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Fußball

50 Jahre Elfmeterschießen: Dramen aus elf Metern

Die "Entscheidung vom Punkt" ist mittlerweile aus dem Fußball nicht mehr wegzudenken. Im bayerischen Penzberg wurde die Neuerung 1970 erstmals vorgestellt. Eine Zeitreise zu den Anfängen.
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Die "Nacht von Belgrad" begleitete Uli Hoeneß  (Mitte) seine ganze Karriere:  Beim ersten Elfmeterschießen bei einem großen Fußball-Turnier schießt  der Münchner   im EM-Finale 1976  seinen  Elfer über  das Tor in den Belgrader Nachthimmel.  Imago
Die "Nacht von Belgrad" begleitete Uli Hoeneß (Mitte) seine ganze Karriere: Beim ersten Elfmeterschießen bei einem großen Fußball-Turnier schießt der Münchner im EM-Finale 1976 seinen Elfer über das Tor in den Belgrader Nachthimmel. Imago

Dramen sind mit dem "Elfmeterschießen" verbunden - Verzweiflung und Jubel liegen bei dieser ultimativen Entscheidung eines Fußballspiels ganz nahe beieinander. Die Generation 50 plus erinnert sich an die Europameisterschaft 1976, als Uli Hoeneß im ersten Elfmeterschießen bei einem großen Turnier im Finale den Ball in den Belgrader Nachthimmel drosch und danach Antonin Panenka für die Tschechoslowakei den Ball lässig in die Tormitte zum Titelgewinn schlenzte.

Beim ersten Elfmeterschießen bei einer WM war das deutsche Team ebenfalls beteiligt. 1982 gewann die BRD im Halbfinale gegen Frankreich. Die Jüngeren denken an das WM-Halbfinale 1990 in Rom, als Olaf Thon gegen England den Elfer zum 5:4 traf. Sechs Jahre später waren es wieder die Engländer, die bei der EM im eigenen Land im Halbfinale an Deutschland scheiterten.

2006 kam der berühmte Spickzettel von Andi Köpke zum Einsatz, den Torwart Jens Lehmann im Viertelfinale gegen Argentinien vor jedem gegnerischen Elfmeter aus seinem Stutzen kramte und mit diesen Tipps (und der dazugehörigen "psychologischen Kriegsführung") Deutschland ins Halbfinale brachte. Vor vier Jahren brauchte es 18 Schützen, bis sich Deutschland im EM-Viertelfinale gegen Italien mit 6:5 durchsetzte.

Münzwurf entschied über Sieger

Doch wer hat's erfunden? Es war ein bayerischer Schiedsrichter. Karl Wald aus Penzberg. Der Friseur, geboren in Frankfurt und 2011 im Alter von 95 Jahren gestorben, war in den 60er Jahren die bis dahin praktizierte Regelung zuwider. Er fand sie schlicht unfair. Nach 90 Minuten und 30 Minuten Verlängerung entschied damals das Los über Sieg und Niederlage - genauer gesagt ein Münzwurf. Kopf oder Zahl. So zog etwa bei der EM 1968 Italien durch einen Münzwurf ins Endspiel ein. Leidtragende war die UdSSR.

Auch wenn es in den 50er und 60er Jahren bei verschiedenen nationalen Wettbewerben in Jugoslawien, Mexiko und Italien bereits Entscheidungen vom Punkt in verschiedenen Varianten gegeben hatte, so war es doch Karl Wald, der die bis heute bestehende Variante mit je fünf Spielern pro Mannschaft 1970 beim bayerischen Schiedsrichterverbandstag leidenschaftlich vortrug. Gegen den Widerstand der Verbandsführung um den BFV-Präsidenten Hans Huber wurde sie beschlossen.

Der FIFA lag da bereits ein Regelvorschlag des Israelis Yosef Dagan vor, der von einer Arbeitsgruppe zur Annahme empfohlen wurde. Doch das International Football Association Board (IFAB) nahm am 27. Juni 1970 den Vorschlag Walds in sein Regelwerk auf. Erst 1975 übernahm die UEFA diesen Modus und ließ ihre Endspiele nötigenfalls auch per Elfmeterschießen entscheiden. Bis dahin gab es bei einem Remis nach 120 Minuten noch ein Wiederholungsspiel.

Heutzutage sprechen Fußballer noch oft von einer "Lotterie" oder von einem "Glücksspiel", wenn es zur Entscheidung im Elfmeterschießen kommt. Doch die Ermittlung eines Siegers auf dem Platz ist allemal besser als mit einem Münzwurf.

Münzwurf von Rotterdam

Der frühere Schiedsrichter Karl Fleischer (80) aus Hallstadt (Landkreis Bamberg) erinnert sich noch an den Münzwurf von Rotterdam, als der 1. FC Köln im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister gegen den FC Liverpool nach Hin- und Rückspiel im dritten Match (2:2) auf neutralem Platz durch einen solchen Wurf ausschied. Fleischer selbst musste nie ein Finale per Münzwurf entscheiden.

"Allgemein war die Meinung zur Einführung des Elfmeterschießens positiv. Jeder sagte, das sei eine feine Sache." Die einzigen Unzufriedenen, die er in seiner langen Schiedsrichterkarriere bei einem Elfmeterschießen kannte, waren die Fans, die hinter dem gegenüberliegenden Tor standen. "Denn eines musste dennoch ausgelost werden: auf welches Tor das Elfmeterschießen durchgeführt wird", erinnert sich Fleischer, der von 1971 bis 1985 auf der DFB-Liste stand und Linienrichter in der Bundesliga war.

Wald experimentierte heimlich

Der Erfinder, Karl Wald, war bis ins hohe Alter von seiner damaligen Idee begeistert. Noch 2008 gab er in einem Interview im Bayerischen Fernsehen zum Besten, dass er das Elfmeterschießen heimlich mit Vereinen in Garmisch und Benediktbeuern nach von ihm geleiteten Spielen und bei kleinen Turnieren ausprobiert habe. "Das Experiment kam damals gut an." Eines seiner letzten Elfmeterschießen verfolgte er mit seinem Enkel Thorsten: "Ich habe mit meinem Opa 2006 das WM-Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien angeschaut. Er hat sich immer noch bestätigt gefühlt und gesagt, man stelle sich vor, jemand hätte eine Münze geworfen."