"Niemals geht man so ganz", sang Trude Herr vor vielen Jahren. Das trifft gerade besonders auf Rudolf Ruckdeschel zu. "Neben der Kasse, das zweite Zimmer links", beschreibt der 65-Jährige den Ort des Geschehens. Seinen Ort des Geschehens. Der Mann ging vor einiger Zeit vom Landratsamt und ging doch nicht.

Am 29. April 2019 war er letztmalig noch hauptamtlich für das Sachgebiet Bauen und Planungsrecht zuständig, seit Mai 2019 setzt er sich ehrenamtlich für die Belange von Menschen mit Behinderung ein. Selber Ort, anderes Zimmer. Der Mann hat noch Träume. Ihm schwebt eine Begegnungsstätte für Behinderte vor, ein Ort, an dem sie sich über ihre Erfahrungen im Allgemeinen oder im Speziellen austauschen können.

Fragen aller Art

Und da gibt es viel zu tun und vieles hört er sich an. Professionell und doch ehrenamtlich, jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr in Zimmer E 04. Dann kommen Menschen mit Behinderungen zu ihm, die Fragen nach allen Richtungen haben. Wie sieht das für mich mit dem öffentlichen Nahverkehr aus? Wie mit dem Parkausweis? Wie mit Hilfestellungen? Dem Blindengeld oder der Frage: Welcher Grad der Behinderung wird mir zugestanden?

Das Metier hat so seine Regeln und Ausnahmen und Sonderbedingungen. Wer beispielsweise seine Steuerermäßigung für das Kfz gegen Möglichkeiten im ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) eintauscht, bekommt es mit einem Beiblatt ans Hauptzollamt zu tun. In solchen Fällen ist es gut, wenn ein Regierungsinspektor weiß, wo es langgeht.

Platzwechsel. Rudolf Ruckdeschel hat es schön hier. Es ist Sommer, es ist August, er nippt am Kaffee und er ist noch ein paar Tage vom nächsten Mittwoch entfernt. Hier in Oberwallenstadt hat er ein Haus, hier hat er auch eine Art Terrasse, die mehr einem überdachten Wohnzimmer gleicht. Aus nicht allzu weiter Ferne erreichen einen Stimmen, die über den 350 Meter entfernt liegenden Badesee getragen werden und eine Anhöhe überwinden. Die Atmosphäre von Ruhestand ist hier gegeben, aber sie kann trügerisch sein. Denn wenn er sich seine Meinung bildet, die in eine Stellungnahme einzufließen hat dann tut er das eher nicht an einem Mittwochvormittag zwischen 9 und 12 Uhr. "Ich muss mich als Behindertenbeauftragter zum Bau oder Umbau öffentlicher Gebäude und Plätze äußern", erklärt er. Das verlangt nach Akteneinsicht und Vorbereitung.

Passionierter Motorradfahrer

In diesem Moment zeigt sich, dass der Mann, der zwölf Jahre lang Berufssoldat war, sein Beamtenhandwerk versteht. Er spricht nicht vom barrierefreien Bauen und öffentlich zugänglichen Gebäuden, er spricht von DIN 18040 und davon, dass die mehrere Teile hat. Vor allem aber weiß er auch davon zu sprechen, dass er sich umzubauende Gebäude und Plätze im Landkreis vor Ort ansehen muss, dass er quasi gegen Aufwandsentschädigung Ortstermine hat. Der Mann listet auf: "Grundschule in Marktzeuln, Ebensfeld, Bad Staffelstein, Burgkunstadt ..." All das trägt dazu bei, dass er oft sogar zwei Tage in der Woche ehrenamtliche Arbeit verrichtet. Und das mit dem Mittwoch und dem Arbeitsbeginn ab 9 Uhr stimme so eigentlich auch nicht, erklärt der passionierte Motorradfahrer. Am Mittwoch sei er im Regelfall schon zwischen 7 und 7.30 Uhr im Büro, weil er ungestört Nachrichten beantworten möchte.

"Als Spitzenwert waren mal 93 E-Mails aufgelaufen." Wie er das so sagt, scheint er sich zu amüsieren und ein Lächeln spielt um den Mund des Mannes, der häufig ungewöhnlich ernst schaut. Dann schiebt er etwas nach, das sehr sympathisch klingt: "Als Ruheständler ist es auch nicht so, dass ich um 12 Uhr aufhören muss. Wenn etwas länger dauert, dauert es eben länger."

Das leidige Ausfüllen von Formularen - auch dabei hilft der 30 Jahre lang im Landkreis für Wohnungsbau zuständige Ruckdeschel, weil er des Amtsdeutschen mächtig ist, und manchmal, wenn auch er in einer Sache nicht mehr weiter weiß, weiß er immerhin, wo er anrufen kann. "Durch meine lange Zeit im Bauamt habe ich noch gute Kontakte", erklärt er allgemein und gibt als besonderes Beispiel den Kontakt zu Berthold Girschke an, seines Zeichens stellvertretender Kreisbaumeister. Die häufigsten Bitten, die an ihn herangetragen werden, gründen in der Überforderung der Antragsteller für einen Behindertenausweis. Besonders mit Schlaganfallpatienten, die beispielsweise unruhig oder ungeduldig werden und Konzentrationsschwierigkeiten haben, bekommt er es zu tun und verhilft ihnen zur Orientierung über Leistungen und Zuständigkeiten. "Das sind oft Menschen, die von einem Moment auf den anderen eine komplette Lebensveränderung erfahren mussten. Das ist totales Neuland für diese Personen."

Die zartfühlende Seite

An einem Punkt des Gesprächs angekommen, zeigt sich an dem einstigen Oberfeldwebel eine geradezu zartfühlende Seite mit Einblicken in menschliches Leid. So erzählt er von Vereinsamung, die bei einem alten Mann dadurch entstanden ist, dass ihm durch die Demenz seiner Ehefrau das Gegenüber abhanden kam.

Ein Kollege am Amt habe ihn seinerzeit für den Posten des Behindertenbeauftragten vorgeschlagen. Dann kam es zur üblichen Vorgehensweise, die darin besteht, dass der Landrat die entsprechende Person dem Kreisausschuss vorschlägt. Der stimmt dann zu oder nicht. Bei Zustimmung gilt die Amtsdauer für zwei Jahre. Bayernweit wird der Posten von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich gehandhabt, in manchen Landkreisen ist der Behindertenbeauftragte ein Hauptamtlicher, in Lichtenfels, so Ruckdeschel, sei das doch stets ein ehrenamtlich Beauftragter gewesen.

Wenn der Oberwallenstadter eine bestimmte Rechnung aufmacht, dann wird sein weites Betätigungsfeld erst richtig fassbar. "Zehn Prozent der Bevölkerung gelten als behindert." Würde man all diese Menschen an einem Ort versammeln, dann wäre dieser Ort sogar größer als Ebensfeld. Mit Statistiken zum Thema Behinderte im Landkreis zeigt er sich vertraut, letztlich fließen in solche wohl auch seine Berichte ein. Auch er muss Listen führen und dokumentieren, denn dem Kreistag hat er jährlich einen Rechenschaftsbericht vorzulegen. Eine Statistik lautet darauf, dass er pro Woche wohl acht bis zehn Personen bei persönlicher Vorsprache berät.

Zeitliche Vorgaben für die Dauer eines einzelnen Beratungsgespräches gibt es nicht, es dauert, so lange es eben dauert. VdK, Regens Wagner, Caritas - auch sie haben ihm für sein Tun etwas zu bieten. An dieser Stelle erinnert sich der Mann an ein Seminar zum Thema "Einfache Sprache". Auch die will beherrscht sein, denn knifflige Zusammenhänge wollen und müssen oft einfach erklärt werden. Doch manchmal, das durfte Ruckdeschel auch schon feststellen, geht es den ihn konsultierenden Menschen auch um etwas anderes: "Einfach mal wieder mit jemandem reden." Doch zu den Terminen kann man - gerade in Corona-Zeiten - nicht einfach hereinschneien, sie wollen eine Woche vorher vereinbart werden. Irgendwann fällt das Gespräch wieder auf sein Hobby - Motorradfahren. Eine schöne Betätigung für einen Pensionär. Überhaupt: Wie lange will er denn noch ehrenamtlich tätig sein? Immerhin wäre ein Pensionärsdasein ohne Pflichten und Aufgaben doch auch denkbar. "Bis ich den Bernd Girschke überredet habe, das zu übernehmen. Aber der hat noch drei, vier Berufsjahre", sagt der Unruheständler, der sich in Lichtenfels bei dem Stadtentwicklungsprojekt "Vision 2030" in einer Arbeitsgruppe für Senioren und Menschen mit Handicap einsetzt. Und da war sie dann wieder, diese im Grunde ständige Offenheit für ein Lächeln, sogar Lachen.