


Gute Vorbereitung in St. Moritz

Für Dreitz waren beim Sieg in Wiesbaden viele Faktoren ausschlaggebend. Zum einen war dies die gute physische Vorbereitung in der Schweiz. Drei Wochen trainierte er mit anderen Athleten in St. Moritz. Offenbar ein gutes Klima, denn nicht nur der Michelauer, sondern auch die Frauensiegerin Melissa Hauschildt (Australien) und die Dritte Laura Philipp, mit der Dreitz zusammen trainierte, kamen aus der Höhe der Schweizer Alpen nach Wiesbaden. Aber auch mental war der Michelauer gut eingestellt. "Mein Trainer gab mir die Zuversicht und ermunterte mich zu einer offensiven Einstellung", so Dreitz. Die WM kann also kommen.